Evangelischer Kirchentag in Berlin : Nur keine Kritik am Scheich

Innenminister Thomas de Maizière traf beim Kirchentag auf den Groß-Imam der Kairoer Al-Azhar-Universität. Dem Besucher blieben unbequeme Fragen erspart.

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Scheich, Minister, Präsidentin: Großimam Ahmad al-Tayyeb und Bundesinnenminister Thomas de Maizière neben der Präsidentin des Kirchentags, Christina Aus der Au.
Scheich, Minister, Präsidentin: Großimam Ahmad al-Tayyeb und Bundesinnenminister Thomas de Maizière neben der Präsidentin des...Foto: epd

Gastfreundschaft gehört zu jenen globalen Werten, für die es praktisch keine interkulturellen Schulungen braucht. Und zu ihren eisernen Standards gehört es, es dem Gast möglichst angenehm zu machen.
Ein prominenter Gast des Kirchentags dürfte für die Gebote der Gastfreundschaft an diesem Freitag besonders dankbar gewesen sein.

Geistlicher von Gnaden des Regimes

Ahmad Mohammed Al-Tayyeb, der sich am Freitag zum öffentlichen Austausch über religiöse Toleranz mit dem Bundesinnenminister traf, ist Großimam der über tausendjährigen Kairoer Azhar-Universität, der berühmtesten Stätte islamischer Gelehrsamkeit. Das macht ihn zu einer der großen Autoritäten des sunnitischen Islam. Aber jeder „Scheich al-Azhar“ hat auch den Rang eines Ministerpräsidenten und wird vom Staatspräsidenten eingesetzt. Da hätte man sich die ein oder andere kritische Frage der anwesenden Christinnen und Christen schon erwartet: zum Umgang des al-Sisi-Regimes mit Demokratie und Menschenrechten, zu Folter, Unterdrückung und zur Rolle eines Staatsislam dabei.

Doch Kritisches hatte beim Treffen mit Thomas de Maizière in Halle 20 des Berliner ICC keinen Platz, von der Begrüßung der Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au für den Gast („eine große Ehre“) bis zu den Fragen der Zuhörer, die zwei „Anwälte des Publikums“ sortierten und vortrugen. So konnten die Ausführungen des 70-jährigen Gelehrten in seinem Auftaktvortrag widerspruchslos allgemein bleiben: Dass Terror „unser gemeinsamer Feind“, dass er „des Teufels“ sei und folglich nie das Werk von Gottesgläubigen, dass das Christentum auf dem Judentum und der Islam auf beiden Offenbarungsreligionen aufbaue – von all dem sprach der Scheich, ohne die Wirklichkeit auch nur zu streifen. Der Moderator dankte für einen „wegweisenden Vortrag, der zu Herzen gegangen ist“.

Die Wirklichkeit brach später ein, als der Bundesinnenminister die Nachricht vom neuerlichen tödlichen Anschlag auf einen mit vermutlich koptischen Christen besetzten Bus weitergab, die sein Stab ihm gerade übermittelt hatte. Al-Tayyeb reagierte wie gewohnt, mit symbolischer Ausbürgerung des Bösen: „Seien Sie sich sicher, dass kein Ägypter so eine Tat gutheißt. Wer so etwas tut, ist kein Ägypter.“ Es gehe den Tätern darum, „Ägyptens Stabilität zu erschüttern“.

"Tolerant sind Religionen eher nicht"

Es brauchte dann den Vortrags des Bundesinnenministers, um wenigstens etwas Zweifel auf so viel religiöse Selbstgewissheit zu pfropfen – nicht offen kritisch gegen den Vorredner („Was für ein schöner Vortrag!“), sondern in allgemeine Religionskritik gekleidet, ausgehend vom deutschen Negativbeispiel des Dreißigjährigen Kriegs: „Eine Geschichte der Toleranz gibt es ja in den Religionen eher nicht“, so der Minister. Auch in Deutschland habe nicht die Reformation selbst den Toleranzgedanken durchgesetzt, sondern nach Jahrzehnten Krieg und Verwüstung die Einsicht, dass eben diese Reformation nicht mehr zurückzudrehen sei.

Das wiederhole sich heute: In einer Welt ohne Distanzen könnten sich die Religionen nicht mehr aus dem Weg gehen. Man arbeitet vielmehr zusammen: Minister und Scheich nannten gemeinsame Projekte in der Ausbildung von Geistlichen. Ob al-Sisis Diktatur dafür eine bessere Adresse ist als die Religionsbehörde in Erdogans Türkei, blieb unerfragt.

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