Evangelisches Familienbild : Protestanten ringen um Position zur Ehe

Die evangelische Kirche hatte im Sommer dafür geworben, alle Familienformen anzuerkennen - und zwar unabhängig davon, ob sie hetero- oder homosexuell sind. Daraufhin wurde ihr vorgeworfen, die Ehe abschaffen zu wollen. Auf einer Tagung der EKD wurde jetzt deutlich, wie schwer sich die Ehe aus der Bibel ableiten lässt

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Die „Orientierungshilfe“ der Evangelischen Kirche zum Verständnis von Ehe und Familie warb damit, alle Familienformen anzuerkennen - unabhängig davon ob die zusammenlebenden Menschen verheiratet sind, oder nicht oder wen sie lieben.
Die „Orientierungshilfe“ der Evangelischen Kirche zum Verständnis von Ehe und Familie warb damit, alle Familienformen anzuerkennen...Foto: dpa

Der Aufschrei im Sommer war groß: Die evangelische Kirche schaffe die Ehe ab, hieß es. Sie verrate das Erbe von Martin Luther, sie verunsichere die Menschen statt ihnen Orientierung zu geben. Der Anlass für die teils bösartigen Unterstellungen ist eine 160 Seiten umfassende „Orientierungshilfe“ zum Verständnis von Ehe und Familie, die der Rat der Evangelischen Kirche (EKD) im Juni vorgelegt hat. Die Schrift wirbt dafür, alle Familienformen anzuerkennen, in denen Menschen dauerhaft, verbindlich und verantwortungsvoll zusammenleben, ob mit oder ohne Trauschein, ob hetero- oder homosexuell.

Am Samstag reagierte die EKD mit einem wissenschaftlichen Symposium auf die Kritik. Vor 150 Gästen diskutierten vier Theologen in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt darüber, was sich aus der Bibel über Ehe und Familie ableiten lässt und was daraus für heute folgt.

Nach der hoch konzentrierten, vierstündigen Debatte kann Entwarnung gegeben werden für alle, die fürchteten, die Kirche wende sich von der Ehe ab. Die Ehe ist und bleibt Leitbild der evangelischen Kirche. Doch das Plädoyer für die Ehe lässt sich nicht einfach aus der Bibel ableiten – auch wenn man sich theologisch mehr Mühe gibt als es die Autoren des umstrittenen Papiers getan haben. Auch das wurde bei der Tagung deutlich.

Kritik am Rat der Evangelischen Kirche

Wilfried Härle, emeritierter Theologieprofessor aus Heidelberg und früherer Vorsitzender der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD, warf den Autoren des Familienpapiers vor, sie hätten sich mehr von der heutigen Lebenswirklichkeit mit Patchworkfamilien und Scheidungen leiten lassen als von der Bibel. Der Heidelberger Theologe Klaus Tanner spitzte die Kritik zu: Die EKD wolle in der Sozialpolitik mitmischen und instrumentalisiere die Kirche dafür. Er sehe in dem Familienpapier „eine gezielte politische Indienstnahme der evangelischen Kirche für eine gesellschaftspolitische Agenda, die auf den Ausbau des Sozialstaates zielt“. Er warf den Autoren vor, die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts als „unhinterfragbare Autoritätsinstanz“ zu nehmen und sich aufs politische Glatteis zu begeben. Biblische Texte seien nicht analysiert, sondern lediglich nacherzählt worden.

Doch auch wenn man sie analysiert, bleiben die Befunde strittig. Wilfried Härle ist der Meinung, dass sich anhand der Bibel durchaus begründen lässt, dass allein die „auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau“ Gottes Wille entspreche und dass die Ehe die dafür vorgesehene gottgewollte Rechtsform sei.

„Das Neue Testament spricht nicht von Ehe und Familie in unserem Sinn“, entgegnete die Hamburger Theologin Christine Gerber. Für die Menschen in der Antike sei klar gewesen, dass in der Ehe der Mann über der Frau stehe, Eltern über den Kindern, Herren über Sklaven. Mit Gleichheit, gegenseitiger Liebe und Solidarität – dem heutigen Ideal von Ehe - hatte das wenig zu tun. Unter den Urchristen sei die Ehelosigkeit in Mode gekommen, denn man dachte, das Weltende stehe unmittelbar bevor und es sei nicht mehr nötig, sich fortzupflanzen. Als hundert Jahre später entschieden wurde, welche Texte in die Bibel aufgenommen werden und welche nicht, hatte sich die Situation geändert: Das Weltende war nicht eingetreten, und die Ehe stand wieder höher im Kurs. Die Urchristen hätten sich mit der Ehe auch der Mehrheitsgesellschaft angepasst: Kaiser Augustus belohnte freie Frauen, die heirateten und mehrere legitime Kinder gebaren mit Rechten.

Einfacher als eine bestimmte Familienform aus der Bibel herzuleiten, sei es, aus der Bibel ethische Kriterien für ein christliches Zusammenleben in der Familie abzuleiten, sagte Christine Gerber Auch das Familienpapier hatte den Schwerpunkt nicht auf die Form gelegt, sondern auf die inhaltliche Ausgestaltung von familiären Beziehungen: verbindlich sollen sie sein, verantwortungsvoll, dauerhaft und gleichberechtigt.

Ehe lässt sich nicht aus der Bibel begründen

Auch für den Mainzer Theologen Friedrich Wilhelm Horn lässt sich die  Ehe „nicht direkt aus der Bibel begründen“. Und doch stelle die Ehe „innerhalb der Bibel und in der Geschichte des Christentums konkurrenzlos die besondere Form dar, in der sich ein christliches partnerschaftliches Leben verwirklicht“. Das hätten die Autoren des Familienpapiers deutlicher hervorheben müssen, meint Horn.  

Denn man könne die Ehe als Leitbild sehen und gleichzeitig andere Familienformen anerkennen. Da gebe es überhaupt keinen Widerspruch. Denn überall dort, wo zwei Menschen verbindlich, verlässlich und dauerhaft miteinander leben, sei das ethische Ideal der Ehe eingelöst. Das gelte auch für homosexuelle Partnerschaften. Die seien in der biblischen Ethik „undenkbar“ und doch bejahe er sie ausdrücklich, sagte Horn. Man müsse sich eben auch manchmal bewusst gegen die biblischen Vorgaben wenden. „Es ist eine fromme Illusion, heute das Leben in vollem Umfang nach den Weisungen der Bibel ausrichten zu können“, sagte Horn und warnte vor einem „gefährlichen Fundamentalismus“.  

„Die Debatte hat gezeigt, dass wir bei der theologischen Begründung von Ehe und Familie erst am Anfang stehen“, sagte der Berliner Bischof Markus Dröge nach der Veranstaltung. „Wenn wir uns einig sind, dass die Ehe weiter Leitbild bleibt, dann müssen wir jetzt davon ausgehend und orientiert an den echten Problemen der Menschen weiterdiskutieren“, sagte der Münchner Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. „Die Empfehlungen werden aufgegriffen, die Debatte wird weitergehen“, versprach der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Auch auf der EKD-Synode im November soll das Thema zur Sprache kommen. Vielleicht werde man auch eine neue Kommission einsetzen, die die „Orientierungshilfe“ in Richtung einer normativen „Denkschrift“ für ein neues Ehe- und Familienverständnis weiterentwickelt.

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