• Ex-Bischöfin Margot Käßmann über Flüchtlinge: "Flüchtlinge sind Botschafter des weltweiten Elends"

Ex-Bischöfin Margot Käßmann über Flüchtlinge : "Flüchtlinge sind Botschafter des weltweiten Elends"

Margot Käßmann hält die Grenze der Belastbarkeit durch Flüchtlinge nicht erreicht. "Wo leiden Deutsche, weil Flüchtlinge im Land sind?", fragt die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche. Ein Interview.

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Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ist jetzt Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017.
Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ist jetzt Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017.Thilo Rückeis

Deutschland polarisiert die Frage, ob man Flüchtlinge willkommen heißen soll. Geht auch eine Trennlinie durch die Kirche?

Nein. Ich habe selten eine solche Einmütigkeit der leitenden Geistlichen und in den Gemeinden erlebt. Mindestens jede vierte Gemeinde unterstützt ganz konkret Flüchtlinge. Allein 120.000 evangelische Ehrenamtliche helfen. Das freut mich sehr. Die Anhänger von Pegida behaupten, sie würden das Abendland verteidigen. Das stimmt nicht. Die Kirchengemeinden verteidigen das Abendland, indem sie Nächstenliebe praktizieren.

Flüchtlinge sind ein Segen für die Kirche?
Da ist sie bei ihrem ureigenen Thema angekommen. Im Matthäus-Evangelium wird erzählt, dass Jesus selbst Flüchtling war. An einer anderen Stelle heißt es: Wer Fremde, ja wer Flüchtlinge aufnimmt, nimmt Jesus selbst auf.

Ist es nicht trotzdem seltsam, dass ein säkularisiertes Land jetzt so moralisch wird?
Es ist doch gut, dass sich Menschen anrühren lassen vom Leid anderer und begreifen, dass Flüchtlinge Botschafter des weltweiten Elends sind. Wir leben auf einer Insel der Seligen. Auf keinem deutschen Tisch wird es Weihnachten an Essen fehlen, weil Flüchtlinge hier Zuflucht finden.

2009 haben Sie gesagt: „Ich stelle mir vor, dass wir in fünf bis zehn Jahren als europäische Gemeinschaft gerecht und solidarisch Flüchtlinge und Migranten aus aller Welt bei uns aufnehmen.“ Hat sich die Prophezeiung erfüllt oder die Hoffnung?
Die Hoffnung ist, dass Menschen nicht mehr flüchten müssen. Die hat sich nicht erfüllt. Wir haben viel zu lange die Fluchtursachen ignoriert. Aber natürlich bin ich froh, dass Europa Flüchtlinge aufnimmt, und wir können nicht akzeptieren, dass sich einige osteuropäische Länder verweigern. Ein Land kann nicht EU-Mitglied sein und nur die schönen Seiten genießen.

Glauben Sie an eine europäische Lösung?
Meine Generation hat erlebt, wie die Grenzen abgebaut wurden. Wenn das rückgängig gemacht würde, wäre das eine europäische Tragödie.

Fast überall in Europa ist ein politischer Rechtsruck zu spüren. Kann man trotzdem verlangen, dass alle Flüchtlinge aufnehmen?
Wir dürfen uns nicht von rechten Ideologien erpressen lassen. Wir müssen dafür eintreten, dass zu den europäischen Werten das Recht gehört, dass politisch Verfolgte Asyl erhalten.

Ist die Grenze der Barmherzigkeit an der Grenze der Belastbarkeit erreicht?
Das würde ich für Europa nicht gelten lassen. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Im Libanon, das nur vier Millionen Einwohner hat, leben fast zwei Millionen Flüchtlinge. Was heißt denn dann für uns Grenze der Belastbarkeit? Wo leiden denn Deutsche, weil Flüchtlinge im Land sind?

Die Kraft der Ehrenamtlichen ist endlich.
Die Kraft ist sicher endlich, aber das Engagement muss es nicht sein. Ich habe noch von keiner Kirchengemeinde gehört, dass sie am Ende ihrer Kraft sei. Ich will die Belastung nicht kleinreden. Aber ich habe auch den Eindruck, dass teilweise Befürchtungen geschürt werden, die sich nicht mit der Erfahrung decken.

Zum Beispiel?
Im Zug erklärte mir eine Frau, dass das Land „überfremdet“ werde und dass man in Berlin nicht mehr auf die Straße gehen könne. Das ist eine absurde Angst. Ich gehe hier jeden Tag auf die Straße und habe keine Angst. Die Flüchtlinge sind da und präsent, aber warum macht das Angst? Wenn mich die Verkäuferin mit Kopftuch sehr deutsch fragt, ob’s noch ein bisschen mehr sein dürfe, warum muss ich da Angst haben? Ich denke, Angst haben vor allem die, die keine Begegnung mit Flüchtlingen haben.

Ist für Sie der Begriff „besorgte Bürger“ ein Schimpfwort?
Ich wünsche mir, dass Menschen konkret sagen, was ihnen Sorge macht. Die diffuse Angst etwa vor der Islamisierung ist Unsinn. Zwei Drittel der Deutschen sind Mitglied einer Kirche. Wir haben gut vier Millionen Muslime im Land, von denen viele säkularisiert sind. Es gibt auch Extremisten, aber auf allen Seiten: Die einen werfen Brandsätze auf Flüchtlingswohnheime, andere lassen sich von Salafisten anwerben. Im Libanon haben sie mir gesagt: Wir brauchen keine Schutzzonen für die Christen, sondern Schutzzonen für die Moderaten, die friedlich zusammenleben wollen.

Einige osteuropäische Länder wollen nur christliche Flüchtlinge aufnehmen.

Das ist nicht christlich.

„Tue Gutes an jedermann, aber besonders an Glaubensgenossen“, sagt Apostel Paulus. Ist das nicht christlich?
Das ist auch christlich. Aber ich halte mich lieber an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Das Gespräch zwischen den Religionen ist schwierig. Das fängt schon damit an, dass manche konservative Muslime Frauen nicht die Hand geben.
Damit habe ich Probleme. Wenn ich in ein Land komme, in dem es Sitte ist, dass jemand die Schuhe auszieht, bevor er einen Raum betritt, dann tue ich das. Bei uns ist die Begrüßung mit Handschlag Teil der Kultur. Daran müssen sich manche gewöhnen. Es ist außerdem nicht eine Frage der Hygiene in unserem Land oder gar Ausdruck von Sexualität, wenn ein Mann die Hand einer Frau berührt. Das ist krude Überhöhung von Sexualität und das Problem des Mannes, wenn er nicht mal eine Hand berühren kann oder Haare sehen kann, ohne sexuell erregt zu sein. Das regt mich wirklich auf.

Der Westen versucht, Fluchtursachen und den Krieg in Syrien auch mithilfe von Luftschlägen zu beenden. Als der Bundeswehreinsatz für Syrien beschlossen wurde, sagten Sie, Sie seien „fassungslos“. Warum?
Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass innerhalb von drei Stunden ein Einsatz dieses Ausmaßes beschlossen wird. Erst recht nicht, wenn kurz zuvor die Syrienkonferenz in Wien konkrete Schritte vereinbart hat, wie es zu Frieden kommen kann: bis 2016 eine Übergangsregierung installieren, 18 Monate später freie Wahlen. Der Plan ist mit den UN abgestimmt. Der Militäreinsatz hat kein UN-Mandat.

Aber dem Plan der Friedenskonferenz hat der „Islamische Staat“ nicht zugestimmt.
Aber es ist zumindest ein Plan, um einen Krieg zu beenden, der längst hätte beendet werden müssen. Ich sehe nicht, wie aus der Bombardierung langfristig Frieden entstehen kann.

Können Sie sich vorstellen, dass Menschen aus christlicher Überzeugung die Bombardierung befürworten?
Klar. Ich habe auch nie gesagt, dass Pazifisten nicht schuldig werden können. Natürlich kann ein Mensch schuldig werden, indem er gegen Bombardieren stimmt. Aber ein Mensch kann eben auch schuldig werden, indem er bombardiert, weil dann eben doch auch Unschuldige getroffen werden.

Der Schriftsteller Stefan Zweig hat einmal gesagt: „Es ist die vernichtende Tragik des Pazifismus, dass er nie zeitgemäß erscheint. Im Frieden überflüssig, im Krieg wahnwitzig, im Frieden kraftlos und in der Kriegszeit hilflos.“ Trotzdem kann er nicht zu den Akten gelegt werden.

Müssen wir wegen Syrien mit Putin reden?

Es gibt keinen Frieden, wenn die Kräfte, die Frieden schaffen könnten, nicht verhandeln. Deshalb muss auch mit Putin gesprochen werden. Wenn es stimmt, was Experten sagen, dass es da auch um einen Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran geht, muss auch mit Saudi-Arabien geredet werden. Dabei ist klar: Saudi-Arabien ist fürwahr kein Hort der Menschenrechte und erst recht keiner der Frauenrechte.


Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017. Auf welchen Begriff würden Sie 500 Jahre Reformation bringen?
Auf die Freiheit. In Glaubens- und Gewissensfragen ist jeder Mensch frei. Daran hat sich Luther in Bezug auf andere nicht immer gehalten, aber das ist das zentrale Signal.

Der Protestantismus wächst in Asien, in Afrika und dort in der charismatischen, evangelikalen Ausprägung. Die kommen auch alle zum Reformationsjubiläum nach Wittenberg. Freuen Sie sich auf sie?
Ich freue mich auf das Fest und darauf, Menschen zum Nachdenken darüber zu bringen, was Reformation für uns heute bedeutet. Mit unseren Partnerkirchen aus den Kontinenten im Süden möchte ich über gebildete Religion diskutieren. Luther ging es darum, dass Menschen selbst lesen, fragen und eigenständig den Glauben bekennen können. Das ist eine Abwehr von Fundamentalismus. Dieser gebildete Glaube ist eine Herausforderung für charismatische Bewegungen.

Charismatiker können nicht gebildet sein?
Können schon. Aber es gibt in charismatischen Bewegungen die Tendenz, sich nicht mehr selbst mit der Bibel kritisch auseinanderzusetzen. Der Gottesdienst ist oft eine große Bühnenshow, und erst, wenn ich emotional aufgeheizt bin, gibt es ein lautes gemeinsames Beten. Viele dieser Gemeinden sind außerdem extrem personenfixiert. Luther ging es aber um das Priestertum aller Getauften.

Soll Papst Franziskus zum Reformationsjubiläum nach Wittenberg kommen?
Sehr gerne.

Wird er eingeladen?
Er ist mehrfach eingeladen worden.

Sendet Franziskus andere Signale in Richtung Ökumene aus als sein Vorgänger?
Ich denke, die Ökumene ist nicht sein Schwerpunktthema. Aber wenn er als Erstes nach Lampedusa fährt, wenn er im Gefängnis auch Muslimen die Füße wäscht, wenn er den Kapitalismus kritisiert, dann begreifen das viele evangelische Christinnen und Christen als sehr ökumenisch.

Sie empfinden ihn als Bruder im Geiste?

Durchaus. Ich könnte auch sagen: als Reformator.

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