Experten fordern Milliardeninvestitionen : "Die Zukunft der Pflege liegt im Quartier"

Mit besserer Pflege allein ist es nicht getan, finden Experten. Sie fordern auch deutlich mehr Investitionen in eine altengerechte Infrastruktur.

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Alle Parteien wollen eine bessere Pflege. Doch dafür müssen sie in der nächsten Legislatur viel Geld in die Hand nehmen. Foto: dpa
Alle Parteien wollen eine bessere Pflege. Doch dafür müssen sie in der nächsten Legislatur viel Geld in die Hand nehmen. Foto: dpaFoto: dpa

Ein bisschen Nachkarten muss sein. Weil die Politik nicht rechtzeitig auf ihn und sein Expertengremium gehört habe, seien die letzten Jahre für eine ganze Generation Demenzkranker verloren gewesen, sagt Jürgen Gohde. Bei der Präsentation eines gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellten Konzepts für eine Pflegereform beklagte der Vorstandschef des Kuratoriums Deutscher Altershilfe (KDA) eine „interessengeleitete Flickschusterei, die alles beredet und nichts entscheiden will“. An der Spitze eines vielköpfigen Regierungbeirats hatte Gohde bereits vor vier Jahren mit detaillierten Vorschlägen zur Neudefinition von Pflegebedürftigkeit gedrängt. Als absehbar war, dass Schwarz-Gelb nichts davon anpacken würde, hatte er Ende 2011 das Handtuch geworfen.

Nun freut sich Gohde, dass zumindest in der nächsten Legislatur um dieses Thema „keiner mehr herumkommt“. Immerhin hat sich der Pflegebeirat ja kurz vor knapp doch noch auf Empfehlungen verständigt, die dann von allen Parteien begrüßt worden sind. Dem früheren Beiratschef sind sie allerdings zu dürftig. Man müsse nicht nur endlich weg von einer Pflege im Minutentakt und hin zu einer Versorgung, die Teilhabe, Selbstbestimmung und Würde der Menschen im Blick habe. Nötig seien auch Konzepte zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit, für neue Wohnformen und eine ganz andere, altengerechte Infrastruktur.

„Die Zukunft der Pflege liegt im Quartier“, sagte Gohde. Städte, Landkreise und Kommunen müssten bei der Vernetzung von Angeboten viel stärker in die Pflicht genommen werden. Nachbarn und Freunde müssten eingebunden, haushaltsnahe Dienstleistungen bezahlbar gemacht, ein flächendeckendes Beratungsangebot geschaffen werden. Nötig sei hier „ein Investitionsprogramm großen Ausmaßes“ – vergleichbar mit dem, was derzeit gestemmt werde für die Betreuung von Kindern, betonte der Experte.

Gleichzeitig, so heißt es in dem Papier von KDA und Ebert-Stiftung, müsse die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf „massiv unterstützt und arbeitsrechtlich ausgeweitet“ werden. Unverzichtbar sei auch ein „Paradigmenwechsel“ für die professionell Pflegenden: eine „erheblich verbesserte Ausbildung“, deutlich mehr Personal sowie eine Bezahlung „generell nach Tariflohn“. Pflege und Assistenz dürften „kein prekärer Beschäftigungssektor sein“. Auf die Kosten all dessen ging Gohde nicht im Detail ein. Ohne Erhöhung des Pflegebeitrags um 0,5 Punkte aber, stellte er klar, seien schon die nötigsten Verbesserungen in der Pflegequalität nicht zu haben.

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