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Festnahme nach Anschlag auf BVB-Bus : Bundesanwaltschaft geht von Einzeltäter aus

Ein Deutsch-Russe soll aus Habgier den Anschlag auf den BVB-Teambus verübt haben. Der 28-Jährige wollte mit dem Absturz der BVB-Aktie Geld verdienen.

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Anschlag auf den BVB-Bus: Die Polizei verdächtigt einen Deutsch-Russen.
Anschlag auf den BVB-Bus: Die Polizei verdächtigt einen Deutsch-Russen.Foto: dpa/Ina Fassbender

Die Bundesanwaltschaft hat nach der Festnahme eines Verdächtigen bislang keine Anhaltspunkte für Komplizen bei dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Bundesligist Borussia Dortmund. Es gebe keine Hinweise auf Gehilfen oder Mittäter, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, am Freitag in Karlsruhe. Die Ermittlungsbehörde behalte diese Frage aber weiter im Blick. Der 28 Jahre alte Tatverdächtige wird von der Bundesanwaltschaft verdächtigt, den Sprengstoffanschlag verübt zu haben, um mit Aktienoptionen einen hohen Gewinn zu machen. Beamte der GSG 9 hatten den Mann im Raum Tübingen festgenommen.

Der Tatverdächtige im Fall des Angriffs auf den BVB-Mannschaftsbus ist bereits seit mehreren Tagen im Fokus der Ermittler gewesen. Nach einem ersten Hinweis in der vergangenen Woche sei der Verdächtige intensiv beobachtet und ausgeleuchtet worden, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Freitag in Berlin. De Maizière verurteilte die Bekennerschreiben nach dem Anschlag als "besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen". Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, "wäre das ein besonders widerwärtiges Tatmotiv". Weiter sagte der Minister: "Die Beweise reichen tief, der Verdacht ist gewaltig, allerdings wird es jetzt darauf ankommen, die Beweismittel so zu verfestigen, dass dann auch eine Verurteilung erfolgen kann."
Wenn sich der Verdacht der Ermittler bestätige, habe der Täter versucht, sich als Terrorist auszugeben, sagte der CDU-Politiker am Freitag in Berlin. Das zeige, dass es richtig sei, in alle Richtungen zu ermitteln und nicht zu früh Schlussfolgerungen zu ziehen.

Der verdächtige Sergej W., hat seit Mitte 2016 als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk gearbeitet. Das bestätigte ein Sprecher des Energiekonzerns MVV in Mannheim. Das Heizwerk wird von einem Tochterunternehmen betrieben. Sergej W. soll am Nachmittag einem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof vorgeführt. Dieser kann Haftbefehl erlassen. Ihm werden nach dem Anschlag auf die Fußballspieler versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Der Verdächtige habe durch den Anschlag den Kurs der BVB-Aktie beeinflussen wollen und aus Habgier gehandelt. Er habe sogenannte Put-Optionen gekauft, die auf fallende Kurse spekulieren. "Bei einem massiven Verfall der Aktie von Borussia Dortmund hätte hier der Gewinn nach vorläufigen Berechnungen ein Vielfaches des Einsatzes betragen", schrieb die Bundesanwaltschaft. "Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn in Folge des Anschlags Spieler schwer verletzt oder gar getötet worden wären."

Die Hoffnung des mutmaßlichen Attentäters auf einen drastischen Kursverfall der BVB-Aktie erfüllte sich nicht. Das Wertpapier stieg am 12. April, dem Tag nach dem Anschlag, von 5,61 Euro auf 5,71 Euro. Bis zu diesem Donnerstag bröckelte der Kurs lediglich auf 5,36 Euro ab.

NRW-Innenminister von Schuld überzeugt

NRW-Innenminister Ralf Jäger ist von der Schuld des festgenommenen Tatverdächtigen überzeugt. Es gebe "eine Fülle von Indizien, die auf den Tatverdächtigen hinweisen", sagte Jäger. Er selbst habe vor einigen Tagen zum ersten Mal von dem ungewöhnlichen möglichen Motiv des Mannes gehört. Der SPD-Minister sprach angesichts der vorliegenden Erkenntnisse von einem "niederträchtigen Motiv, mit hoher Kriminalität und Professionalität umgesetzt". Seiner Einschätzung nach hätte der Täter möglicherweise einen Millionengewinn erzielen können. Der Mann habe 79.000 Euro investiert, um entsprechende Aktienoptionsscheine zu kaufen, sagte Jäger. Dafür habe er offenbar einen Verbraucherkredit aufgenommen.

Der Beschuldigte hat nach Angaben des Bundeskriminalamts am Abend des Anschlags am 11. April im selben Hotel gewohnt wie die BVB-Mannschaft. Auf die Spur von Sergej W. kamen die Ermittler vor allem, weil er die Put-Optionen über die IP-Adresse des Hotels kaufte. Er habe das Zimmer im Dachgeschoss mit Blick auf den späteren Anschlagsort bereits zwei Tage zuvor bezogen. Auch für den Zeitraum vom 16. bis 20. April hatte der Verdächtige ein Zimmer in dem Hotel gebucht. Die Termine umfassten beide Begegnungen der Champions League zwischen dem BVB und dem AS Monaco. Zum Zeitpunkt der Buchung war noch nicht festgelegt, an welchem der beiden Termine das Heimspiel in Dortmund stattfinden wird.

Der mutmaßliche Attentäter hat nach Informationen des Tagesspiegels offenbar in der Nacht vor dem Anschlag den Tatort ausgespäht und präpariert. In der Nähe der Hecke, hinter der die drei Sprengsätze versteckt waren, seien ein kleines, angebranntes Zelt und ein ebenfalls angekokeltes Nachtsichtgerät gefunden worden, sagten Sicherheitskreise. Der Täter habe möglicherweise Zelt und Nachtsichtgerät angezündet, um Spuren zu vernichten.

Sprengsätze "zeitlich optimal gezündet"

Auf dem Weg vom Hotel zum Stadion zum Heimspiel gegen Monaco am Abend des 11. April hatte die Explosion von drei Sprengsätzen den BVB-Mannschaftsbus getroffen. Die Sprengsätze waren nach Angaben der Bundesanwaltschaft über eine Länge von 12 Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Sprengwirkung war dabei auf den Bus ausgerichtet, die Sprengsätze wurden laut den Ermittlern "zeitlich optimal gezündet". Der vordere und der hintere Sprengsatz waren in Bodennähe angebracht, der mittlere in einer Höhe von etwa einem Meter und damit zu hoch, "um seine Wirkung voll entfalten zu können". Der Anschlag hätte demnach noch schlimmere Folgen haben können.

Bestückt waren die Sprengsätze den Angaben zufolge mit Metallstiften. Diese waren etwa 70 Millimeter lang, hatten einen Durchmesser von 6 Millimetern und ein Gewicht von etwa 15 Gramm. Ein Metallstift sei noch in einer Entfernung von 250 Meter aufgefunden. Die Zündung erfolgte nach derzeitigem Erkenntnisstand für jeden Sprengsatz separat über eine funkausgelöste elektrische Schaltung. Zur Art des verwendeten Sprengstoffs liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Bei der Explosion barsten Scheiben des Busses. Der BVB-Spieler Marc Bartra wurde am rechten Unterarm schwer verletzt. Ein Polizist, der auf einem Motorrad den Bus begleitete, erlitt ein Knalltrauma und einen Schock.

Das Spiel gegen Monaco wurde um einen Tag verschoben. Der BVB unterlag 2:3 und schied nach einer 1:3-Niederlage im Rückspiel in Monaco aus dem diesjährigen Wettbewerb aus.

Schon früh Zweifel an Bekennerschreiben

Ein Bekennerschreiben, von dem die Polizei drei gleichlautende Exemplare nahe dem Tatort fand, suggerierte einen islamistischen Hintergrund der Tat. In dem Papier war von einer Todesliste der Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Rede. Es wurde behauptet, auf der Liste stünden Sportler, Schauspieler und andere "ungläubige" Prominente. Die Sicherheitsbehörden bezweifelten allerdings schon früh, dass Salafisten für den Anschlag verantwortlich sind.

Das Bekennerschreiben habe sich der Täter "aus dem Internet zusammengebastelt", hieß es. Die Überschrift "Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen" sei aus einem Text im Internet herauskopiert worden. "Sowas machen Islamisten normalerweise nicht", sagte ein Sicherheitsexperte, "die schreiben das alles selbst". Eine weitere Formulierung habe zudem den Verdacht verstärkt, der Attentäter könnte russischer Herkunft sein. Im ersten Satz des Bekennerschreibens steht, "12 ungläubige wurden von unseren Gesegneten Brüder in Deutschland getötet".

Der Begriff "Gesegnete Brüder" habe einen orthodox christlichen Klang, hieß es. Der Täter spielte mit dem Satz offenkundig auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin an. Am 19. Dezember hatte der Tunesier Anis Amri zwölf Menschen getötet. Zu diesem Angriff hatte sich die Terrormiliz IS bekannt. Zum Anschlag in Dortmund war vom IS nichts zu hören.

Eine kurz nach dem Anschlag im Internet aufgetauchte, linksradikal intonierte Selbstbezichtigung sowie eine beim Tagesspiegel eingegangene, rechtsextrem formulierte Bekennermail galten als unglaubwürdig.

Polizeifahrzeuge stehen in Rottenburg am Neckar in der Nähe von Tübingen.
Polizeifahrzeuge stehen in Rottenburg am Neckar in der Nähe von Tübingen.Foto: dpa/Christoph Schmidt

BVB bedankt sich bei Ermittlern

Nach der Festnahme hofft der Verein auf eine schnelle und umfassende Aufklärung des Falls. Die Vereinsführung hoffe, "dass in dem Tatverdächtigen nun der Verantwortliche für den niederträchtigen Anschlag auf unsere Spieler und Staff-Mitglieder gefasst werden konnte", hieß es in einer Erklärung vom Freitag. BVB-Kapitän Marcel Schmelzer wünschte sich, "dass wir die tatsächlichen Hintergründe des Anschlags erfahren".

"Für alle, die im Bus saßen, wären diese Informationen wichtig, denn sie würden den Verarbeitungsprozess deutlich erleichtern", erklärte Schmelzer. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Präsident Reinhard Rauball lobten, "die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, des Bundeskriminalamts und der nordrhein-westfälischen Polizei" seien "sehr intensiv und mit Hochdruck geführt" worden. "Dafür bedanken wir uns in aller Form." (mit dpa/AFP)


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