Feuer auf Lesbos : Bewohner kehren nach Brand in verwüstetes Flüchtlingslager zurück

Weite Teile des überfüllten Lagers sind durch das Feuer zerstört. Mehrere Flüchtlinge wurden wegen des Verdachts auf Brandstiftung festgenommen.

Am Dienstag standen viele Flüchtlingen in Moria wieder Schlange vor der Essensausgabe.
Am Dienstag standen viele Flüchtlingen in Moria wieder Schlange vor der Essensausgabe.Foto: LOUISA GOULIAMAKI/AFP

Nach dem Brand in einem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos sind hunderte geflohene Bewohner in die verwüstete Containersiedlung zurückgekehrt. Im von den Flammen verschonten Teil des Lagers Moria bildeten sich am Dienstag lange Schlangen vor der Essensausgabe. Aus den umliegenden Hügeln strömten Menschen, die am Vorabend vor den Flammen geflohen waren. Neun Lagerbewohner wurden wegen des Feuers festgenommen. Aus anderen Quellen war von 18 festgenommenen Flüchtlingen die Rede, von denen neun dem Haftrichter vorgeführt werden sollten.

Während eines Streits unter Bewohnern des überfüllten Lagers waren am Montag Einrichtungen in Brand gesetzt worden. Das Feuer breitete sich rasch aus, nach Polizeiangaben gingen 60 Wohncontainer, 100 Zelte und drei Großcontainer mit Verwaltungseinrichtungen in Flammen auf. Die 5000 Bewohner des Lagers ergriffen die Flucht. Verletzt wurde niemand. Ersten Erkenntnissen zufolge legten Flüchtlinge und Migranten an verschiedenen Stellen Feuer, so dass der sogenannte Hotspot zu mehr als 60 Prozent zerstört wurde. Das Lager soll nach Regierungsangaben so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Familien sollen solange in einem anderen Lager auf Lesbos untergebracht werden.

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Festnahmen nach Brand in Flüchtlingslager auf Lesbos
Festnahmen nach Brand in Flüchtlingslager auf Lesbos

Wegen der gewaltsamen Zusammenstöße, in deren Verlauf das Lager in Brand gesetzt wurde, wurden mehrere Bewohner festgenommen. Die Unruhen hatten zunächst offenbar durch einen Streit zwischen Afghanen und Afrikanern begonnen. 40 zusätzliche Bereitschaftspolizisten wurden am Dienstag nach Lesbos entsandt.

Moria gehört zu den größten Flüchtlingslagern in Griechenland und ist völlig überfüllt. Schon in der Vergangenheit hatte es dort gebrannt, immer wieder gab es Zusammenstöße zwischen den Schutzsuchenden. Die Menschen sitzen in den Flüchtlingslagern fest, bis über ihre Aussichten auf Aufnahme in die EU entschieden wird. Der Bürgermeister der Insel fürchtet: „Wenn die Situation nicht umgehend entschärft wird, werden wir sicher wieder neue, noch schlimmere Vorfälle erleben.“

Zustände in griechischen Aufnahmezentren kritisiert

Die Gewalt und die Brandstiftung in Moria kämen "nicht überraschend", sagte Roland Schönbauer vom UNHCR. Die auf den griechischen Ägäis-Inseln ausharrenden Flüchtlinge müssten rasch ans Festland gebracht werden. Menschenrechtsgruppen hatten in der Vergangenheit immer wieder die Zustände in den griechischen Aufnahmezentren kritisiert, besonders auf Lesbos und anderen Ägäis-Inseln. Das Lager Moria ist eigentlich für 3500 Bewohner ausgelegt, bis zu dem Brand lebten dort jedoch 5000 Menschen unter beengten Verhältnissen.

Rund die Hälfte des Camps soll durch das Feuer zerstört worden sein.
Rund die Hälfte des Camps soll durch das Feuer zerstört worden sein.Foto: Giorgos Moutafis/REUTERS

Das im März zwischen der EU und Ankara geschlossene Flüchtlingsabkommen sieht vor, dass die Türkei neu auf den griechischen Ägäis-Inseln ankommende Flüchtlinge zurücknimmt. Bislang wurden seither jedoch nur 502 Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt, während tägliche weitere Menschen in Griechenland ankommen.

Um ihre Abschiebung zu verhindern, stellen nahezu alle Neuankömmlinge einen Asylantrag in Griechenland. Die griechischen Behörden sind mit der Bearbeitung der Anträge überfordert, in der Zwischenzeit sitzen die Flüchtlinge in den Lagern fest. Angesichts der zermürbenden Wartezeit steigen die Spannungen zwischen den Bewohnern der Lager.

UNHCR: 2016 kamen 300.000 Flüchtlinge übers Mittelmeer

Seit Jahresbeginn sind nach neuesten Angaben der Vereinten Nationen bislang mehr als 300.000 Flüchtlinge und Einwanderer über das Mittelmeer nach Europa gelangt. Dies sind deutlich weniger als die 520.000 Menschen, die in den ersten neun Monaten 2015 in die EU kamen, wie das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) am Dienstag mitteilte.

Bislang starben demnach 3211 Flüchtlinge bei dem Versuch, über das Meer Europa zu erreichen. Im gesamten Jahr 2015 ertranken 3771 Flüchtlinge im Mittelmeer. Damit drohe 2016 "zum tödlichsten Jahr im Mittelmeer" zu werden, sagte UNHCR-Sprecher William Spindler. (AFP, dpa)

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