Flexi-Rente : Endlich geht es dem Problem an die Wurzel

In der Renten-Diskussion geht es endlich um die entscheidende Frage: Ist die starre Regelung des Eintrittsalters noch zeitgemäß? Die großen Parteien offenbaren dabei ein grundsätzlich verschiedenes Verständnis vom Wesen der Arbeit.

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Union und SPD sind sich in der Renten-Diskussion nicht immer einig.
Union und SPD sind sich in der Renten-Diskussion nicht immer einig.Foto: dpa

Es bewegt sich etwas. Und es wurde Zeit dafür. Seit Jahrzehnten wurde das Thema Ruhestand fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Rentenmathematik betrachtet. Auch jetzt wieder bei den viel gescholtenen Plänen der großen Koalition: Wer, um Himmels willen, soll das alles bezahlen? Wie gerecht ist das? Geht das nicht auf Kosten der jüngeren Generationen? In diesen Tagen jedoch schleicht sich – quasi durch die Hintertür – eine neue Frage in die Diskussion: Ist die weithin starre Regelung des Eintrittsalters in die Rente noch zeitgemäß? Gibt es nicht ein Heer von rüstigen, körperlich und geistig gesunden Rentnern, für die es geradezu absurd zu sein scheint, mit 65 respektive 67 in die Untätigkeit abgeschoben, zum alten Eisen verdammt zu werden? Dieses Heer zählt nach Millionen, nach vielen Millionen.

Jetzt endlich wird darüber geredet, Stimmen werden laut, die Arbeitsmöglichkeiten über das Stichdatum hinaus fordern, und ein Wort dafür ist auch schon gefunden: Flexi-Rente. Also ein Einstieg in den Ruhestand je nach Wünschen und Können der Betroffenen. Interessant dabei ist, wie die großen politischen Parteien mit diesem Thema umgehen. Bei der CDU ist einige Sympathie dafür zu erkennen, bei der SPD hingegen Zurückhaltung. Das hat, oberflächlich betrachtet, damit zu tun, dass die Sozialdemokratie mit ihren derzeitigen Rentenplänen ein Wählerpotenzial zurückholen möchte, das sie durch die Einführung der Rente mit 67 vertrieben hatte, während die Union solche Sorgen nicht plagen.

Union und SPD haben unterschiedliche Konzepte von Arbeit

In einer tieferen Schicht aber zeigt es den Unterschied der beiden Parteien im Verhältnis zum Wesen der Arbeit auf. Denn Arbeit hat ja zu allen Zeiten einen Doppelcharakter gehabt. Mühsal, Last, Anstrengung auf der einen Seite. Und auf der anderen Selbstverwirklichung, Glück, Kreativität. Die Sozialdemokratie hat sich seit jeher auf den Aspekt Mühsal konzentriert, das war schließlich ihre historische Mission. Als Anwältin der abhängig Beschäftigten kämpfte sie stets um ein Weniger an Arbeit, für den Acht- oder gar Sieben-Stunden-Tag, um längere Urlaubszeiten, gegen ausbeuterische, entfremdete Verhältnisse. Arbeit wurde, um es ein wenig überspitzt zu sagen, als ein Übel begriffen, das es zu begrenzen galt.

Die Christdemokraten hingegen legten ihr Schwergewicht auf die Erfüllung der Menschen durch Arbeit. Das hat mit der christlichen Soziallehre zu tun, mit der katholischen, die stets die Würde der Arbeit betonte, sowie mit der protestantischen Ethik, die in der Arbeit eine Pflicht sah, wie es unter anderem Max Weber darlegte. Hinzu kam natürlich, dass sich die christlichen Parteien einer anderen Klientel verpflichtet fühlten, nicht den Malocher am Fließband vor Augen hatten, sondern eher den Unternehmer, den Handwerksmeister, Menschen also, die ihre Arbeit nicht in erniedrigten Verhältnissen verrichteten, sondern in freier, selbstbestimmter Weise (ein Zusammenhang, den die Nationalsozialisten mit der menschenverachtenden KZ-Parole „Arbeit macht frei“ aufs Übelste schändeten).

Natürlich haben sich die klassischen Klientelbindungen der großen Volksparteien seit längerem weithin aufgelöst, Unterscheidbarkeiten wurden immer geringer, Positionen austauschbar. Die derzeitige Debatte über den Renteneintritt hingegen scheint ganz neu an die alten, traditionellen Milieugeschichten der Parteien zu rühren. Sie ist radikal im Wortsinn, geht offenbar ad radices. Sie legt ihre Wurzeln frei.

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