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Flüchtlinge auf Lesbos : Papst Franziskus: Geste mit großer Wucht

Papst Franziskus besucht Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos. Die Kirchen in Deutschland erhoffen sich kritische Worte zum Abkommen mit der EU - und fürchten sie zugleich.

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Papst Franziskus
Papst FranziskusFoto: dpa

Der Besuch soll fünf Stunden dauern – und hat es in sich. Papst Franziskus ist auf der Ägäis-Insel Lesbos angekommen, um dort Flüchtlinge zu besuchen. Er hat vor, den Menschen Mut zuzusprechen und mit einigen zu Mittag zu essen. Danach soll es am Hafen ein Totengebet für die auf der Überfahrt Ertrunkenen geben. Er wolle den Flüchtlingen, den Bewohnern von Lesbos und dem ganzen griechischen Volk „Nähe und Solidarität zeigen“, sagte Franziskus kurz vor der Reise.

Franziskus will den Flüchtlingen seine Solidarität zeigen

Als deutliches Signal dieser Solidarität ist die Tatsache zu werten, dass der Papst auf der Rückreise von Lesbos nach Rom zehn Flüchtlinge und Migranten mitnehmen wird. Wie das griechische Staatsfernsehen am Samstag berichtete, handelt es sich bei den Menschen um acht syrische und zwei afghanische Staatsbürger. Die Betreffenden sind demnach bereits in Griechenland angekommen, bevor der EU-Flüchtlingspakt mit der Türkei in Kraft getreten ist. Deshalb werden die Schutzsuchenden nicht in die Türkei zurückgeführt. Kommentatoren werten die Geste auch als Kritik an einer Politik der Abgrenzung und geschlossenen Grenzen in Europa.
Seit knapp vier Wochen ist das Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei in Kraft, 54 000 Flüchtlinge harren in Griechenland aus. Im nordgriechischen Idomeni warten 10 000 Menschen seit Wochen darauf, nach Mazedonien weiterreisen zu dürfen und von dort weiter Richtung Norden und Deutschland. Fast täglich kommt es dort zu Gewalt. Am Mittwoch hatten Dutzende Migranten versucht, den Grenzzaun zu überwinden, und waren von mazedonischen Polizisten mit Tränengas attackiert worden. Auch in einem improvisierten Lager am Hafen von Piräus in Athen gehen die Bewohner immer wieder aufeinander los.
Auf Lesbos sitzen rund 3000 Flüchtlinge in einem mit Stacheldrahtzaun bewehrten Lager fest und warten darauf, dass ihr Asylantrag geprüft wird. „Ärzte ohne Grenzen“, Amnesty International und das Hilfswerk UNHCR kritisieren, diese so genannten „Hotspots“ seien Gefängnisse, die Menschen würden nur unzureichend versorgt und hätten keinen Zugang zu Rechtshilfe. Wer von ihnen Asyl in Europa bekommt, kann bleiben. Alle anderen sollen in die Türkei zurückgebracht werden.

Für Alexis Tsipras ist die Visite ein Geschenk des Himmels

Griechenland fühlt sich von der EU alleine gelassen. Das hat Regierungschef Alexis Tsipras immer wieder deutlich gemacht. Für ihn ist die Visite des Papstes ein Geschenk des Himmels. Franziskus hatte bereits im Januar Europa gemahnt, der Kontinent dürfe die „Fundamente seines humanistischen Geistes“ nicht untergraben und müsse Länder wie Griechenland, die an vorderster Front engagiert sind, besonders unterstützen. In seiner Osterpredigt verurteilte er, dass Staaten sich weigerten, Flüchtlinge aufzunehmen. Selbst wenn der Papst seine Kritik auf Lesbos nicht wiederholt, erhöht er durch die humanitäre Geste den Druck auf Europa. Da kann Vatikansprecher Federico Lombardi noch so sehr betonen, der Ausflug nach Lesbos sei nicht als Kritik an der EU zu verstehen. Der Rat der europäischen Bischofskonferenzen hofft auf ein solches kritisches Zeichen. Der Besuch sei ein „entscheidender Moment für Europas Umgang mit unseren notleidenden Brüdern und Schwestern“, sagte der Generalsekretär der Vereinigung am Donnerstag. Man verbinde damit auch die Aufforderung, „noch einmal die Vereinbarungen der EU mit der Türkei in den Blick zu nehmen“.

Die deutschen Bischöfe tun sich schwer mit Kritik an Angela Merkel

Auch die deutschen Bischöfe – katholischen wie evangelische – haben viel auszusetzen an dem Abkommen. Sie teilen die Kritik der Hilfswerke an den Hotspots und befürchten, dass Griechenland schon rein logistisch überfordert ist, zigtausende Asylanträge in kurzer Zeit sorgfältig zu prüfen. Auch sei die Türkei kein sicherer Rechtsstaat, die Flüchtlinge aus Griechenland dorthin zurückzubringen, sei der falsche Weg. Das Abkommen regelt außerdem, dass für jeden zurückgebrachten Flüchtling ein Syrer aus der Türkei nach Europa kommen darf. Doch was ist mit den Flüchtlingen, die keine Syrer sind?, fragen sich Kirchenvertreter.
Doch bisher wurde die Kritik nur hinter verschlossenen Türen geäußert. Denn die Kirchen in Deutschland tun sich schwer damit, Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik öffentlich zu kritisieren. Sie haben ihren Kurs der Willkommenskultur sehr deutlich unterstützt. Seitdem die Kanzlerin unter großem Druck steht, will man ihr nicht auch noch „in den Rücken fallen“.

In der Flüchtlingskrise gibt es keine Solidarität unter den europäischen Kirchen

Mit seiner Ankündigung, nach Lesbos zu reisen, hat Franziskus alle überrascht – auch die katholische Bischofskonferenz ahnte nichts. Halb hofft man jetzt, halb fürchtet man, dass sich Franziskus kritisch über den Deal mit der Türkei äußert. Einerseits würde er den deutschen Bischöfen dadurch Arbeit abnehmen, andererseits würde gerade dadurch auffallen, dass sie bisher geschwiegen haben.
Franziskus unternimmt seinen Ausflug auf Einladung des griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. und des griechisch-orthodoxen Erzbischof Griechenlands, Hieronymos. Die beiden orthodoxen Kirchenführer begleiten ihn auch. Das ökumenische Bündnis ist nicht selbstverständlich. Denn so wenig wie die europäischen Staaten in der Flüchtlingskrise an einem Strang ziehen, so wenig tun es die europäischen Geistlichen.

Die Nationalismen überwiegen auch auf Kirchenebene

Auf Kirchenebene zeigen sich die gleichen Nationalismen wie auf politischer Ebene, bemängeln Vertreter der deutschen Kirchen. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland mussten erfahren, dass sich mit der Bibel sehr unterschiedliche Haltungen gegenüber den Flüchtlingen begründen lassen. Die in Deutschland verbreitete Lesart, wonach Schutzsuchende aus Kriegsgebieten grundsätzlich erstmal aufgenommen werden müssen, findet besonders bei den östlichen Nachbarn wenig Zuspruch. Die leitenden deutschen Geistlichen stehen in dieser Frage ähnlich isoliert da wie die Bundesregierung.

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