Flüchtlinge in Bayern : "Wir können Krise"

Nicht mehr in München, sondern in Passau kommen jetzt die meisten Flüchtlinge an – tausende täglich. Viele packen mit an. Allen voran der Oberbürgermeister.

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Passau Oberbürgermeister Dupper mit dem 17-jährigen Flüchtling Musa aus Damaskus.
Passau Oberbürgermeister Dupper mit dem 17-jährigen Flüchtling Musa aus Damaskus.Foto: Patrick Guyton

Am Nachmittag kommt ein Regionalexpress aus dem österreichischen Linz in Passau an, die Menschen strömen aus den Türen, die meisten sind Flüchtlinge mit einer Plastiktüte in der Hand. 300 sind es diesmal, hat Österreich gemeldet. Für Omara Chaar ist es wieder an der Zeit, sich das weiße Megaphon an den Mund zu halten und auf Arabisch laut zu rufen: „Das ist Deutschland, ihr seid in Deutschland, ihr seid in Sicherheit.“

Passau im Ausnahmezustand

Es sind außerordentliche, höchst aufreibende Tage in Passau. Seit dem 13. September ist die Stadt im Ausnahmezustand. In Deutschland gibt es seit kurzem wieder Grenzkontrollen. Die vielen Flüchtlinge kommen nicht mehr mit dem Zug in München an – sondern zu großen Teilen am deutsch-österreichisch-tschechischen Dreiländereck, also in Passau. Am Montag waren es 7200, am Dienstag 10.000. Passau hat 50.000 Einwohner.

Neben Chaar steht in dem für Flüchtlinge abgesperrten Bereich des Bahnhofs der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper. Er begrüßt die Menschen, schüttelt Hände. Er erkundigt sich bei den Helfern. Sonja Steiger-Höller, die ein Kosmetikstudio betreibt und in ihrer Freizeit am Bahnhof arbeitet, fragt den OB, was sich der 21-jährige Chaar nicht zu fragen traut: „Könnte er eine Sim-Karte für das Handy bekommen?“ Er müsse viel organisieren, etwa Dolmetscher benachrichtigen. „Klar“, sagt Dupper und notiert sich die Angelegenheit. „Wichtig wäre auch ein Wlan-Hotspot hier im Empfangsbereich“, sagt Chaar nun. Ja, sagt Dupper, die Stadt arbeite daran, das müsse schnell gehen.

Chaar ist erst seit zweieinhalb Monaten in Deutschland. Er stammt aus Syrien, hatte dort Jura studiert. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden, er wohnt in einem Flüchtlingsheim, drei Kilometer entfernt. Wenn er lange am Bahnhof bleiben soll und spätabends kein Bus mehr fährt, läuft er nach Hause. „Leute wie Omara brauchen wir ganz dringend“, sagt der OB.

Ein typischer Bayer - aber Sozialdemokrat

Er scheint die Helfer alle zu kennen, duzt viele. Der 54-Jährige ist ein rustikales bayerisches Mannsbild: groß, breit und mit Bauch. Dupper hat fünf Kinder, ist in Passau geboren und hat bis auf eine Legislaturperiode im Landtag immer in der Drei-Flüsse-Stadt gearbeitet. Und er ist Sozialdemokrat im schwarzen Niederbayern. „Wir packen das“, hat er gesagt, als die Flüchtlinge kamen. Zu diesem Satz steht er. Passau müsse mit den vielen Asylbewerbern zurechtkommen, und zwar auf menschliche Weise. Das sei seine Aufgabe. „Ich kann nichts Schlimmes daran finden, dass die Menschen hier ihr Glück suchen. Das Unglück kennen sie ja schon.“

Vom Bahnhof werden die Flüchtlinge zu einem großen Gelände der Bundespolizei gebracht. Dort kommen sie in eine Halle und werden medizinisch untersucht. Im Idealfall ruhen sie sich ein, zwei Stunden aus. Dann werden sie weitergeleitet in andere Orte in Bayern und dem Bundesgebiet. 20 Busse stehen dafür vor der Halle. Doch die Polizei findet nicht für alle sofort Plätze. Über die letzte Nacht berichtet ein Beamter dem OB: „Keiner ist draußen geblieben, keiner hat gefroren.“

Wie lang soll das noch so gehen, wie lange kann das gehen? Dupper weiß das nicht, niemand weiß das. „Es ist unbeschränkt“, sagt er. Und mit Blick auf seine Stadt: „Wir können Krise.“ Das hat man Anfang Juni 2013 beim Hochwasser gesehen. Die ganze Altstadt stand unter Wasser, alle packten mit an, die Studenten wurden als Fluthelfer bejubelt, auch von auswärts kamen viele Menschen.

Der 110-Jährige, der nach Passau getragen wurde

Sieben Tage die Woche ist Dupper auf Achse – und keiner vergeht ohne Überraschungen. So ist eine neunköpfige Familie aus Afghanistan eingetroffen mit einem hoch betagten Mann, der nicht mehr sehen und nicht mehr hören kann. 110 Jahre sei er alt, das Geburtsjahr 1905, sagt seine Tochter, die 60 ist. Von ihrem Heimatort Baghlan bis nach Passau hätten sie ihn auf den Fußmärschen getragen. In Baghlan konnte die Familie wegen der Taliban nicht mehr bleiben. Mittlerweile ist die Familie mit dem Zug nach Gießen gefahren. Ein Sprecher der Bundespolizei hat den Mann gesehen und beschreibt ihn als „gebrechlich, greisenhaft, aber stabil“.

Der 110-jährige blinde und taube Flüchtling aus Afghanistan mit seiner 60-jährige Tochter.
Der 110-jährige blinde und taube Flüchtling aus Afghanistan mit seiner 60-jährige Tochter.Foto: dpa

Alleinreisende Minderjährige kommen in Passau provisorisch in einer Turnhalle im Stadtteil Auerbach unter. „Hier habe ich als Jugendlicher Basketball gespielt“, erinnert sich Dupper, bevor er sich mit dem 17-jährigen Musa aus Damaskus unterhält. „Ich war 15 Tage unterwegs“, erzählt Musa. Der Onkel ist schon in Deutschland. Die Familie hat Musa geschickt, sie will nachkommen.
Wie in vielen Unterkünften in ganz Deutschland zerrt auch in Passau die Langeweile an den Nerven vieler Flüchtlinge. Was dagegen tun? „Wir machen hier Unterricht und schauen, dass die Jugendlichen viel raus kommen an die frische Luft“, sagt der Sozialarbeiter Ralf Grunow.

Für den Abend hat Dupper eine Bierzelt-Rede abgesagt. „Ich mache stattdessen meine Abendtour, das ist wichtiger.“ Die Runde besteht immer aus einem Besuch am Bahnhof, oft ein Abstecher zur Bundespolizei, eine Visite bei den Unterkünfte. Er schaut, wie es geht und was fehlt. Sieht er das als seine Pflicht an? Ohne zu zögern, sagt er: „Natürlich.“

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