Flüchtlinge und Integration : Was Deutschland vom Einwanderungsland USA lernen kann

Selbst die Gründerväter der USA misstrauten Einwanderern. Sie lernten: Man muss Geduld haben - und gute Gesetze. Eine Analyse.

Gerhard Casper
Das Thema Einwanderung löst starke Gefühle aus - auch in den USA. Hier bei einer Demonstration im April 2016 in Washington.
Das Thema Einwanderung löst starke Gefühle aus - auch in den USA. Hier bei einer Demonstration im April 2016 in Washington.Foto: dpa

Die Weltlage war instabil und hatte sich in der letzten Zeit noch einmal stark verschlechtert. Man hatte die nötige Mindestaufenthaltsdauer für Einbürgerungen bereits von zwei auf fünf Jahre angehoben, aber Immigranten kamen weiter ins Land.
Deshalb erklärte Harrison Otis dass abschreckend hohe Gebühren für die Einbürgerungszertifikate nötig seien, denn er wolle keine „Horden wilder Iren einladen, auch nicht die Chaoten und Liederlichen aus allen Teilen der Welt, die in der Absicht hierher kommen, unsere Ruhe zu stören, nachdem sie bereits erfolgreich ihre eigenen Regierungen gestürzt haben.“ Otis, Bostoner Anwalt der Föderalisten, klärte seine amerikanischen Mitbürger am Beispiel der Grande Nation auch gleich noch grundsätzlich über das Wesen von Immigranten auf: „Ein Franzose bleibt überall ein Franzose … auch wenn er seinen Einbürgerungsschwur in diesem Land leistet, ändert das seinen Charakter nicht.“

Man wollte keine "Horden wilder Iren" einladen

Das Jahr war 1795, und die gefährliche Weltlage bestand vor allem in der „Entwicklung der Dinge in Europa“, wie James Madison, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, sagte, durch die sich das Land „sehr ernsten Unannehmlichkeiten“ ausgesetzt sehen würde. Damit meinte er nicht nur das gespannte Verhältnis zu England, sondern vermutlich auch das französische Direktorium, das in den 1790er Jahren Hunderte von amerikanischen Handelsschiffen im Atlantik und der Karibik gekapert hatte. Und damit nicht genug: die Franzosen weigerten sich obendrein, mit den Friedensunterhändlern von Präsident John Adams darüber auch nur zu verhandeln.
Immigration hat über die Jahrhunderte hinweg in allen Ländern der Welt zumeist sehr starke Gefühle ausgelöst, nicht anders als jetzt in Europa und in Deutschland, das mit über einer Million Menschen den Großteil der jüngsten Flüchtlingswelle empfangen hat. In Amerika haben sich die „wilden Iren“ und andere Einwanderergruppen jedoch nicht nur erfolgreich integriert, sondern damals wie heute einen großen Teil der Vitalität des Landes ausgemacht. Man vergisst dabei leicht, dass die Integration von Immigranten ein Prozess war, der sehr viel Zeit gebraucht hat und auch in Deutschland viel Zeit brauchen wird. Dies erfordert von der Gesellschaft insgesamt einiges an Geduld, ohne die es zweifellos nicht geht.

Einwanderer kämen aus Monarchien und könnten nichts anfangen mit freien Regierungsformen, warnte Jefferson

Die historische Erfahrung zeigt, dass an Neuankömmlinge ungeduldig gestellte Erwartungen sich sogleich aktiv und möglichst schnell zu integrieren, zumeist nicht erfüllt werden.
Viele Immigranten ziehen zunächst zusammen in Gemeinden und behalten ihre Bräuche und Sitten bei. In Amerika schlossen diese Gemeinden unter anderem, aber bei weitem nicht nur, Germantown, Chinatown, und Little Italy ein. Die Sprache, Kultur und Werte ihres neuen Landes lernen Einwanderer nur langsam und zunächst auch nur sehr bedingt. Viele stört das. Otis brachte sein Missfallen über die „Revolution der Sitten“ zum Ausdruck, die in Europa an der Tagesordnung sei.

Integration braucht viel Zeit

Thomas Jefferson, Autor der Unabhängigkeitserklärung, gab 1785 zu bedenken, dass Einwanderer zumeist aus absoluten Monarchien kämen, die der freien Regierungsform Amerikas entgegenstünden. Selbst wenn Einwanderer in der Lage sein sollten, schrieb er, ihre seit Kindesbeinen aufgesogenen unfreien Regierungsprinzipien abzuwerfen, so würde dies allenfalls im Tausch gegen eine „schrankenlose Zügellosigkeit“ geschehen, „die gewöhnlich von einem Extrem zum nächsten wechselt“. Besorgt fügte Jefferson deshalb hinzu: „Es wäre ein Wunder, wenn sie genau an der Stelle der gemäßigten Freiheit haltmachen würden.“
Auch Alexander Hamilton äußerte im Jahr 1802 die Meinung, dass der Zuzug von Fremden „den nationalen Geist ändert und korrumpiert, die öffentliche Meinung … durcheinanderbringt und fremde Neigungen einführt“.
In diesem Zusammenhang hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass die Migration für die Einwanderer ein mitunter sehr schwieriges Projekt ist, das bei weitem nicht zwangsläufig zum Erfolg führt: Amerikas Erfahrungen im Laufe vieler Jahrzehnte haben auch gezeigt, dass Einwanderer oft wieder in ihre Heimat zurückkehren. Von den großen Einwanderungswellen zwischen dem Wiener Kongress und dem Ersten Weltkrieg blieben etwa 44 Prozent nicht im Lande. Unter den „wilden Iren“ gab es allerdings nur fünf Prozent Rückwanderer.
Deutschlands Erfahrung mit Immigration ist im Vergleich zu Amerika sehr kurz, fast könnte man sagen: verschwindend gering, denn erst nach 1945, beginnend mit der Flüchtlingswelle aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, sind mehr Menschen ein- als ausgewandert.

Geduld und gute Gesetze

Das macht es dem Land und seinen Einwanderern in der gegenwärtigen Situation nicht einfacher, genauso wenig wie Deutschlands historische Definition von legitimen Einwanderern. Die USA wurden von Immigranten gegründet und haben aufgrund dieser geschichtlichen Besonderheit schließlich Menschen aus aller Welt die Chance gegeben, Amerikaner zu werden.
Dagegen steht die hiesige Betrachtungsweise. In Deutschland ging man zunächst davon aus, dass die „Gastarbeiter“ der 1950er, 60er und 70er Jahre nicht einwandern-, sondern wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Danach kam der „Familiennachzug“ zu bereits in Deutschland lebenden Ausländern (vor allem zwischen 1973 und 1985), dann die Asylbewerber, Anfang der 90er Jahre, deren Zahlen allerdings mit dem sogenannten Asylkompromiss von 1993 relativ rasch wieder eingedämmt wurden.

Die größte Einwanderergruppe nach Deutschland sind die Aussiedler

Die heute mit etwa 4,5 Millionen Menschen größte Einwanderergruppe der Bundesrepublik sind die sogenannten Aussiedler, die vor allem in der Zeit zwischen 1987 und 1999 ganz überwiegend als Einwanderer aufgenommen wurden. Laut Terminologie des Bundesvertriebenengesetzes sind dies deutsche „Volkszugehörige“, die aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion kamen. Dass über einen langen Zeitraum Immigranten deutscher Abstammung bevorzugt wurden, hat natürlich nicht viel dazu beigetragen, die Akzeptanz anderer Bevölkerungsgruppen als Einwanderer zu fördern.
Sicherlich hatte John Page, Mitglied des ersten US-Kongresses und der spätere Gouverneur Virginias, mit seiner Auffassung Recht, dass gute Staatsbürgerschaften auch ein Resultat von guten Gesetzen sind. Page soll deshalb das letzte Wort haben: „Es ist uns gleich, ob sich Juden oder Katholiken in unserer Mitte niederlassen; ob sie Untertanen von Königen sind oder Bürger freier Länder … sie werden sehen, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, gute Bürger zu sein, und weder ihre Religion noch ihre politischen Meinungen können uns etwas anhaben, wenn wir gute Gesetze haben, die gut angewendet werden.“

Gerhard Casper ist Präsident der American Academy in Berlin und ehemaliger Rektor der Stanford University

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