Flüchtlinge : Von einer Hölle in die nächste

Nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs waren mehr Menschen auf der Flucht. Viele verlassen ihre Heimat aus Angst, müssen aber wieder zurückkehren, weil der Zufluchtsort noch unsicherer ist als das Land, aus dem sie kamen.

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Flüchtlinge in einem Camp in der Nähe von Johannesburg. In Südafrika sind sie nicht mehr willkommen.
Flüchtlinge in einem Camp in der Nähe von Johannesburg. In Südafrika sind sie nicht mehr willkommen.Foto: Mujahid Safodien/AFP

Es ist nie einfach gewesen, seine Heimat zu verlassen. Aus Angst vor politischer Repression, aus Angst um das eigene Leben in kriegerischen Konflikten, oder um anderswo sein Glück zu suchen. Aber so viele Menschen wie aktuell waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr auf der Flucht. Und oft flüchten sie aus einer Hölle in die nächste – und manchmal auch wieder zurück.

Ein paar Beispiele: Bis 2011 flohen Hunderttausende Iraker nach Syrien. Rund eine Million Iraker lebten schließlich dort. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien flüchten viele Iraker zurück in ihr Heimatland, nur um dort den Übergriffen und der nackten Gewalt der Terrororganisation „Islamischer Staat“ ausgeliefert zu sein.

Bis vor wenigen Wochen flohen Tausende Eritreer, Äthiopier, Somalier vom Horn von Afrika nach Jemen. Seit Saudi Arabien Ende März damit begonnen hat, Stellungen der Huthi-Rebellen im Jemen zu bombardieren, machen verzweifelte Somalier die Reise zurück. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR haben seit dem 27. März 1598 Boote Küstenorte in Somaliland und Puntland im Norden Somalias erreicht.

Gewalt gegen Flüchtlinge nimmt in vielen Ländern zu

Seit dem Ende der Apartheid in Südafrika ist das Land wegen seiner wirtschaftlichen Stärke ein Magnet für Einwanderer aus dem gesamten Kontinent. Vor allem aus den Nachbarländern Simbabwe und Mosambik haben viele einen Neuanfang in Südafrika gewagt. Seit einer Woche erleben sie eine Wiederholung der fremdenfeindlichen Ausschreitungen von 2008. Eine Minderheit meist besser ausgebildeter Afrikaner versucht auch Europa zu erreichen. Allein in den vergangenen zehn Tagen waren es rund 10 000 Menschen, die von der italienischen Küstenwache gerettet wurden. Seit Jahresbeginn haben nach Angaben der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) mindestens 900 Menschen ihr Leben auf der Überfahrt im Mittelmeer verloren, vor einem Jahr waren es 96.

Wer Europa erreicht, ist allerdings noch lange nicht am Ziel. Denn wie die Südafrikaner wollen auch die Europäer die Nachbarn aus Afrika nicht haben. Wenn sie nicht gleich wieder abgeschoben werden können, tun sich viele der Einwanderer schwer in ihren europäischen Gastländern, die sie nicht willkommen heißen. In Deutschland brennen wieder Flüchtlingsheime, in Norditalien gibt es Demonstrationen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. In ganz Europa gibt es wegen der Euro-Krise und der vorgeblichen Flüchtlingskrise bei Wahlen zunehmend erfolgreiche rechtsnationale Parteien, die schnell Anhänger gewinnen.

Die Argumente sind vielerorts die gleichen

Vor allem diejenigen, die sich als Globalisierungsverlierer sehen oder befürchten, irgendwann dazu zu gehören, tun sich offenbar schwer damit, Einwanderer zu akzeptieren. Schwarze Südafrikaner und ostdeutsche Arbeitslose argumentieren nahezu gleich: Die nehmen uns unsere Jobs und unsere Ressourcen weg. Und: Wir sind doch selber arm; warum kümmert sich niemand um uns? Dieser Mangel an Selbstbewusstsein und Selbstachtung bricht sich dann gewaltsam Bahn. Die schwierige Aufgabe für beide Gesellschaften ist es, Menschen, die mit dem Tempo der Zeit nicht Schritt halten können, eine Perspektive zu eröffnen.

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