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Flüchtlingsheim in Tröglitz in Brand : "In einer Reihe mit Mölln und Hoyerswerda"

In Tröglitz brannte das Flüchtlingsheim, die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung. Bürger versammeln sich zu einem Friedensgebet, doch auch die Rechtsextremen sind da.

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Teilnehmer eines Friedensgebets haben sich am Tag nach dem mutmaßlichen Brandanschlag in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) versammelt um ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit zu setzen.
Teilnehmer eines Friedensgebets haben sich am Tag nach dem mutmaßlichen Brandanschlag in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) versammelt um...Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Auch am späten Samstagnachmittag zum spontanen Friedensgebet der Bürgerinitiative kommen sie nach Tröglitz. Vier in der Region bekannte Rechte, drei Männer und eine Frau, stehen am Rande des Friedensplatzes und halten ein Plakat in die Höhe: "Das System ist das Problem". Und als Susanna Nierth, die Frau des zurückgetretenen Bürgermeisters Markus Nierth, vor 250 Teilnehmern die Ereignisse der Nacht als schlimm bezeichnet, ruft einer der vier: "Falsch, es wird noch viel schlimmer."

In der Nacht zum Samstag hat es in der geplanten Asylbewerberunterkunft von Tröglitz gebrannt. Im Mai sollten die ersten von 40 Flüchtlingen einziehen, die in dem Ort im sachsen-anhaltischen Burgenlandkreis untergebracht werden sollen. "Es ist ein ganz widerliches Verbrechen, das ist eine Katastrophe", sagt Sachsens-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sichtlich betroffen. Und auch Susanna Nierth ist erschüttert. "Das ist so schlimm", sagt die Frau des ehemaligen Bürgermeisters, "davon wird sich Tröglitz wohl nie mehr erholen."

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (Mitte) und Innenminister Holger Stahlknecht (rechts), informieren sich bei Einsatzkräften der Feuerwehr und Polizei über das ausgebrannte Haus in Tröglitz (Sachsen-Anhalt). In der Nacht hatte es in der zukünftigen Unterkunft für Asylbewerber gebrannt. Die Polizei ermittelt wegen Verdacht auf Brandstiftung.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (Mitte) und Innenminister Holger Stahlknecht (rechts), informieren sich bei...Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Tröglitz ist in den Schlagzeilen, seit vor einem Monat Markus Nierth sein Amt zurückgab - von der NPD angeführte Proteste gegen Flüchtlinge hatten direkt vor seinem Wohnhaus stattfinden sollen, die Behörden hatten zu spät darauf reagiert. Und jetzt das: Der Dachstuhl des für Flüchtlinge vorgesehenen Hauses in dem 2700-Einwohner-Ort brennt völlig aus - er gehörte zum Wohnbereich. Der Staatsschutz ermittelt, eine politisch motivierte Brandstiftung ist nicht auszuschließen, erklärt ein Polizeisprecher. Zunächst eine Vermutung, die im Laufe des Tages immer mehr zur Gewissheit wird.

Denn das Feuer im Dachgeschoss ist den Ermittlungen zufolge an mehreren Stellen gelegt worden. Offenbar kamen Brandbeschleuniger zum Einsatz. Zwei Einwohner - ein deutsches Ehepaar - können sich noch retten, eine Nachbarin hat sie rechtzeitig gewarnt. Der Sachschaden liegt nach ersten Schätzungen im sechsstelligen Bereich. "Die müssen in den Büschen gelegen und gewartet haben", sagt Ministerpräsident Reiner Haseloff, "das Haus wird ziemlich intensiv bestreift." Zirka einmal pro Stunde fährt ein Polizeifahrzeug vorbei.

Feuerwehr am neuen Tröglitzer Flüchtlingsheim
Feuerwehr am neuen Tröglitzer FlüchtlingsheimFoto: Hendrik Schmidt/dpa

Um zwei Uhr in der Nacht ist das Feuer ausgebrochen. Um fünf Uhr in der Früh ist es noch dunkel, als der ehemalige Ortsbürgermeister Nierth sich aufmacht, um sich selbst ein Bild vom Geschehen zu machen. Vor dem Flüchtlingsheim steht die Feuerwehr, ihr Löschfahrzeug vom Typ IFA W 50 ist noch in der DDR gebaut.

Zurückgetretener Tröglitzer Ortsbürgermeister Markus Nierth
Zurückgetretener Tröglitzer Ortsbürgermeister Markus NierthFoto: Jan Woitas/dpa

Nierth ist erschüttert: "Ich gehe von Brandstiftung aus, die sogar den Tod des dort noch lebenden - deutschen - Ehepaares in Kauf genommen hat", sagt er dem Tagessspiegel. Der ehemalige Kommunalpolitiker - er gehört keiner Partei an - erklärt weiter: "Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich. Da ist die braune Saat so weit aufgegangen, dass man nun lieber Häuser niederbrennt, in denen Familien eine neue Bleibe finden sollten." Selbst Familien aus Kriegsgebieten werde "von kranken, bösen Gehirnen" kein freistehender Wohnraum gegönnt. "Eine bleibende Schande für Tröglitz, die uns nun mit Mölln und Hoyerswerda in eine Reihe bringt und noch viele unabsehbare Folgen haben wird."

Die Politik reagiert - anders als bei den Bedrohungen gegen Nierth in den Wintermonaten, die zu seinem Rücktritt führten - diesmal schnell. Das Unfassbare sei geschehen, sagt der Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU). Ministerpräsident Reiner Haseloff und Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) geben am Mittag eine gemeinsame Pressekonferenz mit der Staatsanwaltschaft in Halle. Haseloff wirkt richtig sauer. Er spricht von einem "gemeinen Verbrechen" und erklärt: "Hier geht es um unsere Demokratie. Wir weichen keinen Schritt zurück."

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagt, der schlimme Verdacht nach dem Brand in Tröglitz mache fassungslos. "Wir müssen weiter deutlich machen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen!" Der Oppositionsführer im Landtag von Sachsen-Anhalt, Wulf Gallert (Linke), sagt, sollte sich der Verdacht der Brandstiftung bestätigen, sei "mit krimineller Energie und unter Inkaufnahme von Toten ein Brandanschlag" verübt worden, "eiskalter und krimineller Rassismus". Er sagt weiter: "Falls Tröglitz - so wie es nun aussieht - Brandstiftung war, möge bitte niemand mehr als Ursache für Hass auf Flüchtlinge mangelnde Aufklärung vor Ort benennen." Für den Linken-Fraktionschef im Magdeburger Landtag ist nun die Frage, in welche Richtung sich die Gemeinde bewegen wird, ob sie klar demonstriert, dass sie zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit ist.

Klar ist das bisher nicht geworden. Zwar stellte Ex-Ortsbürgermeister Nierth nach seinem Rücktritt fest, dass ein Ruck durch Tröglitz gegangen sei. Und seine Ehefrau erzählt von Plänen, ein Begegnungscafé im Ort zu eröffnen, um den Einwohnern die Möglichkeit zu geben, die Flüchtlinge "kennen und schätzen zu lernen". Und von dem Vorhaben, den Flüchtlingen Privatwohnungen anzubieten.

Doch hatte nicht andererseits die Einwohnerversammlung erst am vergangenen Dienstag gezeigt, wie groß die Skepsis ist? Im Ort fürchte man sich eher vor Ausländern - sehr zu Freude der NPD, berichtete anschließend die "FAZ". Der Korrespondent des Deutschlandfunks twitterte von der Versammlung: "Asylbewerber sind nicht willkommen. Neid, Missgunst, Skepsis. Kein warmes Wort des Willkommens." Bei "Spiegel online" hieß es: "Die Rechten pöbeln, die Masse schweigt."

Auch für Sebastian Striegel, Grünen-Innenpolitiker im Landtag von Sachsen-Anhalt, ist das das Hauptproblem. Zwar verweist auch er darauf, dass Bürger in einer "Tröglitzer Erklärung" ein Bekenntnis zur "Menschenfreundlichkeit" als "oberstes Gebot" abgegeben hätten. Doch andererseits seien in dem Ort die Solidaritätsaktionen für Flüchtlinge hauptsächlich im Kirchenraum organisiert worden. Aber: "Die Straße darf nicht denen überlassen erden, die gegen Flüchtlinge hetzen." Zu schaffen machen Striegel nicht in erster Linie die vielleicht 100 oder 150 Tröglitzer, die mit Geflüchteten nichts zu tun haben wollen. "Das größte Problem sind die 2500, die nichts sagen."

In Wismar und Rostock kam es zu fremdenfeindlichen Angriffen

Auch in anderen Städten kam es zu neuen fremdenfeindlichen Angriffen. In Wismar wurden in der Nacht zum Samstag zwei ägyptische Asylbewerber von acht bislang unbekannten Männern attackiert. Die beiden Ägypter im Alter von 21 und 26 Jahren wurden geschlagen und mit ausländerfeindlichen Parolen beleidigt. Bereits am frühen Freitagmorgen war in Rostock ein 26-jähriger Kameruner von drei Männern auf offener Straße geschlagen worden, wie der NDR meldete. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) sagte mit Blick auf die Vorfälle in Tröglitz und in Mecklenburg-Vorpommern der vergangenen Tage: „Bei so viel Unmenschlichkeit helfen nur noch ein Aufstand der Anständigen vor Ort und mehr Weitsicht der Zuständigen im Land.“

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