Flüchtlingsrouten in Europa : Neue Wege über Polen

Nach der Schließung der Grenzen in Ungarn tragen nun Flüchtlinge aus Syrien angeblich Karten einer Nordostroute über die Ukraine und Polen mit sich.  

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Noch versuchen die Flüchtlinge über Ungarn nach Deutschland zu kommen. Bald könnten sie es auch über Polen versuchen.
Noch versuchen die Flüchtlinge über Ungarn nach Deutschland zu kommen. Bald könnten sie es auch über Polen versuchen.Foto: Elvis Barukcic/AFP

Das Gras steht hoch und Vögel zwitschern in der Abendsonne. Hinter dem rot-weißen Grenzpfahl Nummer 352 steht ein Gebüsch, weiter unten auf der ukrainischen Seite beginnt ein Wald. Piotr Mielczarek zeigt zuerst nach Südosten zum Grenzfluss San und umschreibt dann die dort beginnenden 15 Kilometer grüne Grenze, für deren Bewachung er verantwortlich ist. Auf der polnischen Seite hat er für seine 47 Grenzschützer und die vier Patrouillenpferde einen Weg mähen lassen. „Wer diesen kreuzt, hinterlässt Spuren“, sagt Mielczarek und klagt über die teils schwierige Zusammenarbeit mit den ukrainischen Kollegen. Lange Dienstwege, Angst vor Eigenverantwortung, wechselnde Kader nach der siegreichen Maidan-Revolution, das alles macht dem resoluten Polen zu schaffen. Nach illegalen Grenzübertritten würden die Ukrainer die Verantwortung meist abstreiten, schimpft Mielczarek. Genaue Zahlen will er keine nennen, doch 2014 waren es nicht einmal zwei Dutzend. Eine Biberplage ist bisher das größere Problem als Flüchtlinge.

Immer Ärger mit Ungarn

Dies könnte sich jedoch bald ändern. Eine in sozialen Netzwerken aufgetauchte arabische Landkarte zeigt potenziellen Flüchtlingen den Weg von Griechenland über Bulgarien, Rumänien, die Westukraine und Polen nach Deutschland auf. Sicherheitsexperten hatten bereits auf diese nordöstliche Alternativroute hingewiesen, nachdem Ungarn Mitte September seine Grenze dicht machte. Die Flüchtlinge bewegten sich indes erst einmal weiter nach Kroatien. Rund 5000 von ihnen nehmen im Moment den Umweg über Kroatien nach Ungarn und werden von den Behörden sodann an die österreichische Grenze gebracht. Doch wird damit gerechnet, dass Ungarn diese Route demnächst wieder schließen könnte. Je nach dem Verhalten Sloweniens wäre damit die Südwestroute nach Deutschland gesperrt. „Wir nehmen diese Information ernst und halten uns bereit“, kommentierte vor ein paar Tagen ein Sprecher des polnischen Grenzschutzes ein Foto jener arabischen Landkarte auf Twitter.

Die logistischen Herausforderungen für die Polen sind immens. Zu bewachen gilt es 535 Kilometer Grenze mit der Ukraine. Auf deren Seite ist das einst streng bewachte sowjetische Grenzregime mit Zäunen, Minenfeldern und Bewegungsmeldern längst verfallen. Über die heutige Bestechlichkeit der ukrainischen Grenzschützer kreisen in Polen wilde Gerüchte. Während Grenzschutzkommandant Mielczarek bitter klagt, rühmt sein Kollege Jacek Siara, der die Flussgrenze am San bewacht, Kiews Drohung, fehlbare Grenzschutzsoldaten an die Front im umkämpften Donbass zwangszuversetzen. Nur noch je ein paar Afghanen und Georgier hat Siaras Einheit dieses Jahr abgefangen. Zur Verfügung stehen ihm Nachtsichtgeräte und gar Drohnen. Siara berichtet von Vorbereitungen auf tausende ukrainischer Bürgerkriegsflüchtlinge, die die Grenze auch hier im abgelegenen Bieszczady-Gebirge überwinden könnten. Gebäude für Erstaufnahmelager sind katalogisiert, koordinierte Einsätze von Grenzschutz und Armee eingeübt.

Opposition schlachtet das Thema Flüchtlinge aus

Mit dem Schreckensgespenst, dass statt christliche Ukrainer nun plötzlich Muslime aus Syrien und Irak zu Tausenden nach Polen drängten, spielt derweil geschickt die rechte Opposition. Das Thema Flüchtlinge beherrscht den lange lauen Wahlkampf, und Jaroslaw Kaczynskis Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) führt einen Monat vor den Parlamentswahlen in allen Umfragen. Auch werden erste Stimmen laut, die von der polnischen Regierung den Bau eines Grenzzauns nach dem Vorbild Ungarns fordern. Dies alles hat indes die angeschlagene Regierung erst einmal überraschend umschwenken und der neuen EU-Verteilquote zustimmen lassen. Sie hofft, dass sich genügend Wähler zu europäischen Werten sowie auch zu den im Zweiten Weltkrieg untergegangenen multiethnischen Polen verpflichtet fühlen.

„Gefährlich war bisher nur ein Wolfsrudel, das glücklicherweise wieder abzog“, erzählt Monika Tyminska, die seit sieben Jahren im Bieszczady-Gebirge als Grenzwächterin stationiert ist. Die von ihr abgefangenen Flüchtlinge haben indes ihr Mitleid geweckt. „Es ist schwierig, angesichts ausgemergelter Frauen und Kinder keine unerlaubten Grenzübertritte zuzulassen“, sagt sie.

 

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