Politik : Forscher beweisen: Hitzewelle 2003 war selbst verschuldet

Experten befürchten weitere Katastrophen In den Sommermonaten 35 000 Tote mehr in Europa

Thomas de Padova

Berlin - Die extreme Hitzewelle des Sommers 2003 ist aller Wahrscheinlichkeit nach dem vom Menschen verursachten Klimawandel mit zuzuschreiben. Das haben britische Klimaforscher um Peter A. Stott vom Hadley Centre in Reading erstmals glaubhaft belegt. Die Forscher befürchten, dass uns künftig ähnliche Katastrophen bevorstehen.

Vor allem in den ersten Augustwochen forderte die Hitze bis zu 35000 Opfer in Europa und Schäden für die Landwirtschaft in zweistelliger Milliardenhöhe, berichten sie in der heutigen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Nature“. In den Alpen schmolzen Gletscher in ungeahntem Ausmaß, in Portugal brannten riesige Waldgebiete ab.

„Die Hauptaussage der Studie ist absolut zuverlässig“, urteilt Christoph Schär, Klimaexperte der Eidgenössisch Technischen Hochschule in Zürich, gegenüber dem Tagesspiegel. „Wir haben nun erstmals ein Mittel zur Hand, um den Einfluss des Menschen auf ein einzelnes Klimaereignis zu quantifizieren.“

Dass der hohe Ausstoß von Kohlendioxid durch Verkehr, Industrie und private Haushalte so rasch zu derart außergewöhnlichen Wettersituationen führen könnte, hatten Forscher lange nicht für möglich gehalten. Bisherigen Modellen zufolge hätte sich ein Sommer wie 2003 nur etwa alle 10000 Jahre ereignen dürfen. Inzwischen aber mehren sich die Anzeichen dafür, dass wir künftig mit einem Wechsel von extrem heißen und eher kühlen Sommern rechnen müssen.

Mit schlimmen Folgen. „Was die Zahl der Toten betrifft, schlägt diese Hitzewelle 2003 alle Rekorde des vergangenen Jahrhunderts“, sagte Gerhard Berz, Leiter der Georisikoforschung der Münchner Rück, dem Tagesspiegel. In Frankreich habe die Hitze etwa 15000 Menschen das Leben gekostet, in Deutschland 7000. Insgesamt seien in Europa etwa 35000 Menschen, vor allem jenseits der 50, an den Folgen gestorben. Frankreich hat entsprechende Maßnahmen für Altenheimbewohner getroffen, die künftig bei ähnlichen Ereignissen vorübergehend in kühleren Turnhallen untergebracht werden sollen. In Deutschland gebe es keine entsprechenden Notfallpläne, bemängelt Berz.

Die Landwirtschaft verzeichnete Schäden von über zehn Milliarden Euro. In Portugal brannten die Wälder wochenlang, das Getreide verkraftete die extreme Trockenheit nicht, junge Bäume erlitten zum Teil direkte Hitzeschäden oder wurden von Ungeziefer befallen. So gab es etwa statt der sonst üblichen drei Generationen Borkenkäfer im Jahr 2003 deren vier.

Es hätte aber alles noch schlimmer kommen können, so Berz: Wenn man wegen Wassermangel die Kraftwerke für mehrere Tage hätte herunterfahren müssen und der Strom ausgefallen wäre. Italien erlebte diesen Notstand einen Tag lang. Flüsse wie der Rhein aber führten wegen der Schneeschmelze noch genug Wasser, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Ob die jüngsten Erkenntnisse dazu führen, dass die Verursacher der Kohlendioxid-Emissionen künftig auf Schadenersatz verklagt werden können, wird von den meisten Experten bezweifelt. Zwar sehen sich etliche Inselstaaten wegen des Anstiegs des Meeresspiegels in ihrer Existenz bedroht. Doch mehr als das internationale Kyoto-Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgase ist nicht in Sicht.

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