Frauenquote : Wenn Männer mauern

Die Argumente für und gegen die Quote sind hinreichend ausgetauscht – die Frauenministerin will sie, aber auch Fachleute aus der Wirtschaft.

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Frau ist rar: Deutscher Arbeitgebertag 2013
Frau ist rar: Deutscher Arbeitgebertag 2013Foto: Jörg Carstensen/pa-dpa

Eigentlich sollte das so schwer nicht sein. Lediglich 174 weibliche Köpfe braucht es, meinte die Ministerin im Frühjahr, dann wäre schon erreicht, was sie im übernächsten Jahr sehen will: die 30-Prozent-Frauen-Quote in den Aufsichtsräten der etwa hundert umsatzstärksten und börsennotierten deutschen Unternehmen. 3500 kleinere Unternehmen mit bis zu 2000 Beschäftigten sollen sich nach dem Willen von Frauenministerin Manuela Schwesig vom nächsten Jahr an selbst zu Quoten in Aufsichtsrat, Vorstand und oberem Management verpflichten und regelmäßig über Fortschritte berichten.

Wo Geld und Macht sind, sind Frauen rar

Doch das Leichte ist gerade wieder sehr schwer geworden. Die schwächeren Wirtschaftsdaten haben der Quote, weil sie angeblich die Wirtschaft belastet, neue Hindernisse in den Weg gestellt. Letzte Woche verschwand der Quoten-Gesetzentwurf vom Stundenplan des Bundeskabinetts. Aber für den November sei er fest dort eingeplant, versichert Schwesigs Ministerium.
Die Quote bekommt, einerseits, gerade Schub wie nie. Die Zeiten, da ein SPD-Kanzler Gerhard Schröder von „Frauen und Gedöns“ sprach und sie seiner Frauenministerin Christine Bergmann umstandslos verbot, scheinen vorbei. Nach dem Start des Journalistinnen-Netzwerks „Pro Quote“ als Lobby für mehr weibliche Führung in Medienhäusern folgten Ärztinnen und Medizin-Professorinnen mit „Pro Quote Medizin“ und seit Oktober kämpft „Pro Quote Regie“ für mehr Regisseurinnen und mehr Geld für deren Film- und Fernseharbeiten. Der Befund ist überall gleich: Ein hoher Anteil von Frauen in der Branche, aber weitgehend Leere dort, wo Geld und Macht sitzen – das Fernsehen vergab in zehn Jahren nur ein Zehntel seiner Filmmittel an Regisseurinnen.

Der Mittelstand muss massiv umbauen

Die Widerstände freilich bleiben stark, die alten Argumente sehr lebendig: Die Quote fördere Frauen, nur weil sie Frauen seien, belaste die Wirtschaft mit Bürokratie und die Frauen, die man brauche, gebe es eh nicht. Man sehe sich nur an, wie viele Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen im cheffähigen Alter es gebe, ließ sich kürzlich erst Arbeitgeberchef Ingo Kramer vernehmen. Dann wisse man, was überhaupt an Quote in Unternehmensführungen möglich sei. Kramer, der selbst ein Unternehmen führt, hat Wirtschaft studiert. Da ist er nicht allein: „Die große Mehrzahl der Vorstände und Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen sind Kaufleute und Juristen“, sagt Thomas Sattelberger. Sattelberger, von 2007 bis 2012 Personalvorstand der Deutschen Telekom, führte schon 2010 die 30-Prozent Quote in seinem Führungszirkel ein. Und er gibt auch auf die anderen Einwände gegen die Quote nicht viel: „Die Argumente sind ja rational alle abgearbeitet, rauf und runter.“ In Wirklichkeit bäume sich der Mittelstand, „ein stacheliges und stolzes Wesen“, gegen einen neuen Eingriff der Politik auf. Und der sei auch „nicht banal“: Wenn die Flexi-Quote im Mittelstand komme, wie Ministerin Schwesig dies will, „müssen gerade auch Mittelständler ihre Personalarbeit umfassend reformieren: Rekrutierung, Beförderung, Karrierewege und Arbeitszeit sind betroffen“.

"Die Dax-30 haben sich damit arrangiert"

Der Wirtschaft noch einmal Aufschub zu geben, hält Sattelberger allerdings für sinnlos. Die Unternehmen hätten lange geschlafen: „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ein weiterer Warnschuss sie aufwecken und zu größeren Anstrengungen treiben würde.“ Für die Aufsichtsräte dagegen sieht er die Widerstände schwinden. „Die Dax-30 haben sich damit inzwischen arrangiert.“
Die Zahlen sprechen dafür. Elke Holst, Forschungsdirektorin Gender Studies am Berliner Wirtschaftsforschungsinstitut DIW, erhebt diese Zahlen regelmäßig und sagt über den Trend: „Stagnation in den Vorständen, Aufwärtsbewegung in den Aufsichtsräten.“ Das gelte sowohl für die Dax-30 wie für die Top 200 der Unternehmen. Wobei Stagnation noch freundlich ausgedrückt ist: Fast zwei Jahre lang fiel die Zahl der Dax-Vorstandsfrauen sogar, von 7,8 auf 5,5 Prozent im Sommer. Erst im Oktober konnte Holst wieder sieben Prozent notieren.
Anders die Aufsichtsräte: Ein Drittel der Unternehmen erfüllt schon jetzt Schwesigs Zielmarke von 30 Prozent. Doch das scheint auf die operative Unternehmensführung praktisch keine Auswirkungen zu haben. Einen Kulturwandel in den Unternehmen, sagt Holst, sehe sie „derzeit noch nicht“. Vorstandskandidatinnen haben offensichtlich eine mächtigere Konkurrenz als Aufsichtsrätinnen: „Oft sind es Männer auf der mittleren Führungsebene, die selber noch aufsteigen wollen, die mauern.“

Vorstandsfrauen nicht mehr fürs Personal

Die geplante Quote für Aufsichtsräte großer Unternehmen hält Holst für hilfreich, denn so könne „der Zeitraum verkürzt werden, mehr Gleichstellung in den Spitzengremien zu verwirklichen.“ Entscheidend sei aber eine veränderte Unternehmenskultur. Dabei, meint Holst, sollten nicht zuletzt die Männer in den Blick genommen werden, „etwa mit Angeboten, Leben und Arbeit anders zu organisieren als bisher“. Holst glaubt, das könne funktionieren: „Junge Männer wollen heute mehr als frühere Vätergenerationen Zeit mit ihrer Familie verbringen. Zeitsouveränität spielt für sie eine immer wichtigere Rolle“.
Ein bisschen Kulturrevolution ist übrigens in den Vorständen der Unternehmen schon zu sehen. Die Aufgaben der wenigen Frauen dort haben sich in den letzten Jahren verändert. Die Mehrheit ist nicht mehr für Personal zuständig – das war einst das typische Frauenressort.

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