"Friedensmahnwachen" : Rechte, Linke, Verschwörungtheoretiker - die neue "Querfront"

In ganz Deutschland kommen Rechte, Linke und Verschwörungstheoretiker zu "Friedensmahnwachen" zusammen. Kritiker nennen das Phänomen, zu dem im weitesten Sinne auch "Pegida" gehört, "Querfront". Wer sind diese Leute und was bedeutet "Querfront"?

Martin Niewendick
Arm in Arm. Diether Dehm (l.), Bundestagsabgeordneter der Linken und Ken Jebsen auf der Demonstration am 13. Dezember in Berlin.
Arm in Arm. Diether Dehm (l.), Bundestagsabgeordneter der Linken und Ken Jebsen auf der Demonstration am 13. Dezember in Berlin.Foto: DAVIDS

Sie nennen es Friedensmahnwachen, Friedenswinter oder Montagsmahnwachen. Von ihren Gegnern werden sie auch "Aluhüte", „Putin-Versteher" oder „Verschwörungstheoretiker“ genannt. Seit Frühjahr 2014 versammeln sich jede Woche bunt zusammengewürfelte Gruppen, um „für Frieden auf der Welt“ zu demonstrieren, aber auch gegen die "tödliche Politik der Fed" im Speziellen und den Westen im Allgemeinen. In über 100 Städten gibt es bereits Ableger.

Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit „Pegida“ und sind doch von Stadt zu Stadt verschieden, je nachdem, welches Feindbild gerade überwiegt. Es sind Rechte und Linke, die sich hier gemeinsam versammeln, so dass Kritiker schon den Begriff „Querfront“ verwenden. Dieser Begriff "Querfront" stammt aus der Weimarer Republik und bezeichnet eine rechtsradikale Bündnisstrategie, die Gemeinsamkeiten zwischen Linken und Rechten hervorhebt und eine Machtübernahme zum Ziel hat.

Wer sind die wichtigsten Drahtzieher dieser Bewegung? Lars Mährholz, 34, Fallschirmspringer aus Berlin: Mitte März organisiert der hagere Blondschopf die erste Friedensmahnwache in Berlin. „Für Frieden auf der Welt, gegen die tödliche Politik der Fed“, lautete das Motto. Schon früh leistete er sich den ersten Patzer. Vor einer Fernsehkamera gab er der US-Notenbank Fed die Schuld für alle Kriege der letzten hundert Jahre. Auf den Mahnwachen wird die „Fed“ von vielen als eine Art geheimer Code verstanden, und zwar für die jüdische Bankiersfamilie Rothschild. Insinuiert wird: Hinter dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust stecken Juden.

Tiraden mit antisemitischen Untertönen und Hass auf die USA

Einige Medien wurden hellhörig, fingen an, sich mit den Redebeiträgen der Teilnehmer zu beschäftigen. Gerade das Aufwärmen alter Feindbilder, ohne dabei deutlich zu sagen, wen man meint, ist eine perfide Strategie auf den wöchentlichen Veranstaltungen. Zwanzigjährige mit Guy-Fawkes-Masken stehen neben Parteikommunisten im Rentenalter, NPD-Kader unterhalten sich mit Esoterikern und Hippies über die „Neue Weltordnung“. Trotz – oder wegen – negativer Presse: Es läuft gut für Lars Mährholz.

Ein zentrales Thema der Demonstranten ist die Ukrainekrise, oder, in ihrer Sprache: der Krieg des Westens gegen Russland. In dem manichäischen Weltbild der Mahnwachen-Mehrheit sind die USA, die EU und die Ukraine die Aggressoren, Putins Russland ist das unschuldige Opfer. Die Ukrainer sind fast alle Nazis. Das glauben viele und lassen sich auch nicht von den mageren Wahlergebnissen der ukrainischen Rechtsextremisten beeindrucken. Eine quasireligiöse Überhöhung Putins ist die Folge: „Obama soll seinen Friedensnobelpreis an Putin abgeben“, steht auf Plakaten.

Der ideologische Kitt der Parteinahme für Russland und gegen den Westen funktioniert gut. Die Zwanzigjährigen mit Guy-Fawkes-Maske sind getrieben von einer Zivilisationsmüdigkeit und hassen die US-Kulturindustrie. Die Parteikommunisten sehen den roten Sowjet-Stern wieder am Himmel emporsteigen. Der NPD-Mann hasst die Yankees ohnehin und für die Hippie-Esoteriker ist der Stärkere von Natur aus im Unrecht.

Viele fürchten Kondensstreifen von Flugzeugen, weil damit die Gedanken der Menschen kontrolliert werden sollen

Zwei weitere Personen sind prägend: Ken Jebsen und Jürgen Elsässer. Beide sind einmal ernst zu nehmende Journalisten gewesen, aber wegen dubioser Äußerungen haben sie sich ins Abseits gestellt. Und das zahlen sie ihren ehemaligen Kollegen jetzt heim. „Nicht embeddeter, crowdfinanzierter Journalismus“, so sieht Ken Jebsen seine Arbeit. Der ehemalige Radiomoderator hat sich auf antiisraelische Sprüche und Tiraden gegen die USA spezialisiert. Seinen Job beim RBB verlor er im November 2011, nachdem eine E-Mail von ihm bekannt wurde, in der er angab zu wissen, wer „den Holocaust als PR“ erfunden habe. Wegen dieser und anderer Statements sieht sich Jebsen immer wieder mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Jürgen Elsässer ist Chefredakteur des „Compact-Magazins“, das er „Magazin für Souveränität“ nennt. Das Juniheft 2011 machte mit „CIA-Agent Bin Laden“ auf. Auf einem Kongress des Magazins ließ sich überraschend sogar Egon Bahr, der 93-jährige Architekt der sozialdemokratischen Ostpolitik, sehen.

Diether Dehm, Abgeordneter der Linken, demonstriert Arm in Arm mit Ken Jebsen

Neben den Kernthemen Fed, Russland und die Bosheit der USA steht bei der Bewegung ein breites Spektrum von Verschwörungstheorien auf der Agenda. Viele fürchten sich vor „Chemtrails“. Sie gehen davon aus, dass die Regierung den Flugzeugabgasen Gift beimischt, um wahlweise die Bevölkerung zu dezimieren oder ihre Gedanken zu kontrollieren.

Vor allem die Linkspartei streitet über die Mahnwachen. Während der Berliner Linken-Chef Klaus Lederer von seinen Genossen eine klare Distanzierung von der Bewegung verlangt, tauchen Fotos auf, auf denen der Linken-Bundestagsabgeordnete Diether Dehm ausgelassen grinsend neben Ken Jebsen die von den Mahnwachen mitorganisierte Demonstration "Friedenswinter" am 13. Dezember in Berlin anführt. Als Kritik an der Beteiligung Dehms aufkam, konterte dieser auf seiner Website: „Medienkonzerne, vielleicht auch geheimdienstliche Sprachlabore liefern dafür nur allzu gern die Verwirrwörter, und sogenannte Antideutsche oder Gemäßigte in der Partei greifen sie nur allzu gern auf.“ Verschwörungen, wohin man blickt.

Was hilft gegen Verschwörungstheorien? Was Forscher sagen, lesen Sie hier.