Friedenspreis-Rede von Carolin Emcke : Die Gute und die Bösen

Carolin Emckes Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels war klug, persönlich und rigoros. Aber lässt sich Hass durch Verachtung der Hassenden bekämpfen? Ein Kommentar.

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Carolin Emcke. Am häufigsten erhält sie den Namenszusatz "streitbare Publizistin".
Carolin Emcke. Am häufigsten erhält sie den Namenszusatz "streitbare Publizistin".Foto: AFP

Wenn das Gute gegen das Böse kämpft, darf sich niemand neutral verhalten. Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz! Gesicht zeigen, klare Ansagen machen, Mutbürger sein. Und wenn das Böse über die „Lügenpresse“ herzieht, muss man dem Bösen seine eigenen Lügen nachweisen. Spätestens seit sich der „Economist“ vor einigen Wochen in einer Titelgeschichte mit der „postfaktischen Politik“ beschäftigte, ist das Thema in aller Munde.

 

In diese Wahrnehmungsperspektive reiht sich ziemlich nahtlos die Dankesrede von Carolin Emcke anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels ein. Es ist eine kluge, persönliche und sprachmächtige Rede. So scharfsinnig wie rigoros bezieht Emcke Stellung. Gegen „pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker“, „Populisten und Fanatiker der Reinheit“, „ausgrenzenden Fanatismus“, all jene,  die den „Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen beliefern“. „Sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.“

 

Die beste Charakterisierung ihres Bildes vom Gegner liefert Emcke selbst: „Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. Damit wir voller Verstörung ihre Begriffe übernehmen, ihre falschen Gegensätze, ihre konstruierten Anderen – oder auch nur ihr Niveau. Sie beschädigen den öffentlichen Diskurs mit ihrem Aberglauben, ihren Verschwörungstheorien und dieser eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität. Sie verbreiten Angst und Schrecken und reduzieren den sozialen Raum, in dem wir uns begegnen und artikulieren können.“

 

Wer sich selbst in diesem Kampf zwischen Gut und Böse sieht, wird an solchen Stellen kräftig mit dem Kopf nicken, die „richtige Rede zur richtigen Zeit“ sagen, den Unter-die-Haut-geh-Moment würdigen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Emckes Rede, das sei nachdrücklich betont, war großartig.

Was fehlt, ist die Distanz zur eigenen Position

Dennoch stellt sich ein Unbehagen ein. Was gänzlich fehlt, ist die Distanz zur eigenen Position, der gelegentliche Ausflug in die Vogelperspektive. Denn von oben betrachtet, zeigt sich ein anderes Bild: Was der Hass für die einen, ist die Verachtung der Hassenden durch die anderen. Was die Ausgrenzung der einen, ist die Ausgrenzung der Ausgrenzenden durch die anderen. Was Aberglaube und Verschwörungstheorie für die einen, ist die Erkenntnis der wahren Werte durch die anderen. Und je dämonischer die Gegenseite beschrieben wird, desto fester werden die Bande der eigenen Gruppe geknüpft.

 

Wer nur das Böse ins Visier nimmt, verliert die Dimension der Polarisierung durch den Kampf zwischen Gut und Böse aus dem Blick. Der Gegner wird pathologisiert, entwürdigt, ins Reich des Irrationalen verbannt. Die Abscheu über dessen Worte - und Taten - ersetzt die Neugier auf dessen Beweggründe. Die werden als bekannt vorausgesetzt oder als irrelevant eingestuft. Nationalismus, Rassismus, Homophobie, Aggressivität, Kompensation ihres Abgehängtseins. Solche Begriffe aber verschleiern oft mehr, als sie erklären.

 

Auch Carolin Emcke will in erster Linie verurteilen, nicht verstehen. Wie das Kasperle dem Krokodil haut sie ihren Widersachern mit der Klatsche auf den Kopf. Das ist ihr Recht – und solches zu tun, hat seine Berechtigung. Aber sie riskiert damit den Vorwurf, den irritierenden Aspekten der Gegenwart weniger nah gekommen zu sein als dem Wohlwollen der Gleichgesinnten.

Ob sich der Hass durch Verachtung der Hassenden bekämpfen lässt?

Sind denn Pegida und AfD wirklich schon verstanden worden? Zwei kurze Beispiele: Einmal heißt es, die AfD sei die Partei der Globalisierungsverlierer, Abgehängten und Zurückgebliebenen. Zuletzt schien das eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach zu bestätigen. Eine „Spiegel“-Umfrage kommt dagegen zu einem ganz anderen Ergebnis. Demnach halten überdurchschnittlich viele AfD-Anhänger ihre wirtschaftliche Situation für gut bis sehr gut.

 

Zweites Beispiel: Lügenpresse, postfaktische Politik, Rationalität und Aberglaube. Vieles von dem, was AfD-Anhänger, Brexit-Sympathisanten und Donald-Trump-Wähler von sich geben, ist großer Quatsch. Aber daraus abzuleiten, Rechtspopulisten ließen sich mit rationalen Argumenten grundsätzlich nicht erreichen, während das „vernünftige Establishment“ nur irrtumsfreie Sätze publik werden lässt, ist zumindest gewagt. Wie war das noch gleich? - Der Euro wird so stark sein wie die D-Mark. Saddam Hussein hat chemische Waffen. Es wird immer zwei deutsche Staaten geben. Eine Parlamentsarmee braucht die Wehrpflicht. Mit den Flüchtlingen kommen keine Terroristen. Die Risiken der Atomenergie sind beherrschbar. – Das Phänomen des Postfaktischen in der Politik scheint relativ alt zu sein und lange vor dem Aufkommen des  Rechtspopulismus existiert zu haben.

 

Carolin Emcke ist um die Klarheit zu beneiden, mit der sie ihre Position vertritt. Ob sich der Hass allerdings hauptsächlich durch Verachtung der Hassenden bekämpfen lässt, ist eine Frage, die Zweifel erlaubt. Schön wär’s. Aber in einer schönen Welt gäbe es den Hass ohnehin nicht.

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