Politik : Fünf Tage in der Hölle

Vor 25 Jahren entführten palästinensischen Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“, um RAF-Häftlinge freizupressen

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Von Ruth Ciesinger

Sie will nicht mehr darüber sprechen. Gabriele von Lutzau, der „Engel von Mogadischu“, war 23, als das „Kommando Martyr Halimeh“ am 13. Oktober 1977 die Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Mallorca kaperte. Vor fünf Jahren, zum zwanzigsten Jahrestag der Entführung, hatte die ehemalige Stewardess noch von dem „schlimmen Film in ihrem Kopf“ erzählt; der abläuft, wenn sie an die fünf Tage denkt, in denen sie mit weiteren 90 Geiseln eingepfercht in der Maschine saß und nicht wusste, ob sie sie lebend wieder verlassen würde. Fünf Tage, die nach einem irrwitzigen Flug ganz früh am 18. Oktober in Mogadischu zu Ende gingen.

Die vier Araber – zwei Männer und zwei Frauen – forderten die Freilassung der in Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen, darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Zwei „palästinensische Genossen“ sollten auch freikommen, zudem wollten sie bis Sonntag, den 16. Oktober, 15 Millionen Dollar Lösegeld. Sonst: „Jeder Verzögerungs- oder Täuschungsversuch bedeutet den augenblicklichen Ablauf des Ultimatums und die Exekution von Hanns-Martin Schleyer, den Passagieren und der Besatzung des Flugzeugs“. Der Arbeitgeberpräsident Schleyer war am fünften September entführt worden.

Gabriele Lutzau hat damals Passagiere beruhigt und zwischen den Kidnappern vermittelt. Doch nach der Entführung konnte sie keine Stewardess mehr sein. Sie arbeitet als Künstlerin mit Holz und Flammenwerfer – und will jetzt, 25 Jahre danach, „verschwinden hinter den Skulpturen“. Und irgendwie ist dieser deutsche Herbst auch ein bisschen verschwunden. Anders als vor fünf Jahren gibt es keine großen Fernsehspiele, keine Artikelserien. Vielleicht ist die Bedrohung durch den neuen Terror zu gegenwärtig.

Dabei hatte damals zum Beispiel der „Spiegel“ geschrieben: die Entführung der Landshut zeige, dass Terrorismus ein internationales Geschäft geworden sei. Und andererseits hat seitdem nie wieder ein so kleiner Kreis von deutschen Politikern so offensichtlich über Tod und Leben der Bürger zu entscheiden gehabt – der so genannte Krisenstab, der seit der Entführung von Schleyer im Bonner Bundeskanzleramt beriet. Neben Kanzler Helmut Schmidt gehörten ihm die Minister, die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen und die Ministerpräsidenten, in deren Ländern RAF-Mitglieder in Haft waren, an.

Während dieser Krisenstab Täuschungsmanöver debattiert – Schauspieler, die als RAF-Häftlinge verkleidet, den Terroristen zum Tausch angeboten werden könnten, fliegt die Landshut von Rom über Zypern, nach Bahrain und dann Dubai weiter. Immer wieder wird den Entführern die Landeerlaubnis verweigert. An Bord fallen Klimaanlage und Beleuchtung aus, der palästinensische Anführer „Capitain Mahmud“ droht, Passagiere im fünf-Minuten-Takt zu erschießen. In Aden jagt er dem Pilot Jürgen Schumann eine Kugel in den Kopf, die Leiche bleibt im Gang liegen; wer zur Toilette will, muss über sie hinwegsteigen. Schließlich landet die Landshut am 17. Oktober um 4 Uhr 34 deutscher Zeit in Somalia.

Als die Maschine auf dem Rollfeld in Mogadischu steht, fliegt Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski von Dubai nach Somalia. Mit 25 Millionen Mark im Koffer, falls die Regierung von Siad Barre finanziell überzeugt werden muss, gefolgt von einer weiteren Maschine mit den Männern der GSG 9 an Bord. Die Eliteeinheit, nach dem Olympia-Attentat von 1972 gegründet, soll die Geiseln befreien. Denn eines, sagt Wischnewski, war klar: „Wir wollten niemals die Terroristen in Stammheim freilassen“.

Während die Entführer über eine fiktive Übergabe der RAF-Häftlinge verhandeln, gehen schwarz geschminkt Männer mit Blendgranaten und Leitern an der Landshut in Stellung. Am 18. Oktober, zwölf Minuten nach Mitternacht ruft Wischnewski im Krisenstab an. „The Work ist done“ – und keine Toten. Alle Geiseln werden gerettet. Drei Terroristen aber sterben, wenige Stunden später begehen die Häftlinge in Stammheim Selbstmord. Und am 19. Oktober findet man im französischen Mühlhausen Hanns-Martin Schleyer im Kofferraum eines Autos – tot.

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