Gedenken an den Ersten Weltkrieg : Serbien fühlt sich angegriffen

Der Historiker Christopher Clark gibt dem Land eine Mitschuld am Ersten Weltkrieg. Das will nicht zum nationalen Geschichtsbild passen.

Adelheid Wölfl
Bis heute präsent: Ein Graffito mit dem Bild von Gavrilo Princip, dem Sarajevo-Attentäter von 1914.
Bis heute präsent: Ein Graffito mit dem Bild von Gavrilo Princip, dem Sarajevo-Attentäter von 1914.Foto: dpa

Der berühmte Filmemacher hat sich als Hofberichterstatter anwerben lassen. Emir Kusturica ist Chef jenes Komitees in Serbien, das die Veranstaltungen anlässlich des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg konzipiert und koordiniert. Kusturica inszeniert sich gerade als Kämpfer gegen eine vermeintliche „Geschichtsumdeutung“, die Serbien angeblich zu fürchten hat. Kürzlich zauberte er ein Dokument hervor, dass der österreichische Militärgouverneur von Bosnien-Herzegowina, Oskar Potiorek, im Mai 1913 an den Wiener Finanzminister Leon Bilinski schrieb. Das Dokument solle beweisen, dass Serbien gar keine Mitschuld am Ersten Weltkrieg tragen könne, weil Österreich-Ungarn schon lange vor dem Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand im Juni 1914 den Angriff auf Serbien beschlossen habe.

Ein Dokument als Beweis?

In Serbien nahmen einige Zeitungen das Papier mit Euphorie auf. Serbien sei nicht schuld, lautete der Tenor. Angesichts dieser Schlagzeilen können Historiker wie Danilo Šarenac, der am Zeitgeschichtlichen Institut in Belgrad forscht, nur den Kopf schütteln. Das Dokument sei „beinahe irrelevant“, meint er. Allerdings sei in Serbien die Auffassung verbreitet, das Land solle „für jeden Krieg verantwortlich“ gemacht werden. Kusturica geht es genau darum: Serbien muss vor angeblichen Angriffen verteidigt werden. „Das ist unsere Antwort auf den Versuch, die Geschichte umzudeuten.“

Nationalistischer Held oder Terrorist?

Ausgelöst hat die Debatte in Serbien das Buch „Die Schlafwandler“ des australisch-britischen Historikers Christopher Clark. Auch unter deutschen Historikern wird das Werk freilich kritisch diskutiert, weil Clark die serbische Geschichte in den Mittelpunkt rückt, sogar auf den Genozid in Srebrenica 1995 verweist und den Attentäter von 1914, Gavrilo Princip, einen Terroristen nennt. Das Buch verkaufe sich in Deutschland so gut, weil Deutschland so gut wegkomme, lautet die Kritik. In Serbien hingegen haben „Die Schlafwandler“ national Gesinnte erst so richtig aufgeweckt. Princip wird von ihnen nun umso mehr als Held verteidigt.

Eine differenzierte Debatte findet kaum statt, was der Historiker Šarenac bedauert. Auch er kritisiert, dass Clark Fehler gemacht habe und seinen Terrorismusbegriff nicht ausreichend erkläre. Šarenac ist aber über die „grauenhafte Reaktion“ auf Clarks Buch in seiner Heimat schockiert. „Das wurde als Verschwörung gegen Serbien interpretiert. Es gab keine inhaltliche Debatte, sondern man sagt jetzt nur, dass es sich um ein gegen Serbien gerichtetes bösartiges Projekt handeln würde.“ Ein wichtiger Teil der serbischen Öffentlichkeit befindet sich einmal mehr im Opferdiskurs. Šarenac ist einer der wenigen Wissenschaftler aus Belgrad, die im Juni an der internationalen Historiker-Konferenz in Sarajevo teilnehmen werden, obwohl er von Kollegen bereits gewarnt wurde, dass dies seiner Karriere schaden könne. Allen voran kritisierte der serbische Präsident Tomislav Nikolic den „neuen Versuch, Serbien unberechtigt und ohne Grund zum von vornherein Schuldigen zu erklären, der wiederholt in der Geschichte Unglücke im Weltmaßstab hervorgerufen hat“.

Es geht auch um die Kriege der 90er Jahre

Im Grunde geht es bei der oberflächlichen Frage, ob Princip nun ein Held oder ein Terrorist war, um die Rolle und Verantwortung von Serbien vor und im Ersten Weltkrieg. Die Art aber, wie die Frage abgehandelt wird, hat eher mit einer größer gefassten Geschichtsbetrachtung in dem südosteuropäischen Land zu tun. Serbien ist seit Jahren damit beschäftigt, sich über die Verantwortung für die Kriege in den 1990er Jahren klarer zu werden. Das spielt auch in der Diskussion um Clark eine Rolle. Denn diese zeigt nicht nur die fehlende Distanz zu der historischen Figur Princip, sondern auch das Hadern mit dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens. Indirekt wird in Serbien beinahe trotzig ein Gavrilo Princip verteidigt, der als serbischer nationaler Held übrig geblieben ist, weil ihn die anderen Bürger in den Staaten Ex-Jugoslawiens nicht mehr als solchen sehen wollen.
Šarenac sieht Princip als einen „Idealisten“, aber keinen „professionellen Killer“, den man also nicht mit modernem Terrorismus wie Al Quaida in Verbindung bringen könne.

Der Weltkrieg als Wahlkampfthema?

Der deutsche Historiker Carl Bethke meint, dass man in Serbien verdrängt habe, dass es auf der „anderen Seite um die serbische Expansion“, also um nationale Interessen ging. Es sei „das Bestreben erkennbar, dass man nicht an den Pranger gestellt werden möchte, aber deswegen verschließt man sich auch einer kritischen Reflexion der Vergangenheit“. Clark habe nun die Aufmerksamkeit in Bezug auf den Ersten Weltkrieg wieder auf den Balkan gelenkt. Der Südosteuropa-Experte von der Universität Tübingen verweist darauf, dass man in Europa auf allen Seiten eine Distanz zu der traditionellen nationalgeschichtlichen Erzählung gewonnen habe. In Serbien stehe dieser Prozess aber teils noch bevor.
Zurzeit weiß man in Belgrad noch nicht einmal, woran und wie offiziell überhaupt erinnert werden soll. „Das Komitee hat noch nichts vorgelegt, obwohl wir bereits Januar haben“, kritisiert Šarenac. Er gehört zu jenen jungen Historikern, die mit dem „klassischen Zugang“ in Serbien aufräumen wollen. Er fürchtet, dass der Erste Weltkrieg als Wahlkampfthema und für einen „grausligen politischen Machtkampf“ missbraucht wird.

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