Gefährliche Eskalation : Türkische Kampfjets jagen israelisches Flugzeug über Zypern

Türkische Kampfjets haben aus dem Nordteil Zyperns ein israelisches Flugzeug verjagt. Der Zwischenfall ist Zeichen eines gefährlichen Gebräus aus Spannungen im Dreieck zwischen der Türkei, Zypern und Israel.

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Zwei Israelis beobachten wie das Hilfsschiff Mavi Marmara von der israelischen Marine in den Hafen von Ashdod geleitet wird. Der Streit um den Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte vor zwei Jahren hat das Verhältnis zwischen der Türkei und Israel zerrüttet.
Zwei Israelis beobachten wie das Hilfsschiff Mavi Marmara von der israelischen Marine in den Hafen von Ashdod geleitet wird. Der...Foto: dpa

Während die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf die blutigen Unruhen in Syrien gerichtet ist, braut sich im östlichen Mittelmeerraum eine neue explosive Krise zusammen. Türkische Kampfjets haben über dem Nordteil Zyperns ein israelisches Flugzeug verjagt, das in den Luftraum des türkischen Inselsektors eingedrungen sein soll. Der Zwischenfall ist Zeichen eines gefährlichen Gebräus aus Spannungen im Dreieck zwischen der Türkei, Zypern und Israel.

Wie der türkische Generalstab jetzt mitteilte, stiegen am Montag mehrere Kampfjets vom Typ F-16 von der südtürkischen Luftwaffenbasis Incirlik auf, nachdem eine israelische Maschine über Nordzypern aufgetaucht war. Ob es sich bei dem israelischen Jet um ein Militärflugzeug handelte, blieb zunächst unklar, doch Ankara nahm den Vorfall sehr ernst: Die türkischen Flugzeuge wurden ausdrücklich im Rahmen eines Alarmstarts gegen eine akute Gefahr aktiviert und waren laut Presseberichten vollständig bewaffnet. Die türkischen Kampfflugzeuge hätten weitere Verletzungen des nordzyprischen Luftraums verhindert, erklärte der Generalstab in Ankara. Aus Israel lag keine Stellungnahme vor.

Konkurrierende wirtschaftliche Interessen bei der Ausbeutung von Gasvorkommen unter dem Meeresboden, die türkisch-israelische Dauerkrise und das seit Jahrzehnten ungelöste Zypern-Problem bilden in der Region eine explosive Mischung. Die Türkei beobachtet seit Monaten mit wachsendem Ärger, wie Zypern und Israel bei der geplanten Erschließung und Vermarktung riesiger Erdgasvorkommen zwischen der Mittelmeerinsel und der israelischen Küste kooperieren. Ankara sieht die Interessen der türkischen Zyprer verletzt.

Im Hintergrund steht das seit fast 40 Jahren ungelöste Problem der Teilung Zyperns. Seit einem griechischen Putsch in Nikosia und einer anschließenden türkischen Militärintervention 1974 ist die Insel in einen international anerkannten griechischen und einen weitgehend isolierten türkischen Sektor gespalten. Die Teilung ist auch eines der größten Probleme der türkischen EU-Mitgliedschaft.

Hinzu tritt die tiefe Krise im Verhältnis zwischen der Türkei und Israel, die sich seit zwei Jahren wegen des Todes von neun türkischen Aktivisten beim israelischen Angriff auf eine Gaza-Hilfsflotte streiten. Die Türkei hatte im vergangenen Jahr den israelischen Botschafter aus dem Land geworfen und die Beziehungen zu Israel auf ein Mindestmaß heruntergefahren.

In einer solchen spannungsgeladenen Situation seien gegenseitige Machtdemonstrationen unausweichlich, sagt Oytun Orhan vom Nahost-Institut Orsam in Ankara. Möglicherweise habe Israel den Kampfjets nach Nordzypern geschickt, um die türkische Reaktion zu testen. Die türkischen Militärs halten auch deshalb ständig nach israelischen Kampfjets in Grenznähe Ausschau, weil die Israelis versuchen könnten, bei den angedrohten Luftschlägen gegen das Atomprogramm im Iran den türkischen Luftraum zu durchqueren. Das will die Türkei verhindern.

Eine rasche Entspannung im dichten Geflecht der gegenseitigen Vorwürfe und Verdächtigungen in der Region ist nicht in Sicht: Die Türkei bereitet sich derzeit auf die Unterbrechung ihrer Beziehungen zur EU vor, weil Zypern im Juli die Ratspräsidentschaft übernimmt. Eine Lösung des Grundkonflikts – der Teilung Zyperns – liegt in weiter Ferne. Ähnliche Vorfälle wie der am Montag sind nach Ansicht von Beobachtern deshalb möglich.

Trotz der gegenseitigen Provokationen haben alle Seiten nach Meinung von Beobachtern dennoch ein Interesse daran, die Eskalation nicht zu weit zu treiben. Weder die Türkei noch Israel wollten einen bewaffneten Konflikt, sagte Orsam-Experte Orhan. Zudem würden sich Amerikaner und Europäer einschalten, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten sei. Auch Semih Idiz, außenpolitischer Kolumnist der Zeitung „Milliyet“, erwartet ein Eingreifen der Weltmacht USA, falls die amerikanischen Partner Türkei und Israel zu weit gehen sollten.

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