Gegen den Hass : Wie Schweden der Islamophobie begegnet

Schweden gilt als ein Einwanderungsland. Viele Menschen befürworten die kulturelle Vielfalt. Doch auch im hohen Norden wird eine zunehmend negativere Haltung gegenüber dem Islam spürbar. Eine Analyse unserer Schweden-Korrespondentin.

Karin Bock-Häggmark
Nach mehreren Angriffen: Polizisten in Uppsala schützen eine Moschee.
Nach mehreren Angriffen: Polizisten in Uppsala schützen eine Moschee.Foto: dpa

"Wir haben Angst, dass Schweden sich so entwickelt wie Deutschland in den 1930-er Jahren", schrieben Vertreter des Vereins "Schwedische Muslime für Frieden und Gerechtigkeit" am Mittwochmorgen in einem Gastartikel der Zeitung "Sydsvenskan". "Muslime", so heißt es da weiter, "werden schon seit langem  wegen der Taten einzelner kollektiv verdächtigt und beschuldigt - in Schweden und anderswo auf der Welt". Wenige Stunden nach der Veröffentlichung geschah das Attentat auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" und islamische Organisationen mahnten die schwedischen Moslems zur Vorsicht. Es bestehe "ein gesteigertes Risiko für islamfeindliche Hassverbrechen".

In der Woche nach Weihnachten brannten drei Moscheen

Die Angst kommt nicht von ungefähr. Allein in der Woche nach Weihnachten brannten drei Moscheen in drei verschiedenen Städten. In Eskilstuna geht die Polizei zwar mittlerweile nicht mehr unbedingt von Brandstiftung aus, in Eslöv und Uppsala hingegen ist die Sache klar: Es waren Anschläge.  Am Mittwoch schlugen dann Unbekannte im mittelschwedischen Mariestad die Fenster einer Moschee ein, warfen Schweinefleisch in die Kellerräume und sprühten "Geht heim!" an die Hauswand. "Der Hass gegen Moslems ist eindeutig gewachsen", sagt Omar Mustafa, Vorsitzender des "Islamischen Verbandes in Schweden" gegenüber der Nachrichtenagentur tt. "Man schreitet von Worten zu Taten."

Fast 330 antiislamische Hassverbrechen registrierte der staatliche "Rat zur Verbrechensvorbeugung"  im vergangenen Jahr - so viele wie noch nie. Und die Dunkelziffer scheint hoch. In einer Untersuchung des Dachverbandes "Zentralrat der Muslime" erklärten viele Gläubige, Anfeindungen wegen ihrer Religion gehörten zum Alltag. Zwei Drittel der knapp 150 islamischen Glaubensvereinigung gaben an, schon einmal Opfer von Vandalismus geworden zu sein. Der reicht von eingeschlagenen Fenstern und Türen über beleidigende Graffiti bis hin zum demonstrativen Ablegen von Schweineköpfen und - füßen.  So geschehen Ende 2013 bei den Moscheen in Trollhättan und dem Stockholmer Vorort Fittja.

In mehreren Städten wurde gegen die wachsende Islamfeindlichkeit protestiert

"Eine Moschee sollte ein Ort von Freiheit und Ruhe sein", sagt die 51-jährige Noureddine Guermazi in einem Interview der Zeitung "Svenska Dagbladet". "Wenn solche Sachen geschehen, dann fühle ich mich nicht mehr sicher." Gemeinsam mit mehreren hundert Demonstranten protestierte Guermazi am 2. Januar in Stockholm gegen die wachsende Islamfeindlichkeit. Auch in Malmö und Göteborg gingen Menschen unter dem Motto "Lass meine Moschee in Ruhe" auf die Straße. Kulturministerin Alice Bah Kuhnke versprach umgehend einen nationalen Handlungsplan gegen Islamophobie und rief den Demonstranten in der Stockholmer Altstadt zu: "Her mit den Kreuzen und den schönsten Niqabs! Lasst eure Bärte wachsen, setzt die Kippa auf! Zeigt denen, die uns Angst machen wollen, dass wir zusammen viel stärker sind!"

Es ist nicht leicht, die Einstellung der Schweden zu Muslims und dem Islam zu beschreiben

Attentate gegen Moscheen auf der einen, Aufrufe zur Einheit auf der anderen Seite. Es ist nicht leicht, die Einstellung der Schweden zu Muslims und dem Islam zu beschreiben. Es gibt nicht viele Studien und noch weniger Zahlen. Das schwedische Gesetz verbietet es, die Religionszugehörigkeit zu registrieren. Manche Forscher glauben, dass in Schweden mit seinen 9,7 Millionen Einwohnern rund 400.000 Muslime leben. Bei den islamischen Vereinigungen offiziell angemeldet, sind hingegen nur 110.000.

Eine Studie zeigt, dass sich auch die Akzeptanz von Gesichtsschleier oder Burka verringert

Die Soziologen Fereshteh Ahmadi und Mehrdad Darvishpour von der Universität Gävle haben kürzlich das jüngste "Vielfaltsbarometer" veröffentlicht. Die Studie misst seit 2005 alljährlich die Einstellung der schwedischen Bevölkerung zu kultureller Vielfalt und Einwanderung. Das Bild ist widersprüchlich. Zum einen begrüßen 71 Prozent der Schweden multikulturelle Vielfalt in der Ausbildung und am Arbeitsplatz, neun Prozent lehnen sie ab. Gleichzeitig, so die beiden Forscher, zeige sich aber eine zunehmend negativere Haltung gegenüber dem Islam. Zwei Drittel der Befragten meinten etwa, dass islamische Frauen mehr unterdrückt seien als andere Frauen in Schweden. Auch verringere sich die Akzeptanz von Gesichtsschleier oder Burka. 

Für Forscher handelt es sich vor allem um einen Protest gegen das Establishment

Für Ahmadi und Darvishpour ist die steigenden Islamophobie vor allem ein Protest gegen das Establishment. "Nationalkonservatismus ist eine Reaktion auf den Globalisierungsprozess", schreiben die Soziologen. Sie sehen darin auch eine Erklärung für den großen Erfolg der Schwedendemokraten. Seitdem die Rechtspopulisten bei den Parlamentswahlen im September mit 13 Prozent der Stimmen drittstärkste Partei und damit Zünglein an der Waage wurden, haben sie bereits für ausreichend Chaos gesorgt. Anfang Dezember stürzten sie die rot-grüne Regierung bei der Haushaltsabstimmung in eine tiefe Krise. Gleichzeitig kündigten sie an, in Zukunft sämtliche Haushaltsentwürfe zu blockieren, die keine radikale Einschränkung der Einwanderung vorsähen. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Stefan Löfven konnte sich durch ein Übereinkommen mit der bürgerlichen Opposition letztlich retten, doch für wie lange, steht in den Sternen.

Der Parteisekretär der Schwedendemokraten wurde wegen Volksverhetzung angezeigt

"Die ‚Religion des Friedens‘ zeigt ihr wahres Gesicht", schrieb der Parteisekretär der Schwedendemokraten, Björn Söder, nun nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" auf seiner Facebook-Seite. Die Reaktionen auf die Worte Söders, der auch stellvertretender Parlamentspräsident ist, blieben allerdings nicht aus. "Das ist schockierend und peinlich für Schweden", erklärte der Politologe Olof Ruin. Die sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete Veronica Palm zeigte Söder beim Verfassungsausschuss an - wegen Volksverhetzung.

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