Geheimnisvoller Geheimdienst : Die NSA wusste vom Mauerbau - sagte aber Kennedy nichts

Schon 1961 begann offenbar die gute alte Tradition, dass US-Präsidenten nicht wissen, was ihr Geheimdienst so treibt. Die NSA hatte kurz vor dem Mauerbau in Berlin eine brisante Information aus der SED aufgeschnappt - behielt sie aber lieber für sich.

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Hier wurde am 13. August 1961 die Mauer in Berlin gebaut. Die NSA wusste schon vorher Bescheid.
Hier wurde am 13. August 1961 die Mauer in Berlin gebaut. Die NSA wusste schon vorher Bescheid.Foto: dpa

Niemand hat die Absicht, eine Mauer des Schweigens zu errichten. Außer der NSA. Niemand hat die Absicht, Freund und Feind zu misstrauen. Außer der NSA. Gemein? Nein, historisch belegt. Geheim? Nein, neuerdings öffentlich einsehbar. Ab sofort, unverzüglich. Seit gestern nicht mehr geheime Geheimdokumente des geheimnisvollen Geheimdienstes offenbaren: Die NSA wusste vorab vom Mauerbau.

Vier Tage vor der – eigentlich streng geheim organisierten – Errichtung eines Vorhangs aus Stacheldraht und Beton, der Brüder und Schwestern, Ost und West sowie Berlin und Berlin zerriss, vier Tage vor jenem Sonntag im August, der die Welt 28 Jahre lang zerschnitt, hätte die NSA twittern können, dass bald was passiert da drüben in Berlin. Weil das 1961 noch nicht möglich war, hätten die Spitzel auch auf ein Wählscheibentelefon oder die Rohrpost zurückgreifen können, um wenigstens Präsident John F. Kennedy zu unterrichten – doch offenbar fürchtete man eine Gegenüberwachung und unterließ das lieber. Kennedy erfuhr nichts. Spätestens am 9. August 1961 begann also jene gute alte Tradition, dass amerikanische Präsidenten nicht wissen, was ihr Geheimdienst eigentlich so treibt. Historiker des „National Security Archive“ in Washington haben das gestern der Welt offenbart (und ganz nebenbei öffentlich gemacht, dass die NSA auch Martin Luther King und Muhammad Ali überwachte).

Der Mauerbau - Als Berlin geteilt wurde
Arbeiter erhöhen im August 1961 die ersten Sperren an der Bernauer Straße.
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1 von 13Foto:Günter Bratke/dpa
13.08.2013 11:35Arbeiter erhöhen im August 1961 die ersten Sperren an der Bernauer Straße.

Verpfiff Genosse Erich den Genossen Walter?

Genau wissen wir heute Folgendes: Die NSA fing am 9. August 1961, dem Mittwoch vor dem Mauerbau, eine Nachricht aus der Spitze der DDR-Staatspartei SED ab. Darin ging es um Pläne, Grenzübergänge in Berlin für Fußgänger zu sperren. Die NSA wertete dies klug kombinierend als „ersten Schritt in einem Plan, die Grenze zu schließen“. Der Geheimdienst sollte recht behalten, hielt das aber bis gestern geheim. Man kann ja nie wissen.

Nun würde man zumindest gerne wissen, wie die NSA an diese nicht unerhebliche Information gekommen ist. Eine E-Mail von Walter Ulbricht wird sie kaum abgefangen haben. War Erich Honecker der Maulwurf, der nicht nur im Verborgenen den Mauerbau plante, sondern ihn zur besseren Tarnung gleich verriet? Unwahrscheinlich, denn den Genossen Walter verpfiff der Genosse Erich lieber bei den Russen. Hat sich Lotte Ulbricht verplaudert? Oder wurde die SED abgehört am Telefonknotenpunkt Pankow? Nichts Genaues weiß man nicht, wie immer bei der NSA.

Nur eines ist gewiss: Der US-Geheimdienst war mit seinen eigenen Geheimnissen überfordert. Wie später die Stasi. Die verpennte den Mauerfall.

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