Genitalverstümmelung : "Mit Religion hat das gar nichts zu tun"

Die Frauenärztin Christiane Tennhardt hat genitalverstümmelte Frauen behandelt - und wehrt sich dagegen, deren Beschneidung mit der von Jungen in eins zu setzen.

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Gynäkologin Christiane Tennhardt
Gynäkologin Christiane TennhardtFoto: Maik Wolff

Frau Dr. Tennhardt, im Zuge der Beschneidungsdebatte wird von nicht wenigen weibliche und männliche Beschneidung in einem Atemzug genannt. Was halten Sie als Gynäkologin davon?

Als Gynäkologin weiß ich zu wenig von den Folgen des Eingriffs bei Männern. Ich würde das aber strikt trennen, weibliche Beschneidung gehört nicht in die aktuelle Diskussion. Beides sind zwar Riten der Initiation und jeweils Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit. Aber medizinisch ist es etwas völlig anderes, ob ich die Penisvorhaut abtrenne oder Klitoris oder Schamlippen entferne. Die Weltgesundheitsorganisation spricht nicht umsonst von FGM, female genital mutilation, von Genitalverstümmelung. Wobei ich mich allerdings auch heftig dagegen wehre, alle diese Frauen in Bausch und Bogen als sexuelle Krüppel zu beschreiben.

Warum? 

Weil die Folgen so unterschiedlich sind und es sehr darauf ankommt, in welchen Ländern und wie radikal die Frauen beschnitten wurden. Das hat natürlich auch mit der sexuellen Praxis zu tun; auch eine intakte Frau kann ja Sexualität als sehr wenig erfüllend erleben. In einer Befragung von nigerianischen Frauen zum Beispiel wurden keine großen Unterschiede zwischen nichtbeschnittenen und beschnittenen festgestellt. In Sierra Leone geschieht das statistisch an 95 Prozent der Frauen, ich selbst habe, als ich dort arbeitete, keine einzige unbeschnittene Frau kennengelernt. Ich hatte dort aber nicht das Gefühl, ausschließlich von psychischen Wracks umgeben zu sein. 

Welche Eingriffe gibt es und welche Folgen haben sie? 

Die psychischen Folgen sind wie überall sehr unterschiedlich. Genitalverstümmelung ist sicher immer ein Vertrauensverlust, zumal sie durch Frauen geschieht, noch dazu durch nahe stehende Menschen  Und körperlich gilt zwar, dass das weibliche Genital eine wunderbare Fähigkeit hat zu heilen – das ist zum Beispiel für Geburtsverletzungen wichtig – aber durch alle diese Eingriffe können schlimme wulstige Narben entstehen, Da habe ich gerade bei Frauen aus der Subsahara Schreckliches gesehen. Durch das Einnähen von Kräutern in die Scheide kann es zu Verätzungen kommen. Zudem wird bei jeder Form von FGM das Köpfchen der Klitoris entfernt, der sichtbare Teil. 

Also selbst im weniger radikalen Fall doch eine Zerstörung des Lustzentrums der Frau. 

Nun, die Klitoris ist mit ihrem unsichtbaren Teil etwas so lang wie ein kleiner Finger. Es ist möglich, dass die Frau auch danach noch ein erfülltes Sexualleben hat. Sexualität ist schließlich ein multifunktionales Geschehen. 

Und die radikalste Form? 

Bei der so genannten pharaonischen Beschneidung werden Schamlippen und Klitoris entfernt und die Scheide bis auf eine kleinen Ausgang vernäht. Dadurch wird alles schmerzhaft und gefährlich: das Wasserlassen, jede Penetration, Menstruation, Geburten. 

Wo wird diese Art der Verstümmelung praktiziert? 

In Somalia, Ägypten, im Jemen – da von dort relativ wenig Migration zu uns kommt, habe ich diese Fälle selten in meiner Praxis. Würde ich zum Beispiel in Paris arbeiten, sähe das ganz anders aus. 

Es gibt eine Art Geographie der Genitalverstümmelung an Frauen? 

Auf Karten der Weltgesundheitsorganisation ist der FGM-Gürtel eingezeichnet, das ist praktisch die hohe Taille von Afrika. Wobei es regional deutliche Unterschiede gibt. Im muslimischen Norden Nigerias zum Beispiel wird nicht beschnitten, dort praktizieren hauptsächlich christliche Stämme FGM. Und in Sierra Leone trifft es Frauen aller religiösen Gemeinschaften. Mit Religion hat Beschneidung von Frauen aus meiner Sicht gar nichts zu tun.

Christiane Tennhardt wurde an der Charité zur Gynäkologin ausgebildet, sie arbeitete mehrere Jahre für Ärzte ohne Grenzen, unter anderem in Angola, Sierra Leone, Nigeria und Kolumbien. Bis 2009 war sie Leitende Ärztin im Berliner Familienplanungszentrum Balance, für das sie weiterhin als freie Mitarbeiterin und Beraterin arbeitet.

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