Genozid im Bosnien-Krieg : Serbiens späte Entschuldigung für das Srebrenica-Massaker

Es ist ein außergewöhnlicher Schritt: Der serbische Präsident Tomislav Nikolic entschuldigt sich für die Verbrechen in Srebrenica - auch wenn er meint, ein "Genozid muss erst bewiesen werden".

Adelheid Wölfl
Eine bosnische Frau trauert am Potocari Memorial Center in Srebrenica, Bosnien-Herzegowina.
Eine bosnische Frau trauert am Potocari Memorial Center in Srebrenica, Bosnien-Herzegowina.Foto: dpa

Zum ersten Mal hat sich Serbiens Präsident Tomislav Nikolic für alle Verbrechen entschuldigt, die während des Bosnienkrieges zwischen 1992 und 1995 an der Zivilbevölkerung begangen wurden. „Ich bitte auf Knien darum, dass Serbien für dieses in Srebrenica begangene Verbrechen verziehen wird“, sagte der serbische Staatschef in einem Interview, das am Donnerstag in Auszügen vom bosnischen Sender BHT TV veröffentlicht wurde. Das Massaker an den bosnischen Muslimen im Juli 1995 im ostbosnischen Srebrenica wird vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag und vom Internationalen Gerichtshof als Völkermord beurteilt. Dies stellte Nikolic allerdings erneut infrage: „Der Genozid muss erst bewiesen werden“, sagte er .

Nikolic entschuldigte sich für jene Verbrechen, die im Namen Serbiens und der Serben durch Einzelpersonen begangen wurden. Serbiens Staatschef soll seinen baldigen Besuch in Srebrenica angekündigt haben. Das vollständige Interview wird am 7. Mai ausgestrahlt. Zuletzt war der frühere serbische Präsident Boris Tadic bei den Trauerfeierlichkeiten in Srebrenica gewesen, die jedes Jahr im Juli stattfinden. Insgesamt wurden vor 18 Jahren 8000 Muslime von den Truppen des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic erschossen. Mladic steht heute deshalb vor Gericht in Den Haag. Das serbische Parlament hat zwar 2010 das Massaker verurteilt, dieses jedoch nicht als Völkermord bezeichnet.

„Alles, was im ehemaligen Jugoslawien passierte, trägt Genozid-Merkmale“, sagte Nikolic nun in dem Interview. Von dem Massaker von Srebrenica abgesehen, ist vor dem internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag keine weitere Genozid-Anklage nach den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien erhoben worden. Die Muslime waren mit 83 Prozent der getöteten Zivilisten bei Weitem die größte Opfergruppe im Bosnienkrieg. Nikolic hatte bereits vor seiner Wahl zum Präsidenten im Vorjahr den Genozid in Srebrenica infrage gestellt.

Das Interview mit dem Staatspräsidenten folgt einem Besuch von zwei der drei Mitglieder des bosnischen Staatspräsidiums, dem Serben Nebojsa Radmanovic und dem Muslim Bakir Izetbegovic, bei Nikolic vor zwei Tagen. Bei dem Besuch vereinbarten die drei Politiker, Unstimmigkeiten auszuräumen. Nikolic betonte bei der Gelegenheit auch, dass er Bosnien-Herzegowina Frieden und Stabilität wünsche.

Das dritte Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, Zeljko Komsic, hatte den Besuch in Belgrad allerdings wegen der Aussagen Nikolics abgesagt. Denn dieser hatte sich selbst und den Präsidenten des bosnischen Landesteils Republika Srpska (RS), Milorad Dodik, jüngst als die Führer „der beiden serbischen Staaten“ bezeichnet und damit indirekt den bosnischen Gesamtstaat infrage gestellt. In Bosnien-Herzegowina wurden dadurch Ängste geweckt, Serbien könne wie einst im Krieg die Integrität von Bosnien-Herzegowina unterlaufen und separatistische Tendenzen seitens bosnisch-serbischer Politiker unterstützten. Komsic, der sich selbst als Bosnier bezeichnet und damit keinem der drei staatsbildenden Völker zuordnet, fuhr deshalb aus Protest gegen die „Einmischung“ von Nikolic und wegen des „Aufrufs zum Auseinanderbrechen“ Bosnien-Herzegowinas nicht nach Serbien.

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