Afrika : Liberia: Zurück zur Würde

Liberia hat die Hölle erlebt – 14 Jahre Bürgerkrieg, Hunderttausende Tote, Millionen Flüchtlinge. Jetzt wird das Land wieder aufgebaut. Und die ganze Welt hilft.

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Liberia ist ein reiches Land. Reich an Bodenschätzen wie Erze, Gold und Diamanten.
Liberia ist ein reiches Land. Reich an Bodenschätzen wie Erze, Gold und Diamanten.Foto: AFP

Am Stadtrand Monrovias probt eine Blaskapelle der Polizei verzweifelt „Qué será, será/Whatever will be, will be/The future’s not ours to see“. Das Stück aus den 50er Jahren, das Doris Day sang und berühmt machte, will nicht so richtig gelingen. Die Musiker sitzen in einem notdürftig renovierten Gebäude etwa zehn Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt Liberias entfernt. Auf dem großen Areal der Polizeiakademie stehen riesige Zelte der Vereinten Nationen, in denen mehr als 100 Menschen gleichzeitig schlafen. Dazwischen unbefestigte Wege, denen die Regenzeit schwer zugesetzt hat. Wenig deutet darauf hin, dass hier an einer tragenden Säule, der inneren Sicherheit, des neuen Staates Liberia gearbeitet wird. Vieles in Liberia funktioniert nicht mehr oder noch nicht. Sieben Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, der die Infrastruktur des Landes an der Westküste Afrikas zwischen Sierra Leone und Elfenbeinküste in 14 Jahren nahezu vollständig zerstört hat. So typisch das für Afrika ist, so typisch ist auch die greifbare Hoffnung, der schiere Optimismus der Menschen. Ihr Glaube an die Zukunft. Eine Zukunft ohne Armut, Verzweiflung, Krieg und Hass.

So steht den leitenden Polizisten in der Polizeiakademie die gute Laune auch ins Gesicht geschrieben. Heute werden 135 ihrer Auszubildenden in den Dienst der liberianischen Polizei entlassen. Viele Botschafter haben ihr Kommen zu der zweistündigen Zeremonie zugesagt, Vertreter der Vereinten Nationen, der Regierung und Hilfsorganisationen. Sie wollen den kleinen Erfolg miterleben, den die Polizeiakademie an diesem Tag feiert. Denn mit der Verabschiedung der Rekruten in den offiziellen Dienst ist ein kleines Wunder geschehen, wie es noch viele geben soll. Das Wunder vom Aufbau einer Nation, bei dem alle mitmachen wollen. Die Liberianer selbst und fast die ganze Welt.

Liberia ist eine gewaltige Versuchsanordnung. Ein Experiment. Für das Land. Und für die Welt. Denn die hat sich vorgenommen, den geschundenen Staat in Westafrika wieder lebenswert zu machen. Lebenswert für etwa 3,5 Millionen Einwohner, die auf den Wandel hoffen. Den Neuanfang. Viele von ihnen haben die Hölle erlebt. Der Bürgerkrieg hat 250 000 Menschen das Leben gekostet und machte mehr als eine Million zu Flüchtlingen. Mehr als die Hälfte der Frauen und Mädchen wurde vergewaltigt. Jetzt soll das Wunder geschehen. Das Wunder vom Frieden. Das Wunder von der Rückkehr zur Würde.

Die Vereinten Nationen sind mit 16 Agenturen vor Ort. Die UN-Truppe Unmil besteht noch aus rund 8000 Soldaten, um den seit 2003 herrschenden Frieden zu sichern. Zum Auftakt der Mission waren es einst mehr als 16 000 Mann – die größte UN-Mission aller Zeiten. Ungezählte staatliche und nichtstaatliche Organisationen versuchen, dem Land und seinen Menschen Perspektive zu bieten. Viele Staaten geben Geld, allen voran die US-Amerikaner. Die Auslandsschulden in Höhe von knapp fünf Milliarden US-Dollar sind dem Land erlassen worden, Deutschland verzichtet auf die Rückzahlung von 400 Millionen Dollar. Das Experiment Liberia muss gelingen.

Auch die Privatwirtschaft entdeckt den kleinen Staat. Die fünf größten privaten Investitionsprojekte im Bergbau von 2006 bis 2010 summieren sich auf zehn Milliarden Dollar und schaffen rund 12 000 Arbeitsplätze. Insgesamt haben Ausländer in den zurückliegenden fünf Jahren 18 Milliarden Dollar in Liberia investiert und damit rund 110 000 Menschen Arbeit und eine neue Perspektive gegeben.

Das riesige Engagement hat einen einfachen, nicht einmal humanitären Grund: Liberia ist reich – reich an Bodenschätzen. In der fruchtbaren Erde liegen Erze, Gold und Diamanten. In den blauen Himmel wachsen edle Tropenhölzer und Kautschukbäume. All das soll gefördert und an den Weltmärkten verkauft werden. Damit das nicht ausschließlich zugunsten einiger großer Wirtschaftsunternehmen aus dem Ausland geschieht, gibt es eine „Rohstoffgovernance Westafrika“, die die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit fördert. Ein Beispiel ist die Initiative Leiti (Liberia Extractive Industries Transparency Initiative). Ein anderes der Kimberley-Prozess, mit dem gegen die sogenannten Blutdiamanten vorgegangen werden soll. Blut- oder Konfliktdiamanten werden illegal geschürft und verkauft, um damit Rebellentruppen zu finanzieren.

Mit den Transparenzinitiativen sollen Informationen aus dem Rohstoffsektor offengelegt werden. „Die gerechte Ausbeutung der Rohstoffvorkommen ist ein Schlüsselproblem Liberias“, sagt Sayon Henry Yaidoo, Leiter des Leiti-Sekretariats in Monrovia. „Das liberianische Volk weiß jetzt, wer wie viel Geld mit den Rohstoffen verdient.“ Dafür sei Transparenz der erste Schritt. „Die Welt schaut zu“, ergänzt Peter Kluczny von der GIZ. Liberia ist das erste afrikanische Land und das zweite weltweit, das sich so auf die Finger schauen lässt. „Darauf sind wir sehr stolz“, sagt Yaidoo.

Doch trotz aller Maßnahmen werde es immer Schmuggel mit Diamanten geben, gibt A. Kpandel Fayiah, Deputy Minister für Energie und Minen, unumwunden zu. Die Grenzen seien dagegen nicht zu sichern. „In Deutschland“, so sagt er mit breitem Grinsen, „sind die Menschen damals ja sogar über eine große Mauer gesprungen.“ Alle offiziellen Diamantenfunde werden in seinem Ministerium, das so gut wie keine Sicherheitsvorkehrungen hat, erfasst, nach Qualität eingestuft und mit den entsprechenden Papieren versehen. Besonders stolz sind sie auf einen Fund aus dem Nordosten des Landes: 194,09 Karat. Allein dieser Stein wurde für 6,7 Millionen Dollar verkauft und wird die Exportbilanz von rund zehn Millionen Dollar für das Jahr 2009 für 2010 vermutlich ordentlich aufhübschen.

Etwa zwei Autostunden südlich von Monrovia, einige hundert Meter abseits der mit Schlaglöchern übersäten Sandpiste, steht Borkar Baeh bei mehr als 35 Grad Hitze und lähmender Luftfeuchtigkeit am Rande seiner eigenen, kleinen Goldmine. Der Zwei-Meter-Mann trägt eine massive goldfarbene Kette mit einem Anhänger in Form des Buchstabens B um den Hals. Aus echtem Gold ist sie nicht, auch wenn seine Mine einiges abwirft. „Bis zu 100 Gramm Gold holen wir hier an guten Tagen raus“, erzählt er stolz. Doch gerade jetzt, zum Ende der Regenzeit, ist ein Großteil des bis zu 45 Meter tiefen Erdlochs mit Wasser vollgelaufen. Nur zwei bis drei Gramm des Edelmetalls finden die Arbeiter am Tag. An den wenigen trockenen Stellen arbeiten junge Männer, barfuß oder in Badeschlappen, mit freiem Oberkörper und kurzen Hosen. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag, fünf Tage davon auf eigene Rechnung, einen Tag müssen sie als Gebühr für Baeh arbeiten. Hart arbeiten: Schippe, Spitzhacke und Muskelkraft sind die Werkzeuge der muskulösen Männer. Anschließend wird das Gemisch aus Sand und Stein gewaschen, in Stoffmatten verfängt sich dabei das schwerere Gold. Zu sehen ist es aber erst, wenn Baeh es mit Quecksilber versetzt und die restlichen Bestandteile beim Kochen verdampfen. Das giftige Quecksilber holt er aus seiner Hosentasche. Es ist in einem gewöhnlichen Plastikbeutel verpackt. „Schützen? Vor was?“, sagt er lakonisch. „Hier gibt es keinen Arbeitsschutz.“ Die deutsche GIZ kümmert sich im Verbund mit einigen Nichtregierungsorganisationen um die Geschicke der Minenarbeiter im Distrikt Grand Bassa, „weil die am wenigsten von den großen Investitionen profitieren“, erklärt Peter Kluczny. Für ein Gramm Gold bekommt Baeh, der Vater von fünf Kindern ist, in Monrovia bei einem Händler etwa 35 Dollar. An internationalen Märkten wird ein Gramm reines Gold derzeit mit etwa 44 Dollar gehandelt. Für Baeh ein lohnendes Geschäft – auch wenn neue Wasserpumpen, Diesel für den Generator und Gebühren für die Schürferlaubnis das Ergebnis schmälern. „Es ist ein guter Ort“, sagt Baeh. „Wir bleiben hier.“

Geblieben ist Edsel Edward Smith nicht. Aber zurückgekommen – nach dem Bürgerkrieg. Der 68-jährige Liberianer ist Assistance Minister for Technical Service im Ministerium für öffentliche Arbeiten, das sein Budget in großen Teilen für den Straßenbau ausgibt. 9900 Kilometer Straßen, oder treffender gesagt Flächen, die das mal waren oder werden wollen, gibt es in Liberia. Die meisten Straßenkilometer sind als solche gar nicht zu erkennen, geschweige denn zu nutzen. Es sind Schlaglochpisten, in der Regenzeit sind viele nicht zu befahren, andere nur sehr langsam. Schwere Unfälle, festgefahrene oder mit Achsenbruch liegen bleibende Fahrzeuge sind keine Seltenheit.

Die zerstörte Infrastruktur ist das größte Problem Liberias. Neben dem maroden Straßensystem gibt es nur an wenigen Stellen eine öffentliche und verlässliche Stromversorgung. Und die Kilowattstunde kostet dann mit 45 Cent auch noch doppelt so viel wie in Deutschland. Gerade mal eine Verkehrsampel steht in der Millionenstadt Monrovia – allerdings meistens auf Rot und niemand hält sich dran. Was auf der einen Seite den schnellen wirtschaftlichen Aufschwung behindert, stellt sich andererseits als riesige Investitionschance dar. Liberia kann in den nächsten Jahren zu den größten Wirtschaftsnationen Afrikas zählen, sind sich viele sicher, die hier arbeiten.

An eine gute Zukunft glaubt auch Edsel Edward Smith. Er ist 1960 nach Deutschland gegangen, hat neun Jahre später sein Ingenieurdiplom gemacht und vorwiegend in Bayern gelebt. „Hab mi zamgrissn“, sagt der kleingewachsene Smith in bayerischem Dialekt, „und freue mich, dass ich meine Arbeit jetzt Liberia zur Verfügung stellen kann.“ Er hätte sich geschämt, sagt er, wenn er in Deutschland geblieben wäre. „Ich würde nie aufgeben und alles tun, um mein Land aufzubauen.“

Um die Jugend dreht sich eine ganze Menge in dem Land, in dem zwei Drittel der Bevölkerung noch keine 25 Jahre alt sind. Unterschiedlichste Entwicklungsprojekte zielen darauf ab, junge Menschen in die Lage zu versetzen, beim Aufbau des völlig ruinierten Landes mitzuhelfen und Verantwortung für den neuen, den eigenen Staat zu übernehmen – egal ob Reisanbau oder Rechtsprechung.

Etwa 40 dieser Hoffnungsträger sitzen in dunklen Anzügen, frisch gebügelten Hemden und mit ordentlich gebundenen Krawatten in einem viel zu kleinen Klassenraum mit viel zu wenig Sauerstoff und lassen sich von Richter Josef Fayiah das liberianische Recht erklären. Der 54-jährige Fayiah ist einer von 380 Magistrates, vergleichbar etwa mit deutschen Amtsrichtern, die die erste Instanz in Liberia bilden. Von denen haben gerade mal zehn eine juristische Ausbildung, 370 arbeiten in dieser Position als ausgewiesene Laien. Im Auftrag des deutschen Außenministeriums hat die GIZ ein Richterinstitut gegründet, an dem im ersten Ausbildungszyklus 63 Richter in einem Crashkurs ausgebildet werden. Von den amtierenden 380 Magistrates hat nur ein einziger die Aufnahmeprüfung bestanden.

Der Bedarf an juristischem Personal in Liberia ist riesig. 90 Prozent aller Häftlinge in den überfüllten Gefängnissen sitzen in Untersuchungshaft und warten auf ihren Prozess. Die Hälfte aller Streitigkeiten, schätzt Jörg Stippel von der GIZ, werden von den Dorfchefs geregelt und kommen nicht vor ein staatliches Gericht. Es gibt keine Akten, keine Gesetzestexte. Die meisten Menschen im Land haben keinen Zugang zur Rechtsprechung und kennen ihre Rechte nicht. Korruption und Lynchjustiz sind an der Tagesordnung.

Wenn alles klappt, wird Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf in den nächsten Monaten die neuen Magistrates einsetzen und ins „Feld schicken“, wie Lehrer und Auszubildende das nennen. Dort erwartet die Crashkurs-Juristen neben Lehmhütten, die als Gerichtssäle dienen, die Wirklichkeit. Denn die traditionellen Konfliktlösungsmechanismen in den Dörfern stehen im Widerspruch zur Verfassung. So ist es immer noch üblich, Verdächtige mit einem glühenden Eisen zu malträtieren, das nach dem Aberglauben vieler Liberianer nur dann Brandwunden auf der Haut hinterlässt, wenn es sich bei dem Delinquenten wirklich um den Täter handelt.

Im vierten Stock des Temple of Justice, in dem die GIZ das Richterinstitut untergebracht hat, sitzt Jamesetta Wolokolie, Richterin am Supreme Court, der dritten und höchsten Gerichtsbarkeit Liberias, in ihrem kleinen abgedunkelten und klimatisierten Büro und sagt, wie dankbar sie der GIZ sei. Sie säße vermutlich auf der Richterbank, sollte der ehemalige Präsident und Warlord Charles Taylor vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nur zu einer kurzen Haftstrafe verurteilt werden und nach der Freilassung wieder nach Liberia kommen. Denn auch hier müsste sich Taylor vermutlich vor Gericht verantworten. „Wenn es dem Land jetzt besser geht, dann liegt es auch daran, dass Taylor nicht da ist“, sagt Wolokolie und strapaziert damit ihre politische Unbefangenheit bis aufs Äußerste. Der Kriegsverbrecherprozess gegen Taylor in Den Haag wird in Liberia aufmerksam verfolgt, die Medien berichten regelmäßig.

Taylor hatte Ende 1989 mit seiner National Patriotic Front of Liberia (NPFL) den Bürgerkrieg angezettelt, um Militärmachthaber Samuel K. Doe zu stürzen. Doe hatte sich im April 1980 an die Macht geputscht und den Präsidenten William R. Tolbert jr. und dessen Sohn Adolphus ermordet. Doe selbst erging es zehn Jahre später nicht besser. Eine von Taylor getrennte Gruppe der Independent National Patriotic Front of Liberia (INPFL) folterte ihn zu Tode. „Was immer das Gericht in Den Haag entscheidet“, sagt die jetzige Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, die erste Frau Afrikas in diesem Amt, „wird die Sicherheit dieses Landes nicht gefährden.“ Und mehr werde sie dazu nicht sagen, erklärt die 72-Jährige, die sich Ende 2011 für eine zweite Periode im Amt bestätigen lassen will.

Auch Johnson-Sirleaf will sich mehr der Zukunft als der Vergangenheit zuwenden. Gerade hat sie in Liberias zweitgrößter Stadt Buchanan ein College eingeweiht. In Jeanshose und Jeansjacke steht die ehemalige Taylor-Unterstützerin auf dem Hof des College. Durch ein Zelt vor der Sonne geschützt, redet sie von den Aufgaben, die zu erledigen seien. „Unsere Priorität ist es, Arbeit zu schaffen, um den zwei Millionen Arbeitslosen eine Chance zu geben. Und wir werden so lange arbeiten, bis alle Kinder Zugang zu Bildung haben.“ Ihren jubelnden Zuhörern, in der Mehrheit die zukünftigen Schüler des College, gibt sie einen Auftrag mit auf den Weg: „Baut euer Land auf.“

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