Archäologie : Von der Stadt zur Schrift

Auf der Suche nach der ersten Hochkultur wenden sich Archäologen Elam im heutigen Iran zu.

Michael Zick

Das Wetter war freundlich, die Wälder boten reichlich jagdbares Wild, die Flüsse lieferten Fische, Muscheln und Krebse, regelmäßiger Regen ermöglichte den Anbau von Getreide. Kein Wunder, dass sich die Menschen mehrten, dicht beieinander liegende Dörfer errichteten und eines Tages beschlossen, eine richtige Stadt zu bauen. Das ist das übliche Szenario für die Entstehung der ersten urbanen Zentren. Doch dieses spielt nicht in Südmesopotamien, wo nach bisheriger Lesart die Sumerer den geistigen Höhenflug des Menschen einleiteten, sondern weiter östlich im heutigen Iran, ist gut 700 Jahre älter und wirft damit die Frage neu auf: Wo liegen die Wurzeln der ersten Hochkulturen?

Um 4200 v. Chr. schichteten die Leute von Elam in Susa unvorstellbare Mengen von luftgetrockneten Lehmziegeln zu einer massiven Plattform von zehn Metern Höhe und 80 Metern Länge und vermutlich gleicher Breite auf – ein in der damaligen Welt einmaliger Bau. Und das war nur der Unterstock. Um fünf Meter von der Kante zurückgesetzt entstand auf dieser Terrasse ein riesiges Bauwerk oder eine zweite Etage.

„Natürlich denkt man bei dieser Form eines Gebäudes mit zumindest zwei Stufen an die berühmten Stufentürme, die Zikkurate“, meint Heidemarie Koch, Iranistin von der Universität Marburg. Diese „babylonischen Skyscraper“ wuchsen zu Beginn des 3. Jahrtausends, also etliche hundert Jahre später, im Zweistromland und im Iran in den Himmel. Dies geschah eher zufällig, durch ständiges Überbauen hinfälliger Baustrukturen, wie man bislang annahm. Die Anlage in Susa jedoch sei „ganz bewusst geplant und errichtet worden“, betont Koch in ihrem Buch (Frauen und Schlangen – Die geheimnisvolle Kultur der Elamer in Alt-Iran, Zabern Verlag, 2007). Dann wäre die Tempelterrasse von Susa ein Beleg für die früheste Zikkurat, die mithin eine elamische Innovation wäre.

Mit „Elam“ tut sich die Wissenschaft jedoch schwer. Das fängt mit der Lokalisierung an. Das „Land Elam“ taucht erst in sumerischen Quellen des 3. Jahrtausends v. Chr. auf. Zuvor gab es offenbar zahlreiche unabhängige Zentren in der fruchtbaren Ebene des heutigen Westiran, die aber durch eine einheitliche Kultur verbunden waren. Einige archäologische Zeugnisse belegen eine Ausdehnung ins zentraliranische Hochland und bis an die Grenzen Afghanistans. Das Zentrum der frühen Zeit war die neu gegründete Stadt Susa und die umgebende Landschaft, die Susiana.

In der schriftlich belegten Geschichte stellt sich Elam als fortwährendes Stehaufmännchen dar. Mal wurden die Elamer von Sumer dominiert, mal von den Akkadern unterworfen, mal beherrschten sie selbst Mesopotamien so nachhaltig, dass sie sogar Götterstatuen und die Gesetzesstele des Hammurabi aus Babylon nach Susa deportieren konnten. Ab 2500 v.Chr. bis zu seiner Auflösung im Meder- und Perserreich um 600 v. Chr. spielte das Land Elam im orientalischen Machtpoker jedenfalls immer mit.

Aus der Zeit davor waren die Nachrichten bislang rar. Für die Sumer- und Babylon-fixierte Archäologie und Geschichtsschreibung war Elam allenfalls Peripherie. Doch je mehr die Altertumswissenschaftler sich der sogenannten Randgebiete annehmen, also mit einem anderen Blickwinkel neue Fragen stellen, verschieben sich in den letzten Jahren die Weltbilder. So wurde die 12 000 Jahre alte Steinzeit-Kultur auf dem Göbekli Tepe im Südosten der Türkei entdeckt oder der Handel im gesamten östlichen Mittelmeerraum des 2. Jahrtausends v. Chr. als frühestes Beispiel globaler Vernetzung. Und nun erheben die archäologischen Arbeiten der letzten Jahre das rätselhafte Elam mit seiner frühen Metropole Susa in den Status als Kulturbringer.

Damit nicht genug: 800 Kilometer östlich von Susa fällt der forschende Blick auf die hohe Kunst der Metallurgie in Tepe Sialk, die schon im 5. Jahrtausend so weit entwickelt, dass daraus ein Exportschlager wurde. Früher als irgendwo anders konnten hier Menschen aus Erz reines Kupfer erzeugen, das erste Metall, das sich der Mensch aneignete.

Und in Arisman, 60 km südlich vom Tepe Sialk, gräbt sich Barbara Helwing seit einigen Jahren durch Schutt- und Schlackehalden, die eine industrielle Kupferproduktion um 4000 v. Chr. belegen; streckenweise fand sie einen Brennofen pro Quadratmeter. Offenbar war Arisman eine reine Industriesiedlung: Neben den Verhüttungsöfen und Gussformen fand die Archäologin des Deutschen Archäologischen Instituts bescheidene Wohnhütten, jedoch keine repräsentativen Bauten oder Kultstätten. Hier wurde offensichtlich nicht für den eigenen Bedarf produziert, hier wurde Kupfer als Barren oder Fertigware für den Export hergestellt.

Aus solchen Befunden schließt Barbara Helwing: „Die Peripherie hat eine größere Rolle gespielt, als gemeinhin angenommen wird.“ An der Wende vom 5. zum 4. Jahrtausend erlebt die Kupferindustrie in Arisman und Tepe Sialk tatsächlich einen gewaltigen Aufschwung. Ein Teil der Ware blieb in Susa hängen, wie wertvolle Grabfunde beweisen. Das Gros aber dürfte via Elam ins metalllose Mesopotamien verfrachtet worden sein.

Sobald an einem Ort viele Menschen zusammenleben, arbeiten und versorgt werden müssen, schlägt die Stunde der Verwaltung. Siegelabdrücke, die mit verschiedenen Motiven unterschiedliche Dinge oder Besitzer kennzeichneten, zeugen davon, dass Beamte den Warenverkehr regelten. Der Weg vom Siegel zur Schrift vollzog sich in vielen Einzelschritten. In weiten Teilen der alten Welt gab es ab dem 8. Jahrtausend so genannte Zählsteinchen und kleine Tontäfelchen, teilweise mit ein oder zwei „Eintragungen“ aus geritzten Linien oder Punkten. Ab etwa 4000 v. Chr. wurden diese Symbolsteinchen plötzlich sehr viel differenzierter, neue Symbole und figürliche Darstellungen kamen hinzu, es lassen sich erste Zahlzeichen ausmachen. Um 3200 v. Chr. wurden dann Symbolzeichen in weichen Ton gedrückt, die Keilschrift war geboren. Die war um 2500 v. Chr. so weit entwickelt, dass mit ihr auch politische Propaganda, geschichtliche Ereignisse und geistig-literarische Gedanken festgehalten werden konnten.

„Die besten und zahlreichsten Belege für die frühe Schrift“, resümiert Heidemarie Koch, „stammen aus Uruk im Zweistromland.“ Aber: „Die bisher reichsten Belege für die Stufe unmittelbar vor der Einführung der Schrift“ hat man in Susa gefunden.“

Uruk ist sicher ein Fokus für die Entwicklung der Schrift, meint auch Eva Cancik-Kirschbaum, „aber ob es wirklich der Anfang oder der einzige Anfang dafür war, wissen wir nicht.“ Zu Beginn des 4. Jahrtausend, gibt die Altorientalistin der Freien Universität Berlin weiter zu bedenken, „hatte der Iran eine ganz hohe Dynamik. Es gab einen Ort in Elam, der war ein Anfangspunkt wie Uruk. Den Ort haben wir noch nicht, aber wir haben die protoelamische Schrift – und die ist nicht in Uruk entstanden.“

Auch wenn die FU-Professorin Susa nicht explizit nennen will, bleibt bestehen: Erste Stadtgründung, erster Stufentempel, erste Verwaltung, letzter Schritt vor einer phonetisch lesbaren Schrift – alles scheint in der Susiana – früher und östlich des Hochkulturlandes Sumer – beheimatet gewesen zu sein.

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