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Geschichte : Wie die Welt vereinen sollte Esperanto

27.07.2007 14:28 Uhr

Die Idee von Ludwik Zamenhof war genial: Eine Sprache für alle Menschen. Von 1887 an lernten vor allem Arbeiter Esperanto. Mit Hitler und Stalin kam der Niedergang.

Als Ino Kolbe ein kleines Mädchen war, brachten ihr die Kinder im Viertel eine Sprache bei, die Ino seltsam fand und fremd. Manchmal stritt sie sich deshalb mit den anderen. Einmal zum Beispiel, es muss im Jahr 1917 oder 1918 gewesen sein, da spielten sie und die Nachbarskinder mit einem Drehkreisel. Und obwohl es ihr großen Spaß machte, stürmte Ino irgendwann zurück in die Wohnung der Eltern, hoch in den zweiten Stock der Mietskaserne in Leipzig-Gohlis und erklärte ihrer Mutter irritiert und ein wenig empört: „La infanoi dires, ke mia turbo estus Kreisel!“ – Die Kinder sagen, mein Turbo sei ein Kreisel!

Die Kinder, mit denen Ino Kolbe gespielt hatte, sprachen einfach Deutsch.

Sie selbst war es, die eine fremde, besondere Sprache benutzte: das künstlich entwickelte Esperanto, eine Erfindung des polnisch-jüdischen Arztes Ludwik Zamenhof.

Vor 120 Jahren, am 26. Juli 1887, stellte Zamenhof die Sprache in einer Broschüre zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor. Jeder Mensch, so die Idee des Arztes, sollte Esperanto als leicht erlernbare, internationale „Lingua franca“ neben der eigenen Muttersprache beherrschen. Und tatsächlich wurde Zamenhofs Projekt zum Erfolg.

Als Ino Kolbe ein Kind war, erlebte die Sprache gerade einen einzigartigen Boom in aller Welt: Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Kinder mit ihr groß, hunderttausende Erwachsene paukten freiwillig ihr Vokabular und die glühendsten Anhänger übertrugen sogar ganze Bibliotheken klassischer Literatur ins Esperanto, von Shakespeares „Sommernachtstraum“ bis zu den Worten des Konfuzius.

„Weil Vater begeisterter Esperantist war, sprachen unsere Eltern nur Esperanto miteinander. Mein Bruder und ich haben Deutsch wirklich erst auf der Straße gelernt“, erinnert sich Ino Kolbe. Die heute 93-Jährige sitzt auf dem Sofa ihrer kleinen Wohnung in Leipzig. Gegenüber, hinter den Glasscheiben des alten Holzschranks, stehen Bücher in und über Esperanto. „La Sencesa Rakonto“ zum Beispiel, eine Übersetzung der „Unendlichen Geschichte“. Daneben Romane, die nur auf Esperanto erschienen sind. Ino Kolbe ist ihrer Muttersprache ein Leben lang treu geblieben. Selbst ihr Vorname entstammt dem Esperanto: Ino bedeutet „weibliches Wesen“.

Weil sie planmäßig ausgearbeitet wurde, gilt Esperanto als Plansprache – im Gegensatz zu den ethnischen Sprachen, die sich über einen langen Zeitraum natürlich herausbilden. Zamenhof entwarf ein betont einfaches Verständigungsmittel: Esperanto nutzt die lateinischen Buchstaben und hat nur 16 grammatische Grundregeln. Substantive enden auf o, Adjektive auf a, Verben in der einfachen Form auf i. Viele Worte sind den romanischen Sprachen entlehnt, erinnern ans Italienische oder Französische.

Hinter den simplen Regeln steht eine politische Vision: Nicht umsonst lautete Zamenhofs frühes Pseudonym, das später seiner Sprache ihren Namen gab, Doktor Esperanto („ein Hoffender“). Grün wie die Hoffnung ist bis heute auch das Symbol der Esperanto-Bewegung: ein fünfzackiger Stern.

Es war die Brüderlichkeit zwischen den Menschen, auf die Zamenhof Zeit seines Lebens hoffte. In seiner Heimatstadt Bialystok, die damals zum Zaristischen Russland gehörte, lebten Juden, Polen, Russen, Deutsche und Weißrussen nebeneinander. Jede Volksgruppe hatte ihre eigene Sprache und beäugte die anderen misstrauisch. Mit Esperanto sollten sich die Völker endlich auf sprachlich neutralem Boden begegnen und verständigen können. Der „nationale Hass“, den die Juden als Opfer vieler Pogrome damals besonders zu spüren bekamen, würde so verschwinden, glaubte Zamenhof. In einem Brief bekannte er später: „Die Notwendigkeit einer nationslosen, neutral-menschlichen Sprache kann niemand so stark empfinden wie ein Jude.“

Zunächst fand seine Idee Anhänger in Osteuropa und Frankreich. Aber schon kurz nach der Jahrhundertwende gab es selbst im fernen Shanghai Esperantokurse. Im Jahr 1905 trafen sich dann zum ersten Mal Esperantisten aus allen Teilen der Erde zum Weltkongress.

Etwa zu dieser Zeit befindet sich Ino Kolbes Vater, Reinhold Voigt, auf Wanderschaft. Seine Firma hat ihn herausgeworfen, weil er öffentlich den Chef verhöhnt hat. Eine neue Arbeit findet er nicht. Also beschließt Kolbe, die Welt zu erkunden. Es zieht ihn nach Tirol, nach Frankreich – und in die Schweiz. Dort macht er die gleiche Erfahrung wie einst Zamenhof in Bialystok: Unterschiedliche Sprachen trennen die Menschen voneinander. Die italienischen Schweizer verstehen kein Schwyzerdütsch, die französischen Schweizer kein Italienisch.

Zurück in Deutschland stößt Voigt auf ein Plakat, das für einen Esperanto-Kurs wirbt. Er meldet sich an. Esperanto wird für ihn, der als Metallschleifer arbeitet und nie eine höhere Schule besucht hat, zu einer ungeheuren intellektuellen Leidenschaft. Ludwik Zamenhof hatte es geahnt: Arbeiter würden zu den wichtigsten Anhängern seiner Idee werden. Die oberen Schichten besaßen mit Französisch ja schon lange eine internationale Sprache. Das simple Esperanto sollte es nun auch weniger Gebildeten ermöglichen, über Landesgrenzen hinweg Kontakte zu knüpfen.

Ino Kolbe hat einen großen Pappkarton mit alten Bildern aus dem Schrank geholt. Sie zeigt auf ein SchwarzWeiß-Foto der Eltern. Als das Bild entstand, müssen die beiden Mitte 40 gewesen sein. Reinhold Voigt sieht nicht aus, wie man sich einen malochenden Proletarier vorstellt. Weniger, weil er sich mit Anzug und Krawatte fein gemacht hat. Es sind seine runde Brille und sein wacher Blick, die ihn wie einen Intellektuellen wirken lassen. „Klug ist er gewesen, wahnsinnig rege, überall war er der Chef-Organisator“, erinnert sich seine Tochter.

Im Jahr 1910 gründet Voigt, der überzeugte Sozialist und Pazifist, mit Freunden eine einflussreiche Arbeiter-Esperanto-Gruppe in Leipzig. Ihr Name: Frateco (Brüderlichkeit). Die Arbeiter-Esperantisten wollen die Sprache in den Dienst des Klassenkampfs stellen und sehen sich dabei als wahre Hüter von Zamenhofs Idee. Ihre Kontakte zur bürgerlichen Bewegung, die schon 1906 den Vorläufer des späteren Deutschen Esperanto-Bunds (DEB) ins Leben gerufen hatte, bleiben rar. Der DEB seinerseits verfolgt die Popularität der Sprache unter Arbeitern mit zwiespältigen Gefühlen: Auf der einen Seite wird Esperanto immer sichtbarer und einflussreicher, je mehr Menschen es sprechen. Auf der andere Seite diffamieren konservative Kritiker Esperanto nun gerne als „Sprache von Strolchen und Kommunisten“.

Den ideologischen Gegensätzen zum Trotz: Nach dem Ersten Weltkrieg sehen Bürgerliche wie Arbeiter die Zeit für Esperanto gekommen. Millionen Menschen haben sinnlos ihr Leben verloren, der Krieg hat Volkswirtschaften zerrüttet. Doch es gibt auch hoffnungsvolle Signale. In Genf entsteht der Völkerbund, der Schluss machen soll mit Krieg und Nationalismus. Viele glauben jetzt, dass eine Sprache Frieden schaffen kann: Schulen überall in der Welt beginnen, versuchsweise Esperanto zu unterrichten – etwa in Großbritannien, Brasilien oder Japan. Die New Yorker Handelskammer setzt Esperanto 1918 auf den Stundenplan. In Deutschland wird die Plansprache 1922 an den Volksschulen von 162 Städten angeboten. Zamenhof erlebt den Durchbruch indes nicht mehr. Er ist schon 1917 gestorben.

Für Reinhold Voigt sind die 1920er rastlose Jahre. Ständig ist er unterwegs, um auf Vorträgen für Esperanto zu werben, neue Sprachkurse zu organisieren, selbst zu unterrichten. „Wir hatten oft Besuch von ausländischen Esperantisten, von Holländern und Franzosen etwa“, sagt Ino Kolbe, die den Gästen damals stolz als „Esperanto-Kind“ präsentiert wird. Ihr Vater hält Briefkontakte in alle Welt, sie selbst beginnt mit sechs Jahren, einem jungen Japaner auf Esperanto zu schreiben.

Wahrscheinlich versuchten in den 20er Jahren weltweit bis zu einer Million Menschen Esperanto zu sprechen. Die Deutschen gehörten zu den Fleißigsten: Man schätzte, dass um 1922 schon über 100 000 die Sprache erlernt hatten. Zu dieser Zeit zählte man außerdem 1592 Esperantokurse in Deutschland, die von 40 256 Erwachsenen besucht wurden – über die Hälfte davon Arbeiter.

Reinhold Voigts Esperanto-Gruppe zieht oft zu Ausflügen in die Natur los. Ein paar Männer tragen wehende rote Fahnen mit dem grünen Esperanto-Stern darauf, die anderen singen „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ – auf Esperanto natürlich. Die Arbeiter geben eigene Zeitungen heraus, organisieren internationale Konferenzen. Im Jahr 1929 kommt der Kongress des SAT, eines weltweiten Verbunds der Arbeiter-Esperantisten, nach Leipzig. Über 2000 Teilnehmer reisen an. „Wir Kinder durften sie am Hauptbahnhof abholen und in ihre Quartiere führen. Mein Bruder hat später auf der Bühne Arbeiter- und Volkslieder vorgetragen“, erzähltt Ino Kolbe. Die sozialistischen Esperantisten nehmen Marx’ Losung wörtlich – Proletarier aller Länder vereinigen sich.

Es sind aber keineswegs nur Arbeiter, die sich für Esperanto begeistern. Zu einem der wichtigsten Sympathisanten der Sprache wird der stellvertretende Generalsekretär des Völkerbunds, der Japaner Inazo Nitobe. Es liegt auch an seinem Einfluss, dass der Völkerbund 1922 nach anfänglicher Skepsis beschließt, die bisherigen Erfahrungen mit Esperanto genauer untersuchen zu lassen: Könnte Esperanto eine Art weltweiter Amtssprache werden? Politisch weniger einflussreichen Ländern wie China, der Tschechoslowakei oder Rumänien gefällt diese Idee. Ihr entschiedenster Gegner sind die Franzosen, die die Vormacht ihrer Sprache schon durch das Englische bedroht sehen. Paris verbietet denn auch den Esperanto-Unterricht an Frankreichs öffentlichen Schulen. Trotzig erklärt der damalige Minister für Unterricht, Léon Bérard: „Französisch wird immer die Sprache der Zivilisation sein.“ Aber auch in Deutschland und anderswo fürchten Rechts-Konservative, Esperanto könnte die Weltgeltung der eigenen Sprache gefährden und den Nationalstolz mindern.

Im Frühjahr 1922 kommen in Genf trotzdem Lehrer und Regierungsvertreter aus 28 Ländern zur Esperanto-Konferenz des Völkerbundes zusammen. Ihr Lob für Zamenhofs Idee ist überwältigend: Esperanto sei schon jetzt deutlich verbreiteter als andere Plansprachen wie das Volapük des deutschen Pfarrers Johann Martin Schleyer oder die Interlingua des italienischen Mathematikers Guiseppe Peano. Es lerne sich leicht und fördere die Völkerverständigung: „In zwei Jahren lernt ein junger Chinese Esperanto, während er derer sechs braucht, um Englisch zu lernen, und noch mehr, um sich das Französische anzueignen“, heißt es in ihrem Bericht. Am Ende erklären die Delegierten einmütig: Esperanto sollte weltweit als erste Fremdsprache unterrichtet werden.

Doch von diesem Vorschlag wollen die Franzosen nichts wissen. Sie stellen sich stur – und üben großen politischen Druck aus. Schon im August 1923 ist ein internationales Schulfach Esperanto deshalb vom Tisch. Die zuständige Kommission des Völkerbunds erklärt, es sei besser, „das Studium lebender Sprachen und fremder Literaturen zu fördern“.

Zehn Jahre später kommt es noch schlimmer – Hitler und Stalin beenden die große Zeit des Esperanto endgültig.

Den Nationalsozialisten gilt die Sprache als „Waffe des Weltjudentums“. Schon in „Mein Kampf“ hatte Hitler geurteilt: „Solange der Jude nicht der Herr der anderen Völker geworden ist, muss er wohl oder übel deren Sprache sprechen, sobald diese jedoch seine Knechte wären, hätten sie alle eine Universalsprache (z.B. Esperanto!) zu lernen.“ Auch die pazifistische Gesinnung der Esperantisten ist den Nazis zuwider. Nur wenige Monate nach ihrer Machtergreifung verbieten sie den Arbeiter-Esperanto-Bund, drei Jahre später wird der bürgerliche DEB aufgelöst.

Auch daheim bei Ino Kolbe wird nach 1933 wieder Deutsch gesprochen. Reinhold Voigt, der bis dahin immer einen grünen Stern am Revers getragen hatte, legt sein Esperanto-Abzeichen ab. „Gleich zu Beginn der Nazi-Zeit verschwanden Weggefährten meines Vaters im Konzentrationslager“, erinnert sich Ino Kolbe. Die vielen Kontakte der Familie ins Ausland brechen ab. Immer wieder durchsuchen die Nazis die Wohnung. Die Gestapo glaubt, Esperanto sei die „geheime Sprache der Kommunisten“.

Dabei werden Esperantisten in der kommunistischen Sowjetunion unter Stalin sogar gezielt in Lager verschleppt. Einer der Gründe: Durch ihre internationalen Brieffreundschaften erfahren die Arbeiter mehr über die Zustände im kapitalistischen Ausland, als dem Diktator recht ist.

Obwohl die Sprache in den sozialistischen Staaten später rehabiliert wird, können die Esperantisten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr an den Erfolg der 20er Jahre anknüpfen. Die Welt ist sprachlich längst in zwei Blöcke geteilt. Im Westen spricht man Englisch, im Osten Russisch. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus steigt das Englische dann zur weltweiten „Lingua franca“ auf.

„Ja, unsere Bewegung hat heute nicht mehr so viel Zulauf“, sagt Ino Kolbe. Die Esperantisten haben die Hoffnung auf einen neuen Boom für ihre Sprache aber nicht aufgegeben. Sie schauen jetzt zur EU nach Brüssel. Dort arbeiten über 1000 Dolmetscher und immer wieder kommt es zum Streit darüber, in welchen Sprachen Reden gehalten und Dokumente verfasst werden. Esperanto könnte die Lösung für diese Konflikte sein, meinen die Esperantisten. 80 Jahre nach ihrer großen Zeit hätte die Sprache eine zweite Chance verdient, sich zu beweisen.

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