Politik : Geschlossenes Weltbild

09.11.2006 00:00 UhrVon Frank Jansen

Laut Studie sind über acht Prozent der Deutschen als rechtsextrem einzustufen

Berlin - Der Befund kommt überraschend: Obwohl braune Kriminalität in Ostdeutschland Rekordzahlen erreicht und ultrarechte Abgeordnete fast nur in Landtagen östlich der Elbe zu finden sind, ist der Rechtsextremismus in westdeutschen Köpfen deutlich stärker verbreitet. Der Anteil von „Menschen mit geschlossenem rechtsextremen Weltbild“ liege in den alten Bundesländern bei 9,1 Prozent, im Osten seien es aber nur 6,6 Prozent, lautet eines der Resultate einer bundesweiten Studie, die zwei Wissenschaftler der Universität Leipzig im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt haben. Westdeutschland hebt damit den braunen Durchschnitt auf bundesweit 8,6 Prozent, wie Professor Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, am Mittwoch in der Berliner Zentrale der Stiftung verkündete.

Den Wissenschaftlern ging es nicht um rechtsextreme Verhaltensweisen, sei es bei Straftaten oder Wahlen, sondern um „Einstellungen und ihre Einflussfaktoren“. Empirische Grundlage der Studie mit dem Titel „Vom Rand zur Mitte“ war eine Umfrage unter 3876 West- und 996 Ostdeutschen, die mit 18 meist klassisch rechtsextremen Aussagen konfrontiert wurden. Die Befragten konnten dann zwischen fünf Antworten wählen, die von klarer Ablehnung bis deutlicher Zustimmung reichen. Das Gesamtergebnis sei, warnte Dietmar Molthagen von der Friedrich-Ebert-Stiftung, „ein Alarmzeichen für die Politik“. Die Umfragewerte zeigten, dass Rechtsextremismus in der Bundesrepublik kein Randphänomen sei und sich in Teilen der Gesellschaft verfestige.

So stimmten 26 Prozent der Aussage zu: „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Das ist typische NPDSprache. Im Osten waren 29 Prozent dieser Ansicht, im Westen jeder Vierte. Oder: Fast 40 Prozent sehen die Bundesrepublik durch die vielen Ausländer „in einem gefährlichen Maße überfremdet“ (Ost: über 40 Prozent, West: knapp 39).

Insgesamt bekannten deutlich mehr Ostdeutsche, ausländerfeindlich zu sein. Etwa 44 Prozent glauben, „die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“. Im Westen waren es 35 Prozent. Allerdings fielen die Antworten in Bayern (über 42 Prozent ausländerfeindlich) fast so schlimm aus wie in Brandenburg (knapp 50 Prozent). Antisemitische Einstellungen fanden sich hingegen in Westdeutschland weit mehr als im Osten. Nur sechs Prozent der befragten Ostdeutschen meinten, „die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen“. Unter den Westdeutschen stimmten fast 16 Prozent dieser Parole zu.

Sympathien für den Nationalsozialismus äußerten deutlich weniger Befragte in Ost und West. Nur fünf Prozent der Ostdeutschen meinten, die Verbrechen des NS-Regimes würden in der Geschichtsschreibung weit übertrieben. Im Westen waren es etwas mehr als neun Prozent.

Eine weitere Überraschung bietet die Studie: Bei allen Themen, von der Befürwortung einer Diktatur bis zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, lagen die über 60-Jährigen vorn. Die Meinung, Rechtsextremismus lasse sich auf junge Skinheads und Neonazis reduzieren, wird widerlegt. Und die meisten rechtsextrem eingestellten Deutschen wählen keine rechtsextreme Partei. Etwa zwei Drittel entscheiden sich für SPD und Union. Kein Grund zur Entwarnung, mahnt Brähler: Die demokratischen Parteien, Gewerkschaften und Kirchen müssten sich stärker mit dem innerlich rechtsextremen Anhang befassen.

Die Studie im Internet:

www.fes.de/rechtsextremismus/pdf/Vom_Rand_zur_Mitte.pdf

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