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Gewalt am Nil : Dutzende Tote bei Zusammenstößen in Ägypten

Anhänger und Gegner des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi sind in der ägyptischen Hauptstadt Kairo auf die Straßen gegangen. Es kam zu Ausschreitungen, mindestens 44 Menschen starben.

Martin Gehlen

„Allah ist groß“ skandierten die Demonstranten und „Sissi ist ein Mörder“. Tränengaswolken waberten über den Asphalt, Feuer loderten, immer wieder hallten Salven aus automatischen Waffen durch die Häuserfluchten. Bis tief in die Nacht kreisten Hubschrauber am Himmel, heulten Sirenen von Krankenwagen und tobten die Straßenschlachten – die bisher schweren Kämpfe zwischen Muslimbrüdern und Sicherheitskräften seit der blutigen Räumung der beiden Protestcamps Mitte August mit über tausend Toten. Mindestens 44 Menschen verloren nach einer ersten Bilanz des Gesundheitsministeriums ihr Leben, über 240 wurden verletzt.

Dabei war der 6. Oktober eigentlich immer ein Fest der gesamten Nation. Dieses Jahr feierte Ägyptens Armee den 40. Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges von 1973, den die Führung am Nil als glänzenden Sieg über Erzfeind Israel betrachtet. Diesmal jedoch nutzten die Muslimbrüder den Tag, um nach Wochen relativer Ruhe ihre Anhänger wieder zu einer Großkundgebung in der Hauptstadt aufzurufen - gegen den Putsch der Generäle und mit dem Ziel, den legendären Tahrir-Platz wieder zu besetzen. In mehreren Stadtteilen, vor allem in Dokki auf der gegenüberliegenden Nilseite, kam es bis in die Abendstunden zu brutalen Schlägereien. Wie Augenzeugen berichteten, prügelten Polizisten wahllos auf Demonstranten ein, teilweise unterstützt von Anwohnern und dubiosen Zivilisten, die mit Pistolen bewaffnet und in Dienstwagen der Regierung auf dem Schauplatz erschienen. In Stadtteil Garden City sprangen Muslimbrüder in den Nil, um ihren Häschern zu entkommen. Bis zum späten Abend gelang es den Mursi-Anhängern nicht, die dichten Polizeisperren rund um den Tahrir-Platz zu durchbrechen.

Aktivisten sammeln Unterschriften für Sissi als nächsten Präsidenten

Dort wiederum feierten den ganzen Tag die Anhänger der neuen Machthaber ihr Idol, Armeechef Abdel Fattah al-Sissi. Sie trugen Soldaten und Polizisten auf den Schultern durch die Menge. „Die Muslimbrüder haben sich aufgeführt, als seien sie die einzig wahren Muslime“, schimpft Samy El Mangy, pensionierter Professor für Tiermedizin. Wie praktisch alle hier, hat der 72-Jährige für die Reaktionen in Vereinigten Staaten, Europa und Deutschland auf die Absetzung von Mohammed Mursi kein Verständnis. „Wir wollen kein Geld mehr von euch“, ruft er aus. Die Muslimbrüder seien Terroristen – „und Ägypten wird der ganzen Welt zeigen, wie man Terroristen wirklich bekämpft“. Zwischen den erregt Diskutierenden sammelten derweil Aktivisten Unterschriften für Sissi als nächsten Präsidenten. Hissam el Feky ist Scheich an der Al Azhar Universität. Er hat sich vor drei Tagen hingesetzt und eigenhändig ein Flugblatt getippt, das seine beiden Assistenten jetzt unter das Volk bringen. „Muslime und Christen - wir sind alle ein Volk“, heißt es beschwörend in seinem Text, der nur so gespickt ist mit Zitaten aus dem Koran. Für Ägypten erhofft sich der 50-Jährige „Stabilität, Sicherheit, frische Ideen und eine bessere Wirtschaft“.

Nur Hassan Saber hält sich etwas abseits, steht einsam an einer Ecke, während vor seinen Augen ein Mann bis in die Spitze einer Tahrir-Palme klettert und von oben die Nationalfahne schwenkt. „Das können nur Fellachen aus Oberägypten“, sagt er bewundernd, der selbst sein Leben lang Stadtmensch war – geboren und aufgewachsen im Herzen Kairos. Der studierte Ingenieur war Bürgerrechtler der ersten Stunde, war schon 2004 bei der Kefaya-Bewegung gegen Hosni Mubarak mit dabei und später 2008 bei der Demokratiebewegung „6. April“. Am ersten Tag des Volksaufstands am 25. Januar 2011 gegen Mubarak „habe ich an derselben Stelle gestanden wie heute“, sagt er. Mit der Machtübernahme der Armee ist er einverstanden, sonst wäre Ägypten in seinen Augen geendet wie Irak und Libyen. „Die Muslimbrüder haben uns betrogen, unsere Revolution verraten und unseren Traum ruiniert“, fügt er hinzu. Die Demokratiebewegung habe darum keine andere Wahl gehabt, als sich an die Armee zu wenden. Was den politischen Preis angeht, da macht er sich keine Illusionen. „Der 25. Januar ist vom Winde verweht, die Aussicht auf Demokratie dahin.“

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