Gewalt in Ägypten : Fotograf filmt eigenen Tod

Ein Fotograf filmt seinen eigenen Tod durch einen Scharfschützen. Der Mann ist damit eines der 51 Opfer die seit Anfang der Woche bei Protesten ihr Leben verloren. Amnesty International übt heftige Kritik an Ägyptens Militär und nennt die Gewalt "exzessiv".

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Unterstützer von Präsident Mursi nahe der Rabaa al-Adawiya-Moschee bei einem Sitzstreik.
Unterstützer von Präsident Mursi nahe der Rabaa al-Adawiya-Moschee bei einem Sitzstreik.Foto: dpa

Der Mann in beiger Militäruniform hockt hinter einer Dachbrüstung, von unten schallen protestierende Topfschläge und entsetzte Schreie der Demonstranten herauf. Mehrmals taucht er mit seinem Sturmgewehr aus der Deckung auf, zielt und drückt ab. Gefilmt wird er dabei vom Hochhaus gegenüber von einem jungen Journalisten der Muslimbrüder. Dann plötzlich entdeckt der Scharfschütze den Fotografen, dreht sein Gewehr in dessen Richtung und schießt – das Video bricht ab. Ahmed Assem El-Senousy wird von der Kugel in den Kopf getroffen. Er hat seinen eigenen Tod gefilmt. Eine Stunde später lieferte ein Unbekannter die blutverschmierte Kamera und das Mobiltelefon in dem Medienzelt nahe der Rabaa al-Adawiya Moschee ab, wo die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi seit Tagen campieren.

Widersprüchliche Zeugenaussagen

Der 26-Jährige ist eines von 51 Opfern, die Anfang der Woche bei dem Blutbad von Militär und Polizei an Muslimbrüdern ihr Leben verloren. 435 Menschen wurden verletzt. Nach Angaben von Augenzeugen hatten etwa 1000 Protestierer, die seit zwei Tagen vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garden einen Sitzstreik veranstalteten, gerade ihr Morgengebet beendet, als der Horror begann. Am Ende war jeder Zweite aus der Menge tot oder verletzt. Was die Gewalt auslöste, ist bislang ungeklärt und umstritten. Die Demonstranten behaupten, sie hätten friedlich gebetet, als plötzlich der Einsatz von Tränengas und das wilde Schießen begannen. Die Armee wiederum erklärte, Terrorkommandos hätten versucht, ihre Kaserne zu stürmen. Andere Zeugen sprechen von bewaffneten Motorrad-Kommandos, die im Tränengasnebel um sich feuernd in die Versammlung hineingefahren seien. Das erst hätte den Waffeneinsatz der Armee ausgelöst, den die Menschenrechtsorganisation Amnesty International jetzt als „exzessiv“ anprangerte.

Amnesty International verurteilt Gewalt

Entgegen der Behauptungen des Militärs, die Protestierer hätten zuerst angegriffen und es seien keine Frauen und Kinder verletzt worden, zeichneten die von Amnesty dokumentierten Zeugenaussagen ein „völlig anderes Bild“, erklärte Hassiba Hadj Sahraoui, Vizedirektorin für Nordafrika und den Nahen Osten. Sie forderte eine rasche und unabhängige Untersuchung, damit die Armee ihre vermutlichen Übergriffe nicht einfach unter den Tisch kehren könne. Selbst wenn einige der Demonstranten Gewalt eingesetzt haben sollten, die Reaktion der Soldaten sei absolut unverhältnismäßig gewesen, erklärte Sahraoui.

Viele der Toten und Verletzten hätten Schusswunden durch scharfe Munition in Kopf oder Oberkörper. Teilweise hätten Soldaten auch gezielt getötet - wie jenen Fotografen Ahmed Assem el-Senousy, der seit drei Jahren für die Zeitung „Al-Horia wa Al-Adala“ der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit arbeitete, dem politischen Arm der Muslimbrüder. Wie seine lokalen Kollegen dem britischen Blatt „The Telegraph“ berichteten, begann der Getötete bereits im Morgengrauen während des Frühgebets zu filmen. Nach Einsetzen des massiven Gewehrfeuers fotografierte er zahllose Opfer und dann am Ende die Sequenz seines eigenen Todes. Rund 20 Minuten lang soll sein letztes Video insgesamt sein, was bisher jedoch nicht in voller Länge veröffentlicht ist. Noch zwei Wochen zuvor hatte Ahmed Assem el-Senousy auf seiner Facebook-Seite eine Warnung an alle Berufskollegen gepostet und sie beschworen, bei ihrer Arbeit an Orten mit Massenprotesten besonders vorsichtig zu sein. „Kein Foto ist es wert, dafür sein Leben zu verlieren“, schrieb er damals.

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