Gewalt in Nizza, Würzburg, München : Und wer trauert mit Kabul?

Nach dem Amoklauf in München gab es Wut und Trauer. Die Opfer waren uns nah, geografisch, kulturell. Doch Gewalt und Terror gibt es überall. Uns darf das nicht kalt lassen - aus Sicherheitsgründen. Ein Kommentar.

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Selbstmordattentäter töteten in Kabul, Afghanistan, dutzenden Menschen.
Selbstmordattentäter töteten in Kabul, Afghanistan, dutzenden Menschen.Foto: dpa

Es war, als hätten alle nur darauf gewartet. Nach Brüssel, Paris, Nizza und Würzburg: Terror in München! Eine ganze Stadt abgeriegelt, die Kanzlerin ruft den Bundessicherheitsrat zusammen, und der Anführer der freien Welt, Barack Obama, verspricht seinen deutschen Freunden volle Unterstützung.

Doch es war kein Terroranschlag. Nur ein 18-Jähriger mit Depressionen, der durchdrehte, neun Menschen und sich selbst erschoss. Eine Tragödie, aber keine Bedrohung der nationalen Sicherheit, kein Angriff auf die Freiheit.
Der Amoklauf in München macht wütend und traurig. Das Leid der Opfer geht uns nah, weil sie uns eben nah sind, geografisch, kulturell. Wie wir den Tod eines guten Freundes oder eines Familienmitgliedes mehr betrauern als den Tod eines Fremden. Das ist in Ordnung, aber es folgt nichts daraus. Der Schütze ist tot, die Gefahr ist vorbei.

Allein im Juli tötete der IS Hunderte in Bagdad

Nur wenige Stunden später mischten sich Selbstmordattentäter am anderen Ende der Welt, in Kabul, unter schiitische Demonstranten. Mehr als 80 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Am Sonntag sprengte sich ein Attentäter in Bagdad in die Luft, 15 Tote. Allein im Juli hat der IS in Bagdad mehrere hundert Menschen getötet.

Allein im Juli hat der IS in Bagdad mit Anschlägen hunderte Menschen getötet.
Allein im Juli hat der IS in Bagdad mit Anschlägen hunderte Menschen getötet.Foto: dpa

Darauf, dass das Brandenburger Tor in den Farben der irakischen Flagge erstrahlt, oder dass hunderte Menschen Blumen vor der afghanischen Botschaft ablegen, wird man vergeblich warten. Das Grauen dort interessiert hierzulande wenig, dabei ist es gerade da am größten. Der „Islamische Staat“ hat bereits mehr als 120 Anschläge mit rund 2000 Opfern in fast 30 Ländern verübt, die wenigsten in Europa und den USA.

Auf den Schrecken im Mittleren Osten reagieren wir mit kühler Distanz. Und es ist ja auch nicht verwerflich, dass das Fremde befremdet, dass das Mitgefühl nicht die gleiche Intensität hat. Emotionen sind keiner Moral, keiner Logik unterworfen. Doch interessieren sollten wir uns für das Leid in diesen Teilen der Erde. Es betrifft uns ganz direkt, auch wenn es vielleicht nicht betroffen macht.

400 Zivilisten starben, um die in Deutschland niemand trauerte

Hass, Gewalt, Krieg und Verzweiflung sind der Nährboden einer islamistischen Ideologie, aus der immer neue Terroristen erwachsen. Der Attentäter von Nizza soll sich gerächt haben wollen für den Krieg, den der Westen gegen den IS in Irak und Syrien führt. Bei Würzburg hieb ein junger Mann in einem Regionalzug auf die Fahrgäste ein, um sich an den Ungläubigen zu rächen, nachdem er vom gewaltsamen Tod eines Freundes in Afghanistan gehört hatte. Erst in der vergangenen Woche, von der Öffentlichkeit größtenteils unbeachtet, wurden in Syrien bei einem Bombenangriff, der eigentlich dem IS gelten sollte, 60 Zivilisten getötet. Friedensnobelpreisträger Barack Obama hat seit Amtsantritt persönlich mehr als 500 Drohnenangriffe autorisiert, die aus Versehen 400 Zivilisten töteten, um die in Deutschland niemand getrauert hat.

Ein Syrer birgt nach einem Luftangriff ein Baby aus den Trümmern eines zerbombten Hauses.
Ein Syrer birgt nach einem Luftangriff ein Baby aus den Trümmern eines zerbombten Hauses.Foto: AFP

Die Freiheit wird am Hindukusch begraben

Der IS aber wird sich gefreut haben. Eine bessere Werbung für die Rekrutierung neuer Dschihadisten kann er sich nicht wünschen – und die schickt er dann, immer häufiger, nach Europa.
Peter Struck hat einmal gesagt, Deutschlands Freiheit werde am Hindukusch verteidigt. Aber dort wird sie auch begraben.

Als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschierten, unterstützte Amerika die islamistischen Mudschaheddin. Unter ihnen Osama bin Laden. An dessen Seite kämpfte ein Jordanier namens al Sarkawi. Der tauchte 2003 im Irak wieder auf. Seine Terrorgruppe „Tauhid wal Dschihad“ verübte etliche Anschläge.

IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi: Vor ihm zittert die ganze Welt, selbst wenn er wie in München gar nichts tut.
IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi: Vor ihm zittert die ganze Welt, selbst wenn er wie in München gar nichts tut.Foto: dpa

So viele, dass heute kaum noch jemand zuckt, wenn uns wieder eine Horrormeldung aus Bagdad erreicht. Sein Nachfolger al Masri benennt die Gruppe in „Islamischer Staat“ um. 2010 wird er getötet. Seitdem herrscht Abu Bakr al Baghdadi. Vor ihm zittert nun die Welt, selbst wenn er wie in München gar nichts tut. Ihm hatte der Junge im Regionalzug bei Würzburg die Treue geschworen.

Da war es plötzlich ganz nah, das andere Ende der Welt.

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