Gotteslästerung : Gotteslästerung

Glauben braucht Worte. Religionen, die ohne Überlieferungen oder Bezugstexte auskommen, gibt es kaum. Kein Wunder, dass sich religiöse Rede und Gegenrede seit Ewigkeiten im Widerstreit befinden. Der deutsche Staat nimmt hier eine vermittelnde Position ein. Er schützt die Religion, zugleich stellt er sich vor jene, die sie kritisieren oder angreifen. Beispielhaft dafür sind die Vorschriften des Strafgesetzbuchs. Es schützt in einem eigenen Abschnitt religiöse und weltanschauliche Bekenntnisse und Bräuche gegen Beschimpfungen und Störungen. Blasphemie und Hetze gegen Religion und Gläubige sind folglich keineswegs straflos oder immer durch die Meinungsfreiheit gedeckt, wie im Streit um die Mohammed-Karikaturen oft zu hören war.

Strafbar macht sich allerdings nur, wer mit seinem Schimpfen den öffentlichen Frieden stört. Der Weg dahin ist weit. In Berlin ließ das Gericht kürzlich einen Blog-Eintrag durchgehen, in dem die katholische Kirche als „Kinderficker-Sekte“ geschmäht wurde. Verurteilungen sind selten, trotzdem wogt regelmäßig die öffentliche Empörung. Auch, als es zuletzt um das Cover des Satireblatts „Titanic“ ging, das den Papst mit von Exkrementen befleckter Soutane zeigt. Ermittlungen lehnten die Staatsanwälte ab. Der Papst berief sich – wie jeder gewöhnliche Bürger – auf seine Persönlichkeitsrechte, um die weitere Verbreitung des Magazins auf zivilrechtlichem Weg zu stoppen.

Der Schriftsteller Martin Mosebach aus Frankfurt am Main erörterte kürzlich ein Szenario, in dem dergleichen wieder härter bestraft wird. Das könne zum Thema werden, meint er, auch angesichts der sich manchmal zu Recht beleidigt fühlenden Muslime. „Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“, stellte er fest – und bekam wütende Reaktionen.

Allerdings erging es dem examinierten Volljuristen wie gelegentlich kirchenkritischen Satirikern, man verstand ihn nicht. Er forderte nicht den Staat auf, Gotteslästerung unbedingt härter zu strafen, sondern mahnte vor allem die Künstler zu einer Kunst, die eine solche Strafbarkeit respektieren würde. Nicht alles aussprechen zu dürfen, könne auf die Fantasie überaus anregend wirken, schrieb er, Zensur verfeinere den Stil und inspiriere „zu den kühnsten Lösungen“.

Trotzdem muss er nun dulden, dass die „Titanic“ in ihrer neuen Ausgabe – neben einem erneuten Papst-Titelbild – auch ihn aufs Korn nimmt. Sie druckt eine Porträtkarte Mosebachs zum Ausschneiden mit dessen Unterschrift und dem Text: „Liebe Muslime. Allah ist ein ziemlicher Eumel. Herzlichst, Ihr Martin Mosebach“. Kunst soll wieder gefährlich werden, meint „Titanic“. Sie wolle helfen, Mosebach zu „inspirieren“.

Dennoch, Mosebachs Vorstoß könnte Erfolg haben, wenn auch nicht als rechtspolitisches Vorhaben. Die Reizschwelle der Muslime ist niedriger als die der Christen, Provokationen, die zu Krawall führen, könnten die Justiz irgendwann zum Eingreifen veranlassen. Als jüngst Islamgegner mit Mohammed-Karikaturen durch verschiedene Innenstädte zogen, durften sie damit nicht vor Moscheen aufmarschieren.

Nicht nur Worte, auch Schall und religiöse Symbole haben einen – geschützten – Platz im öffentlichen Leben. Wer kein Kreuz sehen will, kann den Anblick von Kirchen vermeiden. Kreuze abnehmen muss man nicht, es sei denn, man kann ihnen schlecht ausweichen, etwa in Schulklassen oder Gerichtssälen. Streiterei darum ist selten geworden, ebenso wie um Kirchenglocken, deren liturgisches Geläut der Religionsfreiheit unterfällt. Es gilt umweltrechtlich als Immission, aber nicht als erhebliche Störung. Ähnlich müssten Muezzin-Rufe von Minaretten bewertet werden, die noch selten sind. Aber in Deutschland ist der Minarettbau erlaubt. Irgendwann könnten öfter Rufe ertönen.

Wo Glaube ist, gibt es immer auch Streit um ihn. Kritik ist erlaubt, Hetze ist verboten. Mancher möchte die Grenze gerne neu ziehen

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