Grippemittel in der Kritik : Bittere Pille

Studien behaupten: Das Grippemittel Tamiflu ist unwirksam und teuer. Die Bundesregierung lagert es trotzdem weiter auf Vorrat – zur Freude des Herstellers.

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Die Bundesregierung hält an der Bevorratung mit dem Grippemittel Tamiflu fest – obwohl sie Kenntnis von wissenschaftlichen Studien hat, die die Wirksamkeit des Medikaments infrage stellen. Die Frage einer Kündigung der Verträge mit der Lieferfirma Roche stelle sich nicht, heißt es in der Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei, die dem Tagesspiegel vorliegt. Allerdings werde das Konzept zum Einsatz antiviraler Arzneimittel derzeit ebenso geprüft wie die Frage der weiteren Einlagerung.

Die Prüfung erfolge „reichlich spät“ und erst nachdem der Tamiflu-Hersteller Roche „zig Millionen an der fragwürdigen Pandemiepolitik der Bundesregierung verdient“ habe, kritisierte die Linken-Abgeordnete Inge Höger. Sie forderte die Regierung auf, die Rückzahlung aller Gelder zu verlangen, „die aufgrund von verzerrten und geheim gehaltenen Studien in der Vergangenheit an die Pharmaindustrie geflossen sind“. Im Fall Tamiflu wären das mindestens 70 Millionen Euro. Gleichzeitig müssten die Pandemiepläne revidiert, Studienergebnisse und Lieferverträge mit Pharmaherstellern offengelegt und die Unabhängigkeit von Arzneimittelstudien sichergestellt werden.

Aus Högers Sicht belegen neue Publikationen der Cochrane Collaboration Respiratory Group, dass die Regierung „für Millionen Euro ein unwirksames Mittel zur Bekämpfung von Symptomen bei einer Schweinegrippe oder ähnlichen Influenzapandemien eingelagert“ und sich dabei auf ein Gutachten gestützt hat, das von der Lieferfirma Roche selbst finanziert wurde. Die massenhafte Bevorratung mit Tamiflu habe dem Unternehmen im Jahr 2009 zu einem „spektakulären Umsatzplus von 9,6 Prozent“ verholfen. Doch schon aus den Unterlagen, die der europäischen Zulassungsbehörde EMA überlassen wurden, ergäben sich den Wissenschaftlern zufolge keine stichhaltigen Beweise dafür, dass Tamiflu eine Infektionsausbreitung oder schwere Komplikationen verhindere. Und der Behörde lägen „nur etwa 40 Prozent der tatsächlichen Studienprotokolle vor“. Der Zugang zu den restlichen Daten, die bei Roche lagerten, werde von Forschern „seit Jahren eingefordert“, von Roche jedoch verweigert.

Der Fall zeige „exemplarisch, wie medizinische Forschungsergebnisse manipuliert werden, um die Profite der Pharmaindustrie zu steigern“, sagte Höger. Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Flach (FDP) dagegen betonte, dass die Cochrane-Ergebnisse vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geprüft worden seien. Sie beeinflussten jedoch weder die „derzeitige positive Nutzen/Risiko-Bewertung“ noch könnten sie eine von der erteilten Genehmigung abweichende Entscheidung begründen. Allerdings stellte Flach klar, dass auch die Regierung „den Wunsch nach mehr Transparenz über Angaben und Ergebnisse aus klinischen Prüfungen“ grundsätzlich unterstütze. Bei der Cochrane Collaboration handelt es sich um ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, die systematische Übersichten zur Bewertung medizinischer Therapien erstellen.

Nach Flachs Angaben hat allein das Gesundheitsministerium für die Beschaffung des Grippemittels Tamiflu als Bundesreserve knapp 69 Millionen Euro ausgegeben. Weitere 1,5 Millionen Euro wurden vom Innen- und Verteidigungsministerium für eigene Vorräte investiert. Die Beschaffungskosten der Bundesländer, die ihre eigenen Vorräte im Jahr 2009 nochmals aufstockten, seien der Bundesregierung nicht bekannt. Die Länder hätten sich allerdings „flächendeckend für mindestens 20 Prozent der deutschen Bevölkerung“ bevorratet.

Die Firma Roche dagegen beharrt auf der Wirksamkeit ihres Medikaments, die auch von wissenschaftlichen Institutionen wie der Harvard School of Public Health bestätigt werde. Auch stelle das Unternehmen den Gesundheitsbehörden weltweit alle Daten zur Verfügung, "die zum Zweck umfangreicher Arzneimittelprüfungen benötigt und angefordert werden", betonte eine Sprecherin. Was Forscheranfragen betreffe, werde das Unternehmen bis Ende des Jahres ein unabhängiges Gremium von anerkannten Experten etabliert haben, "um Anfragen nach ihrer wissenschaftlichen Natur zu bewerten und zu genehmigen, die den Zugang zu anonymisierten Patientendaten betreffen". Der Cochrane Collaboration sei der Zugang zu allen verfügbaren 74 Tamiflu-Studien angeboten worden.

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