Große Koalition : Selters statt Sekt

Nüchtern fängt sie an, die große Koalition. Selbst Horst Seehofer macht keinen Witz. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, wie SPD, CDU und CSU bis vor kurzem öffentlich übereinander geredet haben.

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Merkel bleibt mit Apfelschorle lieber erst mal nüchtern, auch die anderen trinken Wasser.
Merkel bleibt mit Apfelschorle lieber erst mal nüchtern, auch die anderen trinken Wasser.Foto: dpa

Da steht sie nun also und gießt Wasser in den Apfelsaft. Sie hat gerade ihre Unterschrift unter das Vertragswerk gesetzt, das sie in den nächsten vier Jahren erfüllen soll, drei Parteien, drei Unterschriften, drei Exemplare. Die Stellwand hinter den Spitzen von CDU, CSU und SPD war in Blau gehalten, der Einband der Verträge ist blau, Angela Merkels Kostüm ist auch blau. Blau geht immer, wenn es parteipolitisch neutral sein soll. Sogar Sigmar Gabriel hat einen derart blassroten Schlips umgebunden, dass der schon vom reinen SPD-Chef weg mehr ins Vizekanzlerische weist. Ach so, ja, und Horst Seehofer ist auch dabei, sein Binder ist – blau.

Hinterher kommen sie alle zum Empfang an den Stehtisch geschlendert, wo Merkel schon wartet. Neben ihr macht der Fähnrich der Reserve Volker Kauder vor, wie man korrekt salutiert: „Ursula, kannste das auch?“ Ursula von der Leyen tritt leicht zur Seite, wo ihr nachsichtiges Lächeln in einen einsamen Sonnenstrahl aufstrahlt. Später kommt Gabriel dazu, Seehofer, die anderen Chefunterhändler, auch Ronald Pofalla ein letztes Mal. Andrea Nahles und Alexander Dobrindt prosten sich mit Sekt zu. Na, wenigstens die beiden! Sonst ist Wasser angesagt, höchstens Apfelschorle.

Nüchtern fängt sie an, diese große Koalition Merkel II, nüchtern, aber nicht unfreundlich. „Wenn zwei Menschen immer gleicher Meinung sind, taugen beide nichts“, zitiert Merkel Konrad Adenauer, was für drei Menschen ebenfalls gelte. „Politik besteht immer aus Kompromissen“, hält Gabriel mit Willy Brandt dagegen, „aber Kompromisse mit Sozialdemokraten sind die besseren.“ Seehofer macht fast keinen Witz, bringt aber das Wort „eigenständig“ in seiner kurzen Rede unter und bedankt sich wie seine zwei Vorredner für faire Gespräche.

Die Einigkeit ist nicht selbstverständlich

Wenn man bedenkt, wie die Herrschaften bis vor kurzem öffentlich übereinander geredet haben, ist das eine beachtliche Entwicklung. Aber sie ist notwendig. Alle drei haben genug erlebt, um zu wissen, wie verdammt notwendig sogar. Die ganzen 185 Seiten Koalitionsvertrag wären schon heute Altpapier, wenn es zwischen denen da oben nicht funktioniert.

Selbstverständlich ist so etwas nicht. Merkel hat schon einmal am gleichen Ort gestanden und einen Vertrag mit der SPD signiert. Das Bündnis lief dauernd in Krisen, weil der SPD-Vizekanzler Franz Müntefering eine Art honorige Gemeinsamkeit der Demokraten erwartete, die ihm Merkel nicht bot.

Strategiepapier. Die Vertragsunterzeichnung folgt einem ausgeklügelten Plan.
Strategiepapier. Die Vertragsunterzeichnung folgt einem ausgeklügelten Plan.Foto: Hans Monath

Es gehört zu kleinen Ironien, dass damals vor acht Jahren zugleich eine Basis für das heutige Bündnis gelegt wurde. Gabriel saß seit 2005 als Umweltminister ganz am Rand des Kabinettstischs der CDU-Kanzlerin. Seehofer saß direkt neben ihm, umständehalber gerade zuständig für Landwirtschaft und Verbraucher. Zwei Verlierer, die noch mal davon gekommen waren – der Sozialdemokrat erhielt als frisch abgewählter Ministerpräsident von Niedersachsen eine zweite Chance in Berlin, für Seehofer endete die Verbannung wegen seines Kriegs mit Merkel über die Gesundheitspolitik.

Gemeinsames Schicksal verbindet. Die zwei fielen damals gelegentlich durch Tuscheln auf und durch ein derart einverständiges Grinsen, dass dahinter eigentlich nur ein Witz auf Kosten jeweiliger Vorgesetzter stecken konnte. Dankbarkeit, man weiß das, ist keine gültige Kategorie in der Politik.

Es ist professionelles Grundvertrauen entstanden

Trotzdem hat sich Gabriel gemerkt, wie die Regierungschefin ihn in seiner Klimapolitik unterstützt hat. Er hat sich aber auch gemerkt, dass die legendäre Eisberg- Reise ein Geschäft auf Gegenseitigkeit markierte: Den auch im eigenen Lager oft belächelten „Siggi“ hoben die Fotos im roten Anorak vor schmelzenden Eisbergen ins Weltpolitische, Merkel bescherten sie das kurzlebige „Klimakanzlerin“-Etikett.

Trotzdem berichten Leute, die die beiden lange kennen, übereinstimmend davon, dass in diesen Jahren ein professionelles Grundvertrauen entstanden sei. Und wenn jemand dem heutigen SPD-Chef das Gefühl gebe, ihn wirklich ernst zu nehmen, sagt ein guter Kenner Gabriels, dann sei der im Gegenzug „absolut zuverlässig“.

Minister der großen Koalition
Die Regierung steht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr künftiger Vize Sigmar Gabriel (SPD) haben das Personal um sich geschart, mit dem sie die kommenden vier Jahre Regierungszeit bewältigen wollen. Eine Bildergalerie mit den Steckbriefen der künftigen Regierungsmitglieder, den prominentesten Abgängen und den interessantesten Leuten aus der "zweiten Reihe".Weitere Bilder anzeigen
1 von 63Foto: dpa
17.12.2013 17:51Die Regierung steht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr künftiger Vize Sigmar Gabriel (SPD) haben das Personal um sich...

Das hat gehalten, auch nachdem die erste große Koalition zu Ende ging und obwohl es ausgerechnet Gabriel war, der im Wahlkampf danach Merkel am härtesten zusetzte. Nur einmal bekam das Verhältnis einen ernsten Knacks, im ersten Jahr von Schwarz-Gelb. Damals hatte der nunmehrige SPD-Chef Gabriel der Kanzlerin per SMS Joachim Gauck als überparteilichen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen. Merkel antwortete kühl: „Danke fuer die info und herzliche grüße am.“

Das landete in der Zeitung. Merkel war so sauer, dass sie eine Entschuldigung per SMS ignorierte und sich eine persönliche Kontaktsperre zu dem Kerl verordnete. Aber Verhältnisse wachsen auch durch Krisen. Der Kerl achtet seither doppelt auf Vertraulichkeit, und Merkel weiß, dass sie sich darauf verlassen kann.

Schon mal keine schlechte Basis also für ein Regierungsbündnis, das beide Seiten eigentlich nicht wollten. Dass sie es trotzdem eingehen, trotz aller Risiken und Widerstände, dem liegt eine zweite Gemeinsamkeit zugrunde. So unterschiedlich die beiden als Typen sind – hier die kühle Langfrist-Taktikerin, dort der spontane Instinktmensch –, so sehr ähneln sie sich in ihrem Realismus.

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