Grüne Woche und TTIP : Das Essen wird zum Nationalsymbol

Agrarminister Christian Schmidt stellte den Schwarzwälder Schinken in Frage und sorgte für Empörung. Kein Wunder, schließlich eignet sich im Zeitalter der Globalisierung kaum etwas besser zum Nationalsymbol. Ein Kommentar zur Grünen Woche.

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Schöne Folklore, weit weg von TTIP. Auf der Grünen Woche, hier ein Bild aus dem Jahr 2014, kommen die Spreewaldgurken noch von netten Damen in Trachten aus Brandenburg.
Schöne Folklore, weit weg von TTIP. Auf der Grünen Woche, hier ein Bild aus dem Jahr 2014, kommen die Spreewaldgurken noch von...Foto: p-a

Wenn an diesem Freitag die Grüne Woche beginnt, sortiert sich die globalisierte Lebensmittelindustrie wieder fein säuberlich nach Nationen. Es wird, wie immer, auch eine lustige Trachtenschau. Hostessen in weißen Hauben bieten holländischen Gouda an. Menschen mit asiatischen Gesichtern und Basthüten auf dem Kopf reichen Snacks. Und da das Gastland in diesem Jahr Lettland ist, dürfen sich die Besucher wohl auch auf Damen in Pluderblusen freuen, die Piroggen servieren.

TTIP würde an den Realitäten der globalen Lebensmittelindustrie wohl wenig ändern

Nur einer störte im Vorfeld empfindlich die Folklore: Agrarminister Christian Schmidt (CSU) bekannte sich im „Spiegel“ zur Globalisierung des Essens. Schmidt gab zu Protokoll, in den TTIP-Verhandlungen könne man nicht „jeden Käse und jede Wurst“, also nicht jede regionale Spezialität, schützen. Man könne den Amerikanern kaum erklären, warum sie keinen Holländischen Gouda und keinen Tiroler Speck ausführen dürften, wenn die doch auch innerhalb der EU längst nicht mehr nur aus Holland und Tirol kämen. Das war zu viel für die deutsche Volksseele. „Was haben Sie gegen Schwarzwälder Schinken?“, fragte die „Bild“ den Minister, der in den vergangenen Tagen immer wieder beteuern musste, deutsche Würste, deutschen Schinken und deutsches Brot gegen die Globalisierung verteidigen zu wollen.

Die Konsumenten sind längst ausgestiegen aus dem Siegel-Zirkus und pökeln selbst

Dabei hat Schmidt recht: Schon heute ist die Realität eine völlig andere. Zwei von drei Regionalsiegeln der EU schützen gar nicht das Produkt an sich oder die Herkunft seiner Inhaltsstoffe, sondern sind eher mit Markenrechten im Sinne geistiger Eigentumsrechte zu vergleichen. Das Label „garantiert traditionelle Spezialität“ etwa schützt nur eine Rezeptur. So ist einer der größten Anbieter von Mozzarella in Europa der internationale Milchgigant „Glanbia“, der Käse und andere Produkte in England, den USA, aber auch im asiatisch-pazifischen Raum produziert und vermarktet. Die Milch für die Mozzarella-Tochter kommt hauptsächlich aus Großbritannien und Irland. In den amerikanischen Milchproduktionsstätten wird Cheddar hergestellt, der unter verschiedenen Markennamen rund um den Globus vertrieben wird.

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Dass die Aussagen von Schmidt zu einem kleinen Skandal werden konnten, zeigt allerdings noch einmal, dass die Verbraucher Lebensmittel eben nicht als Ware sehen, sondern als Kulturgut. Und diese Sichtweise verstärkt sich. Je globalisierter die Welt wird, desto wichtiger ist die identitätsstiftende Wirkung des Essens und desto mehr werden Lebensmittel nostalgisch aufgeladen.

Privat und historisch unbelastet - das Essen ist das perfekte Nationalsymbol für post-nationale Gesellschaften

Die Trends beim Essen zielen auf das Prä-Globale und Prä-Industrielle. Bio wächst zwar weiter, doch manche unken schon: Regional sei das eigentliche Bio. Die Unternehmensberater von A.T. Kearney haben im Jahr 2014 Konsumenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt und festgestellt, dass 86 Prozent den regionalen Apfel der Flugware vorziehen. Hausmannskost hat Konjunktur, Spitzenköche servieren Wirsing. Auch Selbermachen wird immer beliebter. Im Internet blüht der Versand von Pökel- und Bierbrauequipment, Kochbuchverlage und „Landlust“ entdecken das Einwecken und Brotbacken wieder. Man zieht sich zurück in einen überschaubaren Lebensmittel-Mikrokosmos, denn den kann man selbst kontrollieren – ohne sich in das Kleingedruckte der tausend Siegel einarbeiten zu müssen.
Je mehr man sich aber beim Essen auf die Region zurückbesinnt, desto eher bietet es sich in einer globalisierten Welt als Identitätsstifter an, als Element des nationalen Selbstverständnisses. Essen ist angenehm privat und angenehm unverfänglich, anders als Bauwerke oder eine Hymne ist es weniger historisch belastet – man denkt maximal an die eigene Oma. Daher ist es, ebenso wie der Fußball, quasi ideal geeignet als Symbol der postnationalen Gesellschaft. Der Schwarzwälder Schinken: ein Nationalplacebo.

Lettland, Gastland der Grünen Woche: "Unsere Piroggen sind einzigartig - ganz anders als die der Russen"

Es ist also weniger die Aufregung der Menschen als Konsumenten, die der Agrarminister zu spüren bekommen hat, sondern eine Art neuer Essenspatriotismus. Dass die Kennzeichnung „regionaler“ Produkte größtenteils eine Farce ist: geschenkt. Als Konsumenten haben wir uns längst daran gewöhnt, in einer Scheinwelt zu leben. Als Köche und als Bürger allerdings nicht.
Der lettische Fernsehkoch Martins Ritins sagte im Vorfeld der Grünen Woche, die lettischen Piroggen seien einzigartig, ganz anders als die der Russen. Lettland, ein junger Staat, der jahrhundertelang unter der Fremdherrschaft von Deutschen und Russen stand, bastelt eben auch an seiner kulinarischen Identität.

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