Habitat-Konferenz zur Zukunft der Städte : Der Umzug der Menschheit

Die Regierungsberater vom WBGU fordern mehr Verantwortung und Planungsfreiheit für die Städte der Welt. Denn dort entscheide sich die Zukunft der Erde.

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Ein Mädchen in einem Slum in der indonesischem Hauptstadt Jakarta. Die Armenviertel dort werden jedes Jahr während der Regenzeit überschwemmt. Doch in den Stadtvierteln, die sicherer sind, können sich die Armen keine Wohnungen leisten. 850 Millionen Menschen leben unter unzumutbaren Bedingungen, beklagen die Regierungsberater vom WBGU. Diese Zahl könnte bis 2050 um eine bis zwei Milliarden weitere Menschen steigen, befürchten sie. Foto: Beawiharta/Reuters
Ein Mädchen in einem Slum in der indonesischem Hauptstadt Jakarta. Die Armenviertel dort werden jedes Jahr während der Regenzeit...Foto: Beawiharta/Reuters

Alle 20 Jahre entdeckt die internationale Politik die Städte wieder. Im Vorfeld des erst dritten Welt-Städte-Gipfels, UN-Habitat III im Oktober in Quito, arbeiten Zehntausende Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Praktiker daran, der Stimme der Städte in der Welt Gehör zu verschaffen.

Erst am Montag haben die Staaten der Europäischen Union in Amsterdam einen Pakt unterzeichnet, der den Städten in der EU eine wichtigere Rolle verschaffen und sie als Umsetzungsinstanz für die Klimapolitik und die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) stärken soll. Mit vier europäischen Bündnissen, die bereits auf den Weg gebracht worden sind, wollen die Städte ihre Probleme mit der Luftqualität angehen, die Wohnungssituation verbessern, die Armut in den Städten bekämpfen und Einwanderer und Flüchtlinge besser integrieren. Der Pakt soll es den Städten zudem erleichtern, EU-Fördermittel abzurufen. Außerdem soll der Erfahrungsaustausch besser werden.

Das passt gut zu den Forderungen, die der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) im April in seinem Städte-Gutachten „Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte“ formuliert hat.

In Europa leben bereits 70 Prozent der Menschen in Städten, allerdings nicht nur in Großstädten sondern auch in vielen kleineren Städten. Das hält der WBGU für weniger umweltzerstörerisch als das Leben in Großstädten. Der Ressourcenverbrauch sei kleiner, eine Stadt der kurzen Wege mit geringerem Verkehrsaufkommen sei möglich, und der Kohlendioxid-Ausstoß sei geringer, argumentieren die Professoren. Deshalb lautet eine der WBGU-Forderungen auch, eine „polyzentrische Urbanisierung“ zu fördern. Also zu verhindern, dass alles auf ein großes Entwicklungszentrum zuläuft, wie beispielsweise auf London in Großbritannien.

Die Bevölkerung von Accra verdoppelte sich, die Fläche wuchs um das Dreifache

Für die Welt erwartet der WBGU einen Anteil von Städtebewohnern von etwa zwei Dritteln in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten. Besonders in Afrika verläuft die sogenannte Urbanisierung in einem nie gekannten Tempo. Im aktuellen African Economic Outlook schreibt die Afrikanische Entwicklungsbank, dass sich die Stadtbevölkerung auf dem Nachbarkontinent zwischen 1995 und 2015 verdoppelt hat. 472 Millionen der eine Milliarde Afrikaner lebt aktuell schon in den Städten.

Als Beispiel wird die Hauptstadt Ghanas, Accra, genannt. Von 1991 bis 2000 stieg die Bevölkerung Accras von 1,3 Millionen auf 2,5 Millionen Menschen an. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate lag demnach bei 7,2 Prozent. Der Bericht, den die Entwicklungsbank mit dem Industriestaatenbündnis OECD und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) vorgelegt hat, liefert auch gleich noch einen Beleg dafür, warum ein so rasantes Wachstum ohne Stadtplanung ein ökologisches Problem ist: Die Stadtfläche Accras hat sich im gleichen Zeitraum nämlich verdreifacht. Von 10.000 Hektar auf 32.000 Hektar. Diese Zersiedelung ist aber nicht nur ein Umweltproblem, sie ist auch ziemlich teuer – für die Städte und vor allem für ihre Bewohner.

„Das Wachstum der Städte ist so ungeheuer, dass es dringend in neue Bahnen geleitet werden muss“, sagte der WBGU-Vorsitzende Dirk Messner bei der Vorstellung des knapp 500 Seiten starken Gutachtens. Der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) leitet den WBGU gemeinsam mit Hans Joachim Schellnhuber, dem Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

Megastädte müssten sich "entdichten"

Schellnhuber beschrieb das Strukturproblem der Megastädte bei der Vorstellung des Gutachtens am Beispiel von Hong Kong. Diese Stadt sei „in ihrer extremen Verdichtung nur lebensfähig, weil sie Erdöl, Metalle, Lebensmittel aus dem Umland und der ganzen Welt aufsaugt, verdaut und die Rückstände wie Müll, Schmutzwasser, Abgase ins Umland ausstößt“.

Er erwartet, dass die Dezentralität der Energieerzeugung mit erneuerbaren Energien wie Solarstrom, der Kreislaufwirtschaft, wenn der Müll nicht entsorgt sondern als Rohstoff wieder verwertet wird und der digitalen Ökonomie zu einer „Entdichtung“ von solchen Megastädten führen werde. „Die polyzentrische Integration in Regionen wie das sich neu erfindende deutsche Ruhrgebiet oder die San Francisco Bay Area können Modelle für die Urbanität der Zukunft sein“, hofft Schellnhuber.

Dirk Messner machte klar, warum der Satz, dass sich die Zukunft der Erde in den Städten entscheide, auch aus Klimasicht keine Floskel ist. Denn jede Investition in städtische Infrastruktur – von der Straßenbahn bis zu Autobahn, von der Kläranlage bis zu den Häusern – legt die Treibhausgasemissionen über Jahrzehnte fest.

HoHo lautet der griffige Name für das größte Holzhochhaus der Welt, das in Wien gebaut werden soll. Foto: HoHo Wien
HoHo lautet der griffige Name für das größte Holzhochhaus der Welt, das in Wien gebaut werden soll.Foto: HoHo Wien

Messner führte aus, dass der Aufbau einer Infrastruktur wie in New York, Schanghai oder London in den schnell wachsenden Städten der Schwellen- und Entwicklungsländer schon allein für die dafür nötige Stahl- und Zementproduktion das global noch vorhandene Emissionsbudget für die Zielmarke 1,5 Grad aufbrauchen würde. Beim Pariser Klimagipfel haben 193 Staaten beschlossen, die globale Erwärmung im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung unter zwei Grad, wenn möglich unter 1,5 Grad, halten zu wollen.

Messner plädierte für alternative Baustoffe wie etwa Holz. Selbst Hochhäuser lassen sich heute sicher aus Holz bauen. In Wien soll mit 24 Stockwerken ab Herbst das höchste Hochhaus der Welt in Holzbauweise errichtet werden. 2018 sollen die Mieter einziehen können.

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