Hamburg nach dem G20-Gipfel : Es darf keinen Preis für Demokratie geben

Hamburg hat den Gipfel möglich gemacht. Stellvertretend für Deutschland. Und soll jetzt schuld sein an Gewalt und Chaos? Geht’s noch? Ein Erfahrungsbericht.

Stephanie Nannen
Die Hamburger Bürger sind vom Ausmaß der Randale in ihrer Stadt geschockt.
Die Hamburger Bürger sind vom Ausmaß der Randale in ihrer Stadt geschockt.Foto: Reuters

Ach, jetzt sind wir an allem schuld? Hamburg macht Deutschland in aller Welt lächerlich? Schande über Hamburg? Weil Bilder von radikalen Vermummten mit Bierflaschen in der Hand und Steinen auf dem Dach nach außen gehen? Weil selbstgebastelte Barrikaden aus Fahrrädern, Schubladen und Latten brennen und zu leuchtenden Malen in der Nacht werden. Weil die Hundertschaften warten und nicht wie die Besengten in ein Stadtviertel stürmen, das voller Gipfel-Demo-Krawall-Party-Touristen und letzten verbliebenen Anwohnern ist, die nicht zu schaden kommen dürfen? Oder vielleicht auch, weil die bunten Bilder der großen friedlichen Demonstrationen im Sonnenschein so allfällig sind – und eben keine Sensation für die Marches-gesättigte Welt. Weil Shakira auf der Global-Citizen-Festival-Bühne aussieht wie auf jeder anderen Bühne und nicht genügend Aufmerksamkeit bei den Medien erzielt?

Bilder wie im Krieg? Bitte? Auf keinen Fall soll hier etwas verharmlost werden, aber wir wollen doch nicht übertreiben. Im Kern sind zwei Straßen in Hamburgs Ausgeh-Szene-Linken-Viertel Schauplätze extremer und verabscheuungswürdiger Gewalt gewesen, das Schulterblatt und der Neue Pferdemarkt. Die bieten sich dafür an, sind breit genug, ergeben gute Bilder – und außerdem steht da die „Rote Flora“. Das alte Floratheater ist ewig besetzte Begegnungsstätte von Kulturschaffenden und politischen Linken, auch Autonomen. Alle Versuche der Stadt, das zu ändern, sind fehlgeschlagen. Auch in Seitenstraßen ging manches zu Bruch und die Angst um. Das ist schlimm und jedes Opfer muss entschädigt, beklagt und bedauert werden. Aber Krieg? Am nächsten Tag hatten Trupps der Stadtreinigung mit einiger Unterstützung das meiste an Scherben, Flaschen, Steinen, Brandresten beseitigt.

Schon als der Gipfel noch nicht erreicht war und nur die erste größere Gipfel-Demo abgebrochen werden musste, haben wir Hamburger überall lesen und hören können, was für Deppen wir sind. Das macht nicht froh. Erst recht dann, wenn wir für euch den Kopf hinhalten. Tag für Tag kamen sie in der vergangenen Woche angereist, die von außen, die sehen wollten oder mussten wie es zugehen würde an der Elbe, wenn die G20 tagen. Und mit jedem Tag wussten sie es besser als wir. Wir wurden vermessen, eingeordnet, für zu leicht oder zu schwer befunden, hervorgehoben, überbewertet, unterverstanden.

Dann kam die Randale. Und alle riefen: Hätte man das nicht früher wissen müssen? Wussten wir. Oder was dachtet Ihr, warum so viele von uns auf dem Land und so viele von euch auf der Flaniermeile waren? Wir wussten, dass es in der Schanze eskalieren würde – nicht in welchem Maße, aber dass es Ärger geben würde, war klar.

Olaf Scholz hätte nur auch in die großen Kameras vorab sagen müssen, was da kommen kann und nicht so tun als ob der Gipfel ein Volksfest würde. Fehler. Aber Schande? Mich erinnern die Bilder vom Wochenende an Nächte in den Neunzigerjahren – sowas hat Hamburg durchaus schon gesehen. Damals als die Gewalt im Karolinen-Viertel und an der Hafenstraße eskalierte, sah es ähnlich aus, auch das Schulterblatt kennt zerstörte Läden und Autos, Brandgeschosse, Vermummte, die sich verschanzt hatten… Polizisten, die warten. Dunkle lange Nächte waren das, ohne Smart-Phone-Selfies.

Wollen wir wirklich einen Keil in unsere Stadt treiben lassen?

Aber wichtig ist eigentlich etwas anderes. Hamburg hatte die Herausforderung angenommen, hat die Verantwortung auf sich genommen, die G20 zu Gast zu haben, hat sich erboten, Demokratie sichtbar und spürbar zu machen. Etwas, das sonst alle mit bedeutungsschwangerer Stimme einfordern – zuletzt vor allem dann, wenn es Terroranschläge gab. An keinem Gipfelort konnten Gegner und Befürworter so dicht am Geschehen, so nah an denen, die sie wegen ihrer Unmenschlichkeit verabscheuen, ihre Meinung sagen. Nirgends war so wenig abgeschirmt wie in Hamburg.

Der Gipfel selbst verlief noch dazu fast nach Plan. Darauf kann man stolz sein, sind wir stolz. Und auch darauf, dass scheinbar unvereinbaren Geistern hier Forum geboten wird – auf der Bühne und daneben. Monatelang wurde geplant, auch gewarnt – vor Anschlägen, vor Schwierigkeiten, vor Autonomen, vor unwägbaren Risiken durch Anti-G20- Camps in Parks, die in letzter Runde dann doch noch von Richtern erlaubt wurden und von denen aus die Übernächtigten aufbrachen und die Autos an der Elbchaussee ansteckten. Wir Hamburger waren uns weiß Gott nicht einig darin, ob so ein Ereignis hier eine gute Idee wäre. Viele hatten Angst vor einem terroristischen Anschlag.

Spätestens als schwarz gekleidete Vermummte Straßen des Schanzenviertel verwüsteten, hatte sich in Hamburg wieder ein einiges Gefühl entwickelt. Eins, das besagte, dass wir die nicht haben wollten, woher immer sie kamen. Eins waren wir – gegen die Gewalt und für gute Argumente. Noch in der Nacht zum Sonnabend formierte sich im Sozialen Netzwerk eine Gruppe, die sich zum Aufräumen am Sonntag verabredete.

Dann kamen die Schuldzuweisungen: „Die Polizei hätte ja nicht gleich die erste Demo abbrechen müssen.“ Doch. Hamburg hat aus gutem Grund und langer Erfahrung ein Vermummungsverbot erlassen, das allen bekannt war und an das man sich nicht gehalten hat. Der Zug hielt auf die Wohnviertel zu. „Warum reißt Ihr die ,Rote Flora’ nicht ab, dann passiert so was nicht“, sagte ein Kollege aus dem Rheinland. Die Flora gehört heute zum Stadtteil. Wer sie nicht mag, kann sie aushalten. Auch das ist Hamburg.

„Die Autonomen haben ihr eigenes Viertel zerlegt“, sagen am Sonnabend manche. Unsinn, viele der Vermummten kamen aus Russland, Italien, der Schweiz. Außerdem ist die Schanze ein lebendiges, gemischtes Viertel, dem zuletzt ständig Gentrifizierung vorgeworfen wurde. Was denn nun?

Und wollen wir wirklich einen Keil in unsere Stadt treiben lassen? Gibt es Viertel, die Gewalt verdient haben – je nachdem, ob da „Bonzen“ oder Autonome leben? Solche Stimmen gibt es auf beiden Seiten. „Scholz hätte die G20 nie in die Stadt lassen dürfen.“ Doch. Haltung kann nicht von Gewalt abhängig gemacht werden. Und ich hoffe, dass ich das auch schreiben würde, wenn es mein Innenhof gewesen wäre und nicht der einer Freundin, in dem Vermummte aufgetaucht sind gegen die sich der einzige zu Hause gebliebene Nachbar mit Pfefferspray wehrte.

Es ist keine Schande, die über Hamburg gekommen ist. Und es wäre hilfreich, wenn das Wahlkampfgefecht jetzt nicht auf unserem Rücken ausgetragen würde. Hamburg hat Deutschland nicht in der Welt blamiert. Wir haben dieses Treffen überhaupt erst möglich gemacht. Wir haben es ausgehalten. Stellvertretend für alle Deutschen. Manche Hamburger haben viel mehr als andere dafür gegeben – die Schäden der Nächte sind hoch. Um die, die verloren haben, müssen wir uns jetzt gemeinsam kümmern. Die Stadtviertel dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

War es das wert? Ich finde, das ist nicht die Frage. Das darf nicht die Paarung sein. Es darf keinen Preis für Demokratie geben. Für Hamburg ist auch der Schock eine Gelegenheit, enger zusammenzurücken, zu differenzieren, mehr zu verstehen, mehr zu reden, mehr Empathie zu üben, weniger in schwarz und weiß zu unterteilen, zu wachsen. Noch mehr Demokratie zu wagen.

Stephanie Nannen lebt in Hamburg und ist Journalistin und Autorin.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

117 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben