Harald Martenstein : So erkennt man Radikale

Denken Sie, dass viele Übel dieser Welt auf eine einzige Ursache zurückzuführen sind? Haben Sie Freunde, die ganz anders denken als Sie? Ein Fragen-Katalog zum Radikalismus.

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Ein Randalierer wirft während des G-20-Gipfels im Schanzenviertel ein Fahrrad in Richtung von Wasserwerfern.
Ein Randalierer wirft während des G-20-Gipfels im Schanzenviertel ein Fahrrad in Richtung von Wasserwerfern.Foto: dpa

Einige Linke sagen, die Terror-Demonstranten von Hamburg seien gar keine Linken gewesen. Natürlich stimmt das nicht. Wenn die Autonomen aus der „Roten Flora“ keine Linken sind, dann ist Herr Höcke von der AfD auch kein Rechter, Kommissar Rex ist kein Hund und der Papst ist nicht katholisch.

Diese Leute sind links, aber sie sind eben links auf eine spezielle Art, sie sind Linksradikale. Von jeder Art des Denkens, links, rechts, religiös, Tierschützer, was auch immer, gibt es zwei Spielarten, die gemäßigte und die radikale, die Übergänge können fließend sein, die radikale Variante ist so explosiv wie Nitroglyzerin. Aber wie erkennt man Radikale? Sind Sie einer? Ich habe dazu einen einfachen Sieben-Fragen-Katalog entwickelt.

Haben Sie jemals an Ihren Grundüberzeugungen gezweifelt, haben Sie je gedacht: Vielleicht haben ja die anderen in ein paar Punkten Recht? Nein, nie? Dann tun Sie mir leid.

Denken Sie manchmal, dass fast alle Übel dieser Welt auf eine einzige Ursache zurückzuführen sind, zum Beispiel den Kapitalismus, die Ungläubigen, die Juden, die Globalisierung, die Männer, die Rechten, die Linken, die vielen Ausländer? Ja? Sie sind gefährlich.

Sie sind Jutta Ditfurth

Glauben Sie, man kann, wenn man die richtigen Maßnahmen trifft und die richtigen Leute am Ruder sind, das Paradies auf Erden schaffen? Keine Probleme mehr, kein Leid? Sie sind verrückt.

Gibt es Ziele, die Sie für so wichtig und richtig halten, dass man zu deren Verwirklichung alles oder fast alles tun darf? Sie sind Jutta Ditfurth.

Haben Sie auch Freunde, die ganz anders sind und ganz anders denken als Sie? Sind Sie in der Lage, anderen zwei Minuten lang zuzuhören, auch wenn die Sachen sagen, die Sie falsch finden? Wollen Sie eine Zeitung lesen, in der immer nur, eins zu eins, Ihre eigene Meinung steht?

Oh weh. Sie sind also radikal. Kein Problem! Hier mein Fünf-Punkte-Programm zur Deradikalisierung. Lesen Sie einen Monat lang nur Texte, die aus der entgegengesetzten weltanschaulichen Ecke kommen. Es müssen intelligente Autoren sein. Nicht mogeln! Suchen Sie eine Person, die besonders scheußliche Ansichten hat, gehen Sie hin und wieder mit ihr essen, reden Sie nicht über Politik. Machen Sie Urlaub – fahren Sie als Islamhasser nach Agadir, als Antisemit nach Israel, als Hamburger Autonomer nach Texas.

Machen Sie Rollenspiele, vertreten Sie mal in einer Diskussion eine Meinung, die Sie eigentlich hassen. Letzte Übung: Entspannen. Sauna, Yoga, Joggen, Angeln, was immer Sie mögen. Vergessen Sie alles, was Sie wütend macht. Das Leben ist viel zu schön für Hass. Klar, es gibt keine Heilungsgarantie, und eine Rückfallquote. Radikalismus ist wie Nikotin.

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