Harald Martenstein über Griechenland : Ein hoher Militäretat als Menschenrecht?

Europa zerfällt, wenn es nicht den Mut hat, den Fehler „Euro“ zu korrigieren. In diesem Punkt hat Oskar Lafontaine völlig recht, schreibt Harald Martenstein in seine Kolumne.

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Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein.
Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein.Foto: picture alliance / dpa

Ich lese in manchen Zeitungen, dass die deutsche Regierung sich, in Bezug auf Griechenland, nationalistisch und neokolonialistisch verhalte. Die Deutschen haben nicht nur Kredite, sondern auch Milliarden an EU-Hilfsgeldern nach Griechenland fließen lassen. Nationalistischer geht es wohl kaum, oder? Sie wurden denn auch von griechischen Politikern als Nazis und Terroristen beschimpft, eine Tonlage, die in Deutschland nicht mal „Bild“ angeschlagen hat. Die EU hat monatelang mit Engelsgeduld verhandelt, sie wurde dabei an der Nase herumgeführt. In Griechenland wird über die Würde und Ehre der Nation schwadroniert, obwohl es in Wirklichkeit um Korruption und Verschwendung geht. Gehört ein hoher Militäretat neuerdings zu den Menschenrechten? Wie wäre es, das Geld stattdessen den Krankenhäusern zur Verfügung zu stellen? Griechenlands Verteidigungsminister droht der Bevölkerung, für den Fall von Unruhen, mit der Armee, dank der EU hat er genug Munition.

Die Deutschen sind die Nationalisten. Die EU ist eine Kolonialmacht. Wenn ich das lese, habe ich das Gefühl, ich sei in den Roman „1984“ von George Orwell geraten. Kolonialmächte haben die Kolonien ausgeplündert, sie haben den Kolonien nicht Milliarden überwiesen.

Wenn jetzt neue Milliarden geliefert werden, geht das Drama natürlich weiter

Ein anderes Lügenwort, das zurzeit oft verwendet wird, heißt „Solidarität“. Solidarität hat etwas mit gemeinsamen Zielen und Werten zu tun, für die man gemeinsam kämpft. Das Ziel der griechischen Regierung ist aber ein anderes als das Ziel der meisten EU-Länder. Die einen wollen halbwegs stabile Finanzen, die anderen klammern sich an einen Pfründestaat und die Devise „Der Ehrliche ist der Dumme“. Das sind Werte, wie sie auch in Venezuela und Nigeria hochgehalten werden, wo es Regierungen geschafft haben, ihre Völker trotz üppiger Öleinnahmen ins Elend zu führen.

Wenn jetzt neue Milliarden geliefert werden, geht das Drama natürlich weiter. Die Zusagen werden nicht eingehalten, und nach ein paar Monaten ist man wieder am Ausgangspunkt. Ich würde mich gern irren, aber es ist unwahrscheinlich, dass ich mich irre. Die größte Lüge aber ist der Satz, es gehe darum, Europa zu retten, indem man Griechenland im Euro hält. Eine Gemeinschaft, in der es keine Regeln gibt, endet im Chaos. Die wichtigste Regel bei der Einführung des Euros hieß: Es ist verboten, sich auf Kosten der Nachbarn zu verschulden. Die Länder mit wackligen Finanzen werden das griechische Beispiel nachahmen. In den soliden Ländern werden die Völker sauer sein. Antieuropäische Regierungen werden an die Macht kommen. Die Briten verlassen den Klub als Erste. Europa zerfällt, wenn es nicht den Mut hat, den Fehler „Euro“ zu korrigieren. In diesem Punkt hat Oskar Lafontaine völlig recht.

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