Harald Martenstein : Was Griechenland mit "Mensch ärgere dich nicht" zu tun hat

Wenn die Griechen so weitermachen, droht Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein damit, bei sich zu Hause eine Volksabstimmung zu machen, ob er eine weitere Kolumne schreiben soll. Lesen Sie hier seine Sonntagsglosse.

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Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein.
Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein.Foto: picture alliance / dpa

In 20 Jahren wird man sich an diese verrückte Zeit erinnern. Weißt du noch? Monatelang an jedem Abend eine Talkshow über Griechenland! Tsipras war größer als Elvis, zumindest hat Gregor Gysi es so gesehen.

Wir hatten auch unsere Sorgen, die Ersparnisse schmolzen dahin, Lebensversicherungen, Mieten, Renten, das entwickelte sich alles unerfreulich. Aber die Bouzouki spielte so laut, da hast du die eigenen Sorgen vergessen. Hin und wieder meldete sich irgendein Volk, Slowaken, Esten, Slowenen, und sagte, uns geht es schlechter als den Griechen, niedrigere Renten, niedrigere Löhne, warum sind eigentlich wir nicht in den Talkshows? Tja, aus dem gleichen Grund, aus dem Robbie Williams eine höhere Gage kriegt als Gottlieb Wendehals.

Ich muss dabei an das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ denken. Es geht nicht, dass mitten in einer Partie „Mensch ärgere dich nicht“ die Regeln geändert werden, und genau das ist ja, im Kern, die Forderung der Griechen. Ich habe mich übrigens auch schon, ähnlich wie Griechenland, bei Bankgeschäften übervorteilt gefühlt. Aber ich hatte halt den verdammten Vertrag unterschrieben und habe alles bezahlt. Statt dass ich zu der Bank gesagt habe: „Ich zahle nicht. Der Ball liegt jetzt in eurem Feld.“

Die Problemfälle kriegen alle Aufmerksamkeit

Die Problemfälle kriegen die ganze Aufmerksamkeit, aber wenn du gute Noten schreibst und jeden Tag brav deine Hausaufgaben machst, bist du das Mauerblümchen, das war doch schon in der Schule so. Wieso liefere ich eigentlich seit Jahren in fast jeder Woche diese Kolumne ab? Wenn die Redakteure am nächsten Sonnabend anrufen, um 13 Uhr, und fragen, wo bleibt die Kolumne, dann sage ich: „Das ist eine Erpressung. Ihr verletzt meinen Stolz. Eigentlich bin ich seit zehn Jahren in Rente. Aber die Tür für Verhandlungen bleibt offen. Der Ball liegt jetzt in eurem Feld.“ Und dann werde ich bei mir zu Hause eine Volksabstimmung darüber veranstalten, ob ich die Kolumne liefere oder nicht, diese Abstimmung wird genau zehn Minuten vor dem Redaktionsschluss des Tagesspiegels stattfinden. Sie werden ein paar Probleme haben in der Redaktion, aber: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Es gibt eine Organisation, in der ein noch größeres Chaos herrscht als in den griechischen Finanzämtern, dies ist die deutsche Partei AfD. Eigentlich ist Europa ja deren Thema, und man kann nicht bestreiten, dass ihr Chef Lucke einige Dinge klarer vorhergesehen hat als andere. Die würden normalerweise in jeder Talkshow sitzen und bei 15 Prozent stehen, aber sie streiten sich zurzeit. Das ist so, als ob nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima die Grünen wegen einer internen Krise wochenlang kein Wort zu Fukushima gesagt hätten. Was Griechenland für Europa ist, das ist für Deutschland die AfD.

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