Helmpflicht für Radler : Ohne Helm ist wie mit Minirock

Wer eine Helmpflicht für Radfahrer fordert, macht Risikovermeidung zur Opfersache. Ein Kommentar.

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Ohne Helm? Eine Pflicht gibt es nicht, manche wünschen sie sich aber. Foto: dpa
Ohne Helm? Eine Pflicht gibt es nicht, manche wünschen sie sich aber.Foto: dpa

Wenn es um eine mögliche Helmpflicht für Radfahrer geht, haben die Gegner klare Ansichten: Eher schmeißen sie ihr Fahrrad weg, als dass sie so einen doofen Deckel aufsetzen, sagen sie, oder, dass es ja wohl ihr Kopf sei, der im Unfallfall Schaden nimmt, und es folglich ihnen überlassen bleiben könnte, ob sie ihn schützen wollen oder nicht, oder, dass man genauso eine Kopfverletzung erleiden könne, wenn man beim Fensterputzen von der Leiter falle, ob es also auch eine Helmpflicht fürs Fensterputzen mit Leiter geben werde, oder, dass sie wahrlich keine Lust haben, sich irgendetwas vorschreiben zu lassen.

Woher rührt der unvernünftige Widerwille gegen den Helm?

Das klingt, wenn man es so liest, ziemlich schlechtgelaunt und miesepetrig. Aber ich muss gestehen: Ich würde das alles unterschreiben. Natürlich ist mir klar, dass das auch ein bisschen beschränkt ist, da es den Sicherheitszugewinn nicht wertschätzt, der so ein Helm sein kann. Und hat nicht fast jeder Radfahrer, jede Radfahrerin schon einmal selbst eine heikle Situation erlebt, die fast zu einem schlimmen Sturz geführt hätte? Woher also rührt dieser unvernünftige Widerwille?

Zum einen aus eben diesen Situationen: Wenn es in meinem Radlerleben heikel wurde, dann waren immer Autofahrer die Risikoauslöser. Sie fuhren zu dicht auf, zu nah vorbei, sie ignorierten mich beim Abbiegen oder hupten mich an, so dass ich vor Schreck Schlangenlinien fuhr. Und als Konsequenz soll nun ich etwas ändern? Das ist absurd. Es ist dasselbe wie die Aufforderung an Frauen, keinen Minirock anzuziehen, wenn sie nicht begrabscht werden wollen. Es überantwortet die Risikominimierung den potenziellen Opfern, während das inakzeptable Tun der Täter ungestraft bleibt. Warum nicht angesichts der vielen Fahrradunfälle Auffrischungsseminare über Verkehrsregeln für Autofahrer diskutieren?

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Am Nollendorfplatz bleibt wegen dieser Lastwagen nur eine Fahrspur übrig. Eine Situation, die Anwohner täglich beobachten können, trotz einer Ladezone. Besonders dreist parkt der Edeka-Lieferant. Foto: Jörn HasselmannWeitere Bilder anzeigen
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22.09.2017 08:18Am Nollendorfplatz bleibt wegen dieser Lastwagen nur eine Fahrspur übrig. Eine Situation, die Anwohner täglich beobachten können,...

Ein weiteres quälendes Quäntchen an staatlicher Bevormundung

Und so wabert unter den heftigen Reaktionen auf Helmpflichtvorschläge womöglich auch eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Risikoverteilung in diesem Land herum. Die Ordnungswidrigkeit von Lieschen Klein wird gnadenlos verfolgt, das Großstrafverfahren gegen die Gangster AG platzt aus Termingründen. Air Berlin geht pleite: Der Staat schustert dem heruntergewirtschafteten Unternehmen einen 150-Millionen-Euro-„Kredit“ zu, und die kleinen Steuerzahler stehen am Ende womöglich dafür gerade. Die Autobauer betrügen beim Dieselmotor, die Politik umschwirrt sie höflich, und die Dieselbesitzer dürfen mit ein bisschen Pech in einzelnen Städten nicht mehr fahren. Erinnert sich noch jemand an die Ernährungstipps für Hartz-IV- Empfänger? Die gehörten auch in die gefühlte Kategorie: Mit denen da unten kann man es ja machen.

Aber die da unten verlieren irgendwann auch den Humor, wenn sich das Gefühl ausbreitet, mit ihnen beschäftige man sich vor allem aus Feigheit vor anderen Gegnern. Eine Helmpflicht wäre ein weiteres quälendes Quäntchen an staatlicher Bevormundung aus dieser Güteklasse – vor allem, wenn man sich anschaut, wie sehr sich der Staat um mögliche Gesundheitsrisiken von Alkoholkonsum schert. Wollte er gegen das weit verbreitete Trinken vorgehen, hätte er Ärger mit einer Industrie, die um Einnahmen fürchtet, schreibt er Fahrradhelme vor, klingeln Kassen.

Allerdings: Die Gurtpflicht führte zum Rückgang von Verletzungen bei Unfällen

Dazu kommt, dass es nicht viel Fantasie braucht, sich vorzustellen, wie eines Tages die Ordnungsamtsmitarbeiter einen unbehelmten Radfahrer anhalten, um ihm ein Pflichtverletzungsticket auszustellen, während hinter ihnen tiefer gelegte Großautos mit getunten Auspuffanlagen und deutlich überhöhter Geschwindigkeit ungestraft vorbeilärmen und tätowierte Schlägertypen die Haufen ihrer unangeleinten Köter ungetadelt liegen lassen. Oder spricht hier ein Anflug von Verfolgungswahn?

Es ist schließlich nicht völlig ausgeschlossen, wenn auch eine unschöne Vorstellung, dass der heutige Widerwille gegen die Helmpflichtidee nicht mehr ist als Mitte der 1970er Jahre der Widerstand gegen die Anschnallgurte: eine letztlich alberne Veränderungsunwilligkeit vornehmlich älterer Semester aus der überheblichen Annahme heraus, dass sie schon am Besten wissen, was richtig ist und was nicht. Auch der Anschnallgurt schützte ja vor allem diejenigen, die ihn anlegten, und auch die fanden damals, ihr Schutz sei ihre Sache.

Der Gesetzgeber ließ sich davon nicht beeindrucken und erließ die Gurtpflicht, die zum Rückgang von Verletzungen bei Unfällen führte. Und heute? Haben Autos standardmäßig Airbags, aktive Kopfstützen und Müdigkeitswarner. Hallo Helmgegner, und wir?

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