Politik : Helmut Kohl: "Kommunisten sind rot-lackierte Faschisten"

Jürgen Zurheide

Helmut Kohl muss auf die erste Demütigung nicht allzu lange warten. Als er durch den Saal in Essen schritt, tröpfelte der Beifall eher höflich als stürmisch. Jetzt sitzt er oben auf dem Podium, eingerahmt von einer europäischen und zwei deutschen Fahnen und einigen Blumengestecken, die schwarz rot und golden leuchten. Er dreht den Kopf ein wenig nach links, als Stephan Holthoff-Pförtner, der ihn nach Essen in die Grugahalle geholt hat, als den Mann ankündigt, der "die unbestreitbar größten Verdienste um die deutsche Einheit" hat. Kohl, so verrät sein Blick, freut sich über dieses Kompliment, er nimmt den folgenden Beifall huldvoll auf, weil Holthoff-Pförtner ihm bescheinigt, dass er auch heute noch die ungebrochene Anerkennung für seine Leistung in Deutschland und Europa erfährt. In wenigen Minuten wird dann Kohl bekennen, dass er der Einladung von Holthoff-Pförtner, der ihn in der Spendenaffäre als Anwalt verteidigt hat, gerne gefolgt ist. Natürlich reizt es ihn über den 17. Juni 1953 zu reden, daran zu erinnern, dass an diesem Tag viele Menschen im Osten Deutschlands Zeugnis vom Freiheitswillen abgelegt haben.

"Es ging nicht um die erhöhten Arbeitsnormen", glaubt Kohl und erinnert an die Opfer des Protestes, "mehrere hundert Menschen wurden umgebracht, alleine 18 Männer wurden standrechtlich erschossen, weil sie sich geweigert hatten, die Befehle auszuführen". Natürlich beklagt Kohl, dass im Westen Deutschlands dieses Tages schon seit einiger Zeit nicht mehr in angemessenem Umfang gedacht wird. Damit nähert sich Helmut Kohl dem zweiten Teil seiner geschichtlichen Sicht der Dinge. Wie in alten Zeiten attackiert er jene, die in den 80er Jahren für einen anderen Umgang mit der Geschichte plädiert haben; zum Beispiel im Zusammenhang mit der Erfassungsstelle über "Unrecht im SED-Unrechtsregime" in Salzgitter. "Es gehört nicht zu den Ruhmestaten, dass die Herren Rau und Schröder dafür damals kein Geld mehr geben wollten", lässt er einfließen und die Menschen im Saal klatschen. Obwohl er eigentlich über Deutschlands Zukunft in Europa reden wollte, schiebt er angesichts des Beifalles einen Exkurs über die aktuelle Lage in Berlin ein. "Was sich da ereignet, ist kein Zufall", ruft er aus und attackiert seinen Amtsnachfolger direkt, "die Hemmungen werden abgebaut, gemeinsame Sache mit der PDS zu machen".

Dass er sich selbst gelegentlich mit Gregor Gysi ausgetauscht hat, erwähnt er in diesem Kreise nicht, die PDS ist für Kohl allzu nahe bei der verhassten SED: "Dabei waren wir uns in Deutschland lange einig, dass wir weder auf dem rechten noch auf dem linken Auge blind sein dürfen". Wer heute mit den Post-Kommunisten paktiert, mache sich der "Geschichtsvergessenheit" schuldig. In diesem Zusammenhang erinnert Kohl an den früheren SPD-Chef Kurt Schumacher, dessen Haltung zur Nachkriegs-KPD eindeutig war. "Kommunisten sind rot lackiert Faschisten", zitiert Kohl Schumacher. Als er wenig später ausruft, dass er einen harten Wahlkampf seiner Parteifreunde gegen alle anderen erwartet, wird der Beifall lebhafter. Die CDU werde mit aller Kraft kämpfen. Und Kohl fügt hinzu: "Das gilt ausdrücklich auch für mich". Er wolle sich im Berliner Wahlkampf massiv einmischen. Die Menschen im Saal spenden freundlichen Applaus.

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