Hilfe für Folteropfer : Am Brennpunkt der Brennpunkte

Wer an Weihnachten Geld spenden will, sollte dem Berliner Zentrum für Folteropfer etwas zukommen lassen. Ein Aufruf.

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Flüchtlinge am 14.12.2015 vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin auf die Kleiderausgabe.
Flüchtlinge am 14.12.2015 vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin auf die Kleiderausgabe.Foto: dpa

Als der kleinen Familie klar wurde, dass sie nirgends mehr sicher war, nicht im Haus, nicht auf ihrem Hof, nicht in ihrem Dorf im Norden Syriens, da packte sie ihre Sachen. Jetzt leben Murat M., seine Frau und die beiden kleinen Töchter in Berlin, nicht weit von da, wo wir anderen heute Weihnachtspakete packen.
Sie sind Jesiden, eine in Syrien verfolgte Minderheit. Sunnitische Nachbarbauern hatten es auf das Weideland für ihr Vieh abgesehen. Um ihr Ansinnen durchzusetzen, töteten sie Murats Schafe und Ziegen. Der junge Vater, damals 22 Jahre alt, beschwerte sich bei den Nachbarn. Die schlugen zu. Er beklagte sich auf der syrischen Polizeistation. Dort wurde er eingesperrt und gefoltert. Auf den gesetzlosen Geländen Syriens sind Jesiden vogelfrei. Wieder auf freiem Fuß, von Albträumen geschüttelt, verkaufte der Bauer in Panik sein Land.

Die Folteropfer werden direkt neben dem Lageso behandelt

Mit dem Erlös bezahlte er einen Fluchthelfer für die Familie. Ihr langer Weg endete in Berlin, wo sie auf Schutz und Sicherheit hofften. Seine Odyssee hat Murat denen berichtet, die in Berlin am Brennpunkt aller Brennpunkte arbeiten, den Ärzten und Psychotherapeuten am Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo).
Das Zentrum, wie es sich intern kurz nennt, liegt auf demselben Gelände an der Berliner Turmstraße wie das inzwischen bundesweit berüchtigte Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), wo Verantwortliche die Asylsuchenden bei Hitze ohne Wasser und – bis vor Kurzem – bei Kälte ohne Wärme warten ließen. Einige Meter weiter, am Zentrum, gilt ein Ethos, das Gesundheit und Soziales großschreibt, groß und richtig. Rund hundert Mitarbeiter therapieren und betreuen hier die Überlebenden von organisierter staatlicher Gewalt, die Opfer aus Kriegen und Bürgerkriegen. Allein 2015 bekamen hier 600 traumatisierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene Hilfe bei körperlichen und seelischen Folgeschäden schwerster Misshandlung.

Ziel ist die Integration, das Dasein in aufrechter Würde als Bürger

Die Patienten kommen aus über 50 Staaten, aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Afghanistan, Tschetschenien, der Türkei, sie kommen aus Libyen, Somalia, Eritrea und anderen Teilen Afrikas. Ihre Erfahrungen mit Grausamkeit erscheinen unaussprechlich, ihnen selber und anderen – Verbrennungen, Vergewaltigungen, ausgerenkte Gelenke, sexuelle Folter.
Oft haben die Betroffenen nicht einmal mit denen, die ihnen am nächsten sind, darüber gesprochen. Wo Gewalt Sprache werden kann, Belastendes im Aussprechen nach außen gekehrt wird, beginnt Heilung. Dazu braucht es professionelle Ohren und sichere Räume. Beides bietet das bzfo, auch mit einem Akutprogramm für neu eingereiste Geflüchtete. Rehabilitation und Integration sind die Ziele, das Dasein in aufrechter Würde als Bürger, der trotz seelischer Narben fähig wird zu Arbeit und Liebe.

Murat, der Jeside aus Syrien, kam verstört hier an. Schlaf war für ihn bedrohlich, im Traum sah er die Täter und durchlitt die Angst vor Folter immer wieder. Tags war er oft desorientiert und kaum ansprechbar. Mal hatte er den Impuls, sich vor die U-Bahn zu werfen, dann Wutausbrüche gegen alle um ihn herum. Nach acht Monaten Behandlung in der Tagesklinik und noch mal so vielen Monaten der Nachsorge ist der junge Mann, freuen sie sich am Zentrum, „ein anderer Mensch“: herzlich zur Ehefrau und den Töchtern, mit Mut, seine Ausbildung als Autoschlosser anzugehen.

Mit 150 Euro kann man die Kosten für Dolmetscher übernehmen

Er hatte Glück. Denn die Ärzte, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten und Dolmetscher am bzfo können sich noch immer nur um einen Bruchteil der Hilfesuchenden kümmern. Seine Mittel erhält das Zentrum zur Hälfte durch Spenden, zur anderen Hälfte vom Bundesministerium für Familie, den Krankenkassen, der EU und den Vereinten Nationen. Doch ohne die privaten Geber ginge gar nichts beim Bekämpfen der Schmerzen, die durch Unmenschlichkeit entstanden. Mit zehn Euro, so der Aufruf des Zentrums, kann ein Patient die Zuzahlung für Medikamente decken, mit 150 Euro die Kosten für Dolmetscher in Beratung und Therapie, Kosten, die die Kassen nicht tragen, und mit tausend Euro ein Jahr lang bestimmte Formen der Therapie.
Das also als Vorschlag zu Weihnachten, dem Fest der Liebe: Wer helfen will, der helfe hier (www.bzfo.de/spenden). Noch die skeptischsten Kritiker der Asylpolitik, noch die zögerlichsten oder zornigsten Beobachter der Migration dürfen sich komplett und völlig sicher sein: Am Behandlungszentrum für Folteropfer erreicht jeder Cent die Richtigen. Besser wäre eine Welt, in der so ein Zentrum überflüssig wäre. Im Moment wird es mehr gebraucht denn je.

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