Historiker Wolfgang Benz zu "Pegida" : "Das Abendland ist ein Mythos"

"Pegida" hat den Begriff des Abendlandes aus tiefer Versenkung geholt. Was bedeutet dieser Begriff? Wofür wurde er benutzt? Was die beiden Berliner Historiker Wolfgang Benz und Heinrich August Winkler dazu sagen.

Mythos Abendland.  "Pegida" („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“).
Mythos Abendland. "Pegida" („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“).Foto: dpa

Für den Berliner Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz ist das „Abendland“ ein Begriff, in den man „ganz viel eintüten kann“. Seit Jahrzehnten spielte er in der politischen Debatte kaum noch eine Rolle. Jetzt hat ihn die Bewegung "Pegida" („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) aus dem Schlummer geholt - und knüpft damit an Jahrhunderte alte Ängste vor dem Islam und Überfremdung an.
„Das Abendland ist ein Mythos, der vor allem im 17. und 18. Jahrhundert Hochkonjunktur hatte: Er steht für eine Wertegemeinschaft, die griechisch-römische Philosophie mit christlichem Denken verbindet und den Eindruck erweckt, als habe sich die Antike im Christentum vollendet“, sagte Benz am Montag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Dabei sei die Rede vom Abendland immer eine Kampf- oder Abgrenzungsparole gewesen, die sich - je nach historischer Situation - gegen die orthodoxe Kirche, den Islam oder den Bolschewismus gerichtet habe.
Nach den Worten des Berliner Historikers Heinrich August Winkler tauchte die Vorstellung vom Abendland schon im klassischen Altertum auf: Die Griechen hätten nach den Perserkriegen im 5. Jahrhundert vor Christus mit diesem Begriff ihre eigene Identität gegenüber den „Barbaren“, also den Fremden im Osten, ausdrücken wollen.

Der Begriff Abendland wurde immer wieder neu aufgeladen

Im 16. Jahrhundert lebte der Begriff dann erneut auf: zunächst als Abgrenzung der lateinischen, auf Rom zentrierten Kirche gegen die ungeliebte orthodoxe Kirche, die ihr Zentrum in Konstantinopel hatte.
Als Konstantinopel dann 1453 von den Türken erobert wurde, lud sich der Begriff neu auf: Plötzlich grenzte er das christliche Europa von den verfeindeten Muslimen ab - ein Gedankenkonstrukt, das der Wirklichkeit nicht immer stand hielt, wie Benz betont. Denn schließlich war die christliche Welt alles andere als eine Einheit, wie die Kriege zwischen Protestanten und Katholiken sowie die militärischen Bündnisse zwischen katholischen Franzosen und Türken gegen die katholischen Habsburger zeigten.
Die Abgrenzung gegen den Islam blieb allerdings nicht der einzige Inhalt: In Deutschland entwickelten, von Novalis angeregt, die Brüder August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel im 19. Jahrhundert eine Vorstellung von Europa, die sich auf kulturelle Traditionen und das Christentum als einigendes Band Europas stützte. „Das Abendland umfasste ihrer Vorstellung nach alle Länder, die durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe zu einem einzigen europäischen Kulturraum vereint waren“, betont der Historiker Winkler. „Besondere Bedeutung maßen sie dabei Karl dem Großen als vermeintlichem Einiger Europas und Herrn über das christliche Abendland zu.“ Daran knüpfte dann der Kulturphilosoph Oswald Spengler mit seinem 1918 erschienenen Werk „Der Untergang des Abendlandes“ an: Spengler verglich das christliche Abendland mit sieben anderen Hochkulturen und prophezeite seinen Verfall in der Konkurrenz zu den demokratischen und kapitalistischen Staaten Frankreich und England sowie zum bolschewistischen Osten. Der Begriff Abendland wurde von Nationalkonservativen und Rechten okkupiert.

Nach der Auflösung des Ostblocks wurde es still um diesen Begriff, weil kein Feind mehr da war

Spengler wurde damit, wie Benz betont, zu einem der Vorläufer der Nationalsozialisten. Nach der Niederlage von Stalingrad 1943 versuchte Hitler die Wehrmacht mit den Worten zu mobilisieren, sie müsse „bis zur letzten Patrone“ für die „Verteidigung des Abendlandes“ gegen den gottlosen Bolschewismus kämpfen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es erneut konservative und vor allem katholische Kreise, die den Begriff aufgriffen. „Dies wurde verbunden mit einer Verherrlichung des katholischen Mittelalters“, argumentiert Winkler. Das christliche Abendland sollte zur verbindenden Idee des zusammenwachsenden Europa gegen den Ostblock werden.
Danach wurde es still um das Abendland - bis zu Pegida, die mit einem Mischmasch aus erzkonservativen, fremdenfeindlichen und antiislamischen Elementen versucht, Ängste zu mobilisieren - und mit christlichen Weihnachtsliedern gegen eine vermeintliche Islamisierung zu demonstrieren. (KNA)