Holocaust : Buchhalter von Auschwitz muss vor Gericht

In Lüneburg beginnt im kommenden Frühjahr der Prozess gegen einen SS-Mann, der in Auschwitz das Geld der ermordeten Juden verwaltet haben soll. Die Anklage gegen den heute 93-Jährigen lautet Beihilfe zum Mord.

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Ort der Vernichtung: In Auschwitz wurden schätzungsweise eine Million Juden ermordet.
Ort der Vernichtung: In Auschwitz wurden schätzungsweise eine Million Juden ermordet.Foto: Reuters

Fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges soll es in Deutschland doch noch einen Auschwitz-Prozess geben. Das Landgericht Lüneburg ließ die Anklage gegen einen früheren SS-Mann zu und eröffnete das Hauptverfahren, wie das Gericht am Montag mitteilte. Das Verfahren wird voraussichtlich im Frühjahr 2015 beginnen.

Dem heute 93-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, im nationalsozialistischen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Beihilfe zum Mord an 300 000 Menschen geleistet zu haben. Oskar G. half nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Hannover mit, an der Rampe von Auschwitz das Gepäck der ankommenden Juden wegzuschaffen. Später habe er das in den Koffern oder den Kleidern der Ermordeten gefundene Geld gezählt und an das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS in Berlin weitergeleitet. Manchmal durfte er das Geld sogar persönlich nach Berlin bringen.

Nach der Ankunft ermordet

Obwohl Oskar G. zwei Jahre lang in Auschwitz war, beschränkt sich die Anklage auf den Zeitraum vom 16. Mai 1944 bis zum 11. Juli 1944. In diesen zwei Monaten kamen in Auschwitz 137 Züge aus Ungarn an, in denen insgesamt 425 000 Menschen waren. Die Staatsanwälte gehen davon aus, dass mindestens 300 000 von ihnen sofort nach der Ankunft in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

Dass er in Auschwitz war, hat Oskar G. nie bestritten. Aber mit dem Massenmord an den Juden will er nichts zu tun gehabt haben, an der Rampe habe er nur "Koffer bewacht", sagte er in einem Interview. Zur Waffen-SS hatte sich der aus Nienburg stammende Sparkassenangestellte mit 19 Jahren freiwillig gemeldet.

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und ein halbes Jahrhundert nach dem großen Frankfurter Auschwitz-Prozess könnte vielleicht zum letzten Mal der nationalsozialistische Massenmord vor einem deutschen Gericht verhandelt werden. Entsprechend groß ist das Interesse an diesem Fall. Für das Verfahren in Lüneburg haben sich nach Angaben des Landgerichts bereits 49 Nebenkläger gemeldet. Ihre Väter, Mütter oder Geschwister waren in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden.

 

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