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Holocaust-Gedenken im Bundestag : "Dieses Land hat heute den Beifall der Welt gewonnen"

Als Kind hatte sie den Holocaust überlebt. Am Mittwoch hielt die 84-jährige Ruth Klüger im Bundestag eine eindrucksvolle Rede - in der sie auch den Bogen zur Flüchtlingskrise zog.

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Ruth Klüger wurde zunächst nach Theresienstadt und später von dort nach Auschwitz deportiert.
Ruth Klüger wurde zunächst nach Theresienstadt und später von dort nach Auschwitz deportiert.Foto: REUTERS

Ganz still ist es im Bundestag, als Ruth Klüger vom Winter 1944/1945 erzählt, dem kältesten Winter ihres Lebens. Mit 13 Jahren musste die in Wien geborene Jüdin im Lager Christianstadt, einem Außenlager von Groß-Rosen, Zwangsarbeit leisten. "Bei Zwangsarbeitern denkt man an erwachsene Männer, nicht an unterernährte kleine Mädchen", sagt die heute 84-Jährige in der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus. Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel und Bundesratspräsident Stanislaw Tillich haben die kleine Frau mit den kurzen grauen Haaren in den Plenarsaal begleitet und sitzen nun dem Rednerpult gegenüber.

Ruth Klüger, Germanistik-Professorin und Schriftstellerin, ist aus den USA angereist, um den deutschen Abgeordneten von ihren Erfahrungen zu berichten. Mit elf Jahren wurde sie nach Theresienstadt und später von dort nach Auschwitz deportiert. Das nationalsozialistische Vernichtungslager überlebte sie nur, weil sie sich nach einer Selektion ein weiteres Mal in die Schlange stellte und sich drei Jahre älter ausgab, als sie damals war.

Eine Schreiberin, selbst eine Gefangene, sagte dem skeptischen SS-Mann, das Mädchen sei kräftig und könne arbeiten. "Einem Zufall und einer gütigen jungen Frau verdankte ich mein Weiterleben", sagte Klüger am Mittwoch. Aus dem Vernichtungslager Auschwitz wurden sie und ihre Mutter nach Christianstadt gebracht.

Dort leisteten die erwachsenen Frauen Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik. Ruth Klüger grub Baumstümpfe im Wald aus oder arbeitete in einem Steinbruch. "Vom Steinbruch träume ich noch manchmal", sagt sie. Ruth Klüger berichtet auch über den Hunger, der sie im Arbeitslager die ganze Zeit quälte.  Es gab so wenig zu essen, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte als an Nahrung.“ Sie erzählt von dem SS-Mann, der sie schlug, als sie nach Essensresten suchte. Jahrzehnte später hört sie in einem Drogeriemarkt in Göttingen einen Mann sagen, die Ausländer solle man alle vergasen. "Der könnte es gewesen sein."

Im Nachkriegsdeutschland habe ein "Verdrängungsprozess" stattgefunden

Die massenhafte Ausbeutung durch Zwangsarbeit sei den Deutschen bekannt gewesen, betont Ruth Klüger in ihrer Rede. Ihre deutschen Freunde hätten sich später mit Zuneigung an Zwangsarbeiter erinnert, die sie in ihrer Kindheit getroffen hatten. Doch sie hätten nicht wahrhaben wollen, dass die Polen auf dem heimischen Bauernhof in Wirklichkeit "Sklavenarbeiter" gewesen seien. Im Nachkriegsdeutschland habe ein "Verdrängungsprozess" stattgefunden,  betont Klüger.

Klüger erinnert in ihrer Rede auch an eine fast vergessene Gruppe, die Zwangsprostituierten. Der Respekt, der den Überlebenden nach dem Krieg entgegengebracht wurde, sei ihnen vorenthalten worden. Diese Frauen seien später auch nicht als Zwangsarbeiterinnen eingestuft worden, sie enthielten anders als die anderen keine Entschädigung.

Ruth Klüger bewundert deutschen Kurs in Flüchtlingskrise

Nur ein einziges Mal unterbricht der Beifall der Abgeordneten die Rede des Ehrengastes. "Dieses Land hat heute den Beifall der Welt gewonnen dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen", sagt Ruth Klüger am Ende ihrer Rede. Sie selbst habe dies zuerst mit Verwunderung und dann mit Bewunderung wahrgenommen. "Wir schaffen das" – diese Worte der Kanzlerin sind für Ruth Klüger ein "schlichter und heroischer Slogan".

Zuvor hat schon Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) den Bogen zur Gegenwart gezogen und ein aktives Vorgehen gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit angemahnt. Zugleich betonte er, dies gelte "für alle, die in diesem Land leben".

"Einem Zufall und einer gütigen Frau verdanke ich mein Weiterleben": Lesen Sie hier die Rede von Ruth Klüger im Wortlaut.

Rückkehr in ein anderes Deutschland: Ein Porträt von Ruth Klüger können Sie hier lesen.

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