Hubertus Knabe : ''Die Stasi wollte die Proteste anheizen''

Historiker Hubertus Knabe spricht im Interview über den Einfluss der DDR-Spionage auf die Bundesrepublik, die Studentenbewegung und die Irritation, die entsteht, wenn solch wichtige Stasi-Akten so lange nach Gründung der Birthler-Behörde zufällig gefunden werden.

Hubertus Knabe
Hubertus Knabe mit Buch. -Foto: dpa

Herr Knabe, wird sich etwas an der Beurteilung deutscher Geschichte ändern, weil der Todesschütze Benno Ohnesorgs für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet hat?

Zunächst macht dieser Fall deutlich, dass die Staatssicherheit im Westen sehr aktiv war, besonders in den Sicherheitsbehörden. Gerade die West-Berliner Polizei hat sie mit Agenten durchdrungen.

Der Todesschütze Karl-Heinz Kurras bestreitet seine Mitarbeit bei der Stasi, was halten Sie davon?

Die Stasi hat keine Märchenstunde veranstaltet, wenn sie ihr Akten geschrieben hat. Es besteht deshalb kein Grund zur Annahme, dass es nicht so gewesen ist.

Wie groß war der Einfluss der Stasi in der Bundesrepublik wirklich?

Informationen aus dem Sicherheitsregime waren für die DDR von großem Interesse, zum einen für Planungen für eine Besetzung West-Berlins, aber auch zur Sicherung der eigenen Agenten. Für die Studentenbewegung ist noch ein anderer Aspekt von Bedeutung: In der Außerparlamentarischen Opposition hatte die Stasi eine ganze Reihe von Agenten. Die sollten helfen, die Proteste anzuheizen, insbesondere die Anti-Springer-Kampagne.

Was hätten damals die Folgen sein können, wenn Kurras’ Hintergrund bekannt geworden wäre?

Die Feindbilder der 68er hätten so nicht funktioniert. Die Proteste zogen eine wesentliche Kraft daraus, dass hier ein unschuldiger Student von der Polizei des Klassenstaats kaltblütig erschossen wurde. Für diese Interpretation wäre kein Platz mehr gewesen. Das Leben im geteilten Berlin war eben sehr viel komplizierter, als die 68er dachten.

Was hätte das für die Sicht auf die DDR bedeutet?

Vielleicht hätte es zum Eindruck geführt, dass die DDR dahinter steckt, um die Proteste anzuheizen – wie übrigens beim Anschlag auf Rudi Dutschke, den ein ehemaliger DDR-Bürger verübt hatte. Der Tod Ohnesorgs wurde von der DDR propagandistisch massiv ausgeschlachtet. Als sein Leichnam nach Westdeutschland überführt wurde, stand die FDJ Spalier. Trotzdem ist eine direkte Einwirkung der Stasi unwahrscheinlich, weil das Ereignis kaum planbar war. Kurras wusste am Morgen sicher noch nicht, dass er am Abend einen Studenten erschießen würde.

Was rückt der Fall Kurras nun zurecht?

Ohnesorgs Tod ist für viele 68er bis heute ein Mythos, ein Schüsselerlebnis. Das steht nun in einem anderen Licht da. Erhebliche Teile der westdeutschen Linken haben zudem geglaubt, die DDR sei der bessere deutsche Staat und ignoriert, dass es sich um eine brutale Diktatur handelte.

Warum kommt der Fall nun erst ans Licht?

Mich irritiert, dass diese Akten offenbar zufällig gefunden wurden. Das dürfte so lange nach Gründung der Birthler-Behörde nicht passieren. Und es ist sicher nicht der letzte Zufallsfund. Es gibt noch 16 000 Säcke mit zerrissenen Akten, die nicht zusammengesetzt werden, obwohl die Technik da ist. Die Akten der Spionageauswertung sind aber größtenteils vernichtet worden. Viele wichtige Vorgänge sind deshalb unwiederbringlich verloren.

Was ist dadurch verpasst worden?

Man hätte das Thema Stasi gesamtdeutscher diskutiert, wenn die Akten von soundsovielen Bundestagsabgeordneten, Gewerkschaftsfunktionären oder Kirchenleuten nicht vernichtet worden wären. Und wir hätten mehr Prozesse gehabt, weil es im Westen eine Straftat war, für die Stasi zu arbeiten. Es gab und gibt jedoch eine große Neigung im Westen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. 90 Prozent aller Verfahren gegen westdeutsche Stasi-IMs sind eingestellt worden.

Ist der Fall Kurras ein guter Anlass, um neu zu diskutieren?

Nicht nur, um zu diskutieren, sondern um diese Dinge endlich aufzuarbeiten. Mir ist keine Studie zur Durchdringung der westdeutschen Gewerkschaften durch die Stasi bekannt. Der Bundestag weigert sich nach wie vor, seine Vergangenheit zu beleuchten. Ich habe den Fraktionschefs vorgeschlagen, die Stasi-Einflussnahmen wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Doch aus der großen Koalition erhielt ich ablehnende Antworten mit nicht nachvollziehbaren juristischen Argumenten.

Was erwarten Sie von einer Aufarbeitung?

Es wäre doch interessant, was sich zum Beispiel in der SPD an Agenten getummelt hat. Da sind bei Parteitagen ganze Anträge von der Stasi initiiert worden, etwa gegen die Nachrüstung. Oder die Rolle der Stasi bei der Ostpolitik. Durch sie bekam die DDR-Führung doch die ersehnte Anerkennung für ihre Diktatur. Da haben Agenten eine wichtige Rolle gespielt. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif, diese Zusammenhänge genauer zu erforschen.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Hubertus Knabe, geboren 1959 in Unna, ist Historiker und Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Bekannt wurde er durch Veröffentlichungen zur Arbeit der Stasi im Westen.

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