Politik : „Ich hörte Stimmen“

Der mutmaßliche Mörder von Anna Lindh nennt kein Motiv für seine Tat. Morgen beginnt der Prozess

Sven Lemkemeyer

Die Beweislage ist erdrückend und „glasklar“, wie Staatsanwältin Agneta Blidberg es am Montag in Stockholm formulierte. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der ehemaligen schwedischen Außenministerin Anna Lindh beginnt zwar erst am Mittwoch. Doch die 1100 Seiten umfassende Anklageschrift – darin sind sich die Rechtsexperten einig – lässt keinen Zweifel daran, dass der in Untersuchungshaft sitzende Mijailo M. Schwedens beliebteste Politikerin am 10. September 2003 mit insgesamt sieben Messerstichen in dem Stockholmer Kaufhaus NK schwer verletzte. Die 46-jährige Mutter zweier Söhne starb einen Tag später an ihren inneren Verletzungen. Lindh hatte bei ihrem Einkauf keine Leibwächter.

Am Montag klagte die Staatsanwaltschaft den aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden schwedischen Staatsbürger offiziell wegen Mordes an. Sie beruft sich auf das Geständnis von M., seine DNA an der Tatwaffe, Lindhs Blutspuren an seiner Kleidung und eine eindeutige Identifizierung durch mehrere Zeugen.

Die Anklageschrift, die – wie nach schwedischem Recht vorgeschrieben – veröffentlicht wurde, verstärkt zudem den Eindruck, dass der Sohn serbischer Einwanderer offenbar tatsächlich psychisch gestört ist. M., der bereits früher mehrfach in psychiatrischer Behandlung war, hatte die Tat erst in der vergangenen Woche gestanden; dreieinhalb Monate nach seiner Festnahme.

Über sein Motiv für das Attentat war viel spekuliert worden, die Vermutungen reichten von einem gezielten Anschlag gegen die Euro-Befürworterin Lindh nur wenige Tage vor dem Referendum in Schweden bis hin zu Rache für den Nato-Angriff auf Belgrad 1999, den Lindh zum Schutz der Kosovo-Albaner befürwortet hatte. In seinen Verhören mit der Polizei, die in der Anklageschrift nachzulesen sind, erklärte M. jedoch, es gebe für den Angriff auf Lindh kein politisches oder persönliches Motiv. Er habe vor dem Attentat mehrere Tage nicht geschlafen und seine Medizin nicht genommen, es sei ihm sehr schlecht gegangen: „Dann hörte ich die Stimmen kommen. Sie sagten, dass ich sie angreifen sollte. Ich konnte mich den Stimmen nicht widersetzen. Aber ich weiß nicht, warum ich es tat. Ich erinnere mich nicht“, sagt M. im Verhör mit der Polizei. Später hätten die Stimmen ihm auch befohlen, seine blutbefleckte Kleidung in einem Wald zu verbrennen. Auf die Frage, wer die Stimme sei, sagt M.: „Ich glaube, es ist Jesus. Er hat mich auserwählt.“

Der 25-Jährige verneint in seinen Verhören, Lindh verfolgt zu haben. Er habe Lindh erst in einer Boutique in dem Kaufhaus entdeckt. Zwar habe er sie erkannt, aber es hätte genauso gut jemand anderes sein können. „Es war purer Zufall, dass ich sie gesehen habe.“ Die Ermittler dagegen sind davon überzeugt, dass M. sein Opfer bereits beim Betreten des Kaufhauses gesehen und 14 Minuten später auf sie eingestochen habe. Die Managerin des Kaufhauses sagte der Polizei, sie habe das Attentat aus nächster Nähe gesehen und gehört wie M. sagte: „Du bekommst, was du verdienst.“

Geplanter Mord oder Affekthandlung bei eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit – zu welchem Schluss das Stockholmer Gericht letztlich kommt, wird maßgeblich von den Gutachten der Psychiater abhängen. Sie sollen M. nach dem auf drei Tage angesetzten Verfahren einen Monat lang untersuchen, ehe über das Strafmaß entschieden wird. Das Urteil wird daher erst für Ende Februar erwartet.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben