IM-Bekenntnis "Stasiratte" : Jana Döhring, die Täterin vom Dienst

Jana Döhring hat einen Roman geschrieben, der keiner ist. Er ist viel zu wahr: „Stasiratte“ ist das Bekenntnis ihrer Tätigkeit als IM. Jetzt muss sie sich öffentlich rechtfertigen. Warum es trotzdem irgendwie befreiend ist.

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Spitzelbericht von der Bar: Jana Döhring.
Spitzelbericht von der Bar: Jana Döhring.Foto: Zinken

Und was, wenn eine sagt: Ich war dabei? Wenn sie die Karten auf den Tisch legt und sich bekennt: Ich war ein Spitzel für die Stasi, keine Erpressung brachte mich dazu, meine Motive waren niedrige? Der Verrat währte vier Jahre, ich habe ihn nicht beendet. Zu meiner Entschuldigung kann ich vorbringen: eigentlich nichts. Ich erzähle nur, wie es geschehen ist.

Es ist Buchmesse in Leipzig, in der ganzen Stadt wird vorgelesen. In der Gutenbergschule aus „Die Herrschaft der Orks“, in der Stadtbibliothek aus „Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Welt“. In einem Museum namens Runde Ecke: „Stasiratte“. Die Autorin, Jana Döhring, liest aus ihrem Buch, das sie Roman nennt, das aber etwas ziemlich anderes ist, ein Bekenntnis, die Erinnerung an ein weit entferntes Leben, verfremdet nur an wenigen, unwesentlichen Punkten.

Das Museum Runde Ecke war zur DDR-Zeit auch was anderes: Die Stasi-Zentrale der Stadt Leipzig. Seit 1990 wird hier Geschichte aufgearbeitet. Die Räume riechen noch nach DDR, an den Wänden zu besichtigen: ein Repressionssystem auf Schautafeln. An diesem Tag im März, an dem in Leipzig überall vorgelesen wird, geschieht das auch hier, zunächst aus einem Buch über das Frauenzuchthaus Hoheneck. Danach ist „Stasiratte“ dran.

Um 21 Uhr soll die Veranstaltung beginnen, eine Viertelstunde vorher wird niemand mehr hineingelassen. Der schmale Flur, in dem die Lesung stattfindet, ist voll besetzt, doch vor dem Eingang stehen noch zwei Dutzend Leute. Der Museumsmann beschwört sie: „Mehr geht jetzt wirklich nicht!“ Die Stimmung ist angespannt, jemand ruft: „Unerhört!“ Ein anderer fordert den sofortigen Umzug in größere Räume, und es fehlt nicht viel zum Sprechchor „Wir sind das Volk!“. Vielleicht steht ja keine Lesung an, sondern ein Tribunal, eine Verhandlung über das Stasi-Unwesen, den Fluchtpunkt aller Aufarbeitung, Inkarnation des DDR-Unrechts. Wer darf da ausgeschlossen sein?

„Ich bitte um wirkliche Disziplin, damit das hier gut abläuft“, ruft die Leiterin des Museums, sie lässt noch ein paar Leute in angrenzende Räume, wo die nichts sehen werden, aber das meiste hören können, und spricht schließlich die einleitenden Worte. Sie rechtfertigt sich für die Lesung, hier an diesem Ort. Sie sagt, warum sie eine „Täterin“ zu Wort kommen lässt. „Nicht oft sprechen Leute von ihrer Schuld“, sagt sie, „und wenn sie es tun, dann um von ihr frei zu werden.“ Ob das geht, lässt sie offen. Sie spricht von empörten Reaktionen auf die Ankündigung der Lesung und beharrt darauf, dass zur Aufarbeitung nicht allein die Opferperspektive gehört. Gleichwohl gehe es um die „Zerstörung zigtausender Biografien“ und es gelte dahinterzukommen, wie das geschehen konnte. Da müsse man auch Täter sprechen lassen.

Die Täterin sitzt daneben und rührt sich nicht. Sie hat ein Buch geschrieben über ihr Leben vor 25 Jahren, über den Verrat, den sie begangen hat: Drei Jahre Spitzeldienste an der Bar eines Devisenhotels in Ost-Berlin. Sie hat der Stasi erzählt, dass dieser Kollege gern mal einen über den Durst trank (das taten schließlich alle hier), dass jener West-Fernsehen sah (wer tat das denn nicht), dass sie einen Gast beobachtet hat, der einem anderen Arzneipackungen überreichte (es konnte Aspirin sein). Sie hat über ihre Scham geschrieben und über die Angst davor, aufzufliegen.

Aber hier soll es um die „Zerstörung zigtausender Biografien“ gehen, und sie ist die Täterin? Daran kann sie jetzt nichts ändern, sie beginnt zu lesen.

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