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Integrationsgipfel mit Thema Gesundheit : Merkel setzt auf "Sehnsucht nach Vielfalt"

Offizielles Thema des 10. Integrationsgipfels war Gesundheit. Aber natürlich ging es auch um Paris und die Folgen. Die Kanzlerin wurde deutlich.

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Lieber daheim als im Heim - die Pflegewünsche von Migranten und Nichtmigranten sind in vieler Hinsicht nicht sehr unterschiedlich.
Lieber daheim als im Heim - die Pflegewünsche von Migranten und Nichtmigranten sind in vieler Hinsicht nicht sehr unterschiedlich.Foto: Sebastian Widmann/picture alliance dpa-tmn

Bundeskanzlerin Angela Merkel ging nach dem gestrigen zehnten Integrationsgipfel auch auf grundsätzliche Zweifel mancher an der Integration von Migranten nach dem Massaker von Paris. Sie beantworte die Frage klar mit Ja, sagte Merkel. Integration entstehe durch dreierlei: Akzeptanz von Regeln des Aufnahmelandes, aber auch durch die Bereitschaft zu Toleranz und eine gewisse „Sehnsucht“ des Aufnahmelandes, „vielfältiger zu werden. "Kommt dies zusammen, gelingt Integration." Dass sie nicht bedeute, dass man seine kulturellen Wurzeln kappt, wisse Deutschland ja schon, weil es ein bundesstaatlich organisiertes Land sei.


Der Gipfel am gestrigen Dienstag war ganz dem Thema Gesundheit gewidmet, das die die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz zum Schwerpunkt ihrer Arbeit in diesem Jahr gemacht hat. Neben ihr, der Kanzlerin und Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nahmen Vertreterinnen von Migrantenselbstorganisationen mit Erfahrungen im Gesundheitswesen am Gipfel teil. Kürzlich hatte die Deutsche Islamkonferenz ihre Vorbereitungen zur Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands abgeschlossen.

Merkel: Nicht alle haben Zugang zum Gesundheitssystem

Özoguz nannte Gesundheit und Pflege einen „bedeutenden Bestandteil einer vorausschauenden Integrationspolitik“. Auch wenn aktuell die Aufnahme neu ankommender Flüchtlinge im Vordergrund stehe, werde die Frage, wie Deutschland auf eine wachsende Zahl älterer Menschen mit Migrationsgeschichte eingestellt sei, immer wichtiger. Özoguz betonte, es gehe nicht darum, „auf 130 verschiedene Herkünfte einzugehen“, das sei gar nicht möglich. Vielmehr müsse das Gesundheitssystem insgesamt kultursensibler werden. Merkel sagte, gleiche Teilhabe auch an den Leistungen des Gesundheitssystems sei schon vom Grundgesetz garantiert, sie gelte auch für Migrantinnen und Migranten“. Da das deutsche Gesundheitswesen aber „nicht unkompliziert organisiert sei“, viele ihre Ansprüche nicht kennten oder sie nicht formulieren könnten, gebe es in Wirklichkeit Barrieren. Merkel dankte den Migranten „für ihre tolle Arbeit“ vor dem Gipfel. Dass sich 200 Organisationen auf eine gemeinsame Stellungnahme geeinigt haben, helfe auch der Politik. Das Thema Flüchtlinge, so Gröhe, habe auf dem Gipfel eine Rolle gespielt, aber nicht die zentrale. In dem Maße, wie sich das Gesundheitssystem insgesamt öffne und grundsätzlich auf kulturelle Unterschiede Rücksicht nehme, "werden wir auch befähigt, eine gute Versorgung von Flüchtlingen zu meistern".

Noch gibt es weniger alte Migranten

Einer Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zufolge ist die Öffnung vor allem des Pflegesystems für alte Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor unbefriedigend, es fehlten auch Daten. 1,6 Millionen Migranten über 65 Jahre leben in Deutschland - ein Anteil von 9,3 Prozent, der deutlich niedriger liegt als der der Nichtmigranten, von denen bereits 24,4 Prozent älter als 65 sind. In der Pflegestatistik werde der Migrationshintergrund aber weiterhin nicht erfasst, so dass nur Schätzungen möglich seien. Insgesamt steigt die Zahl der Pflegebedürftigen, nach Daten des Statistischen Bundesamt um fünf Prozent zwischen 2011 und 2013. Sie lag im Dezember 2013 bei 2,6 Millionen Menschen. Nach einer schon vier Jahre alten Studie des Gesundheitsministeriums beträgt dabei der Anteil der Migranten - stationär Versorgte und Menschen, die zu Hause oder von Pflegediensten betreut werden - zwischen sieben und neun Prozent .

Zuhause bleiben, das wollen Migranten wie Nichtmigranten

Einen besonderen Bedarf sieht das Team des SVR-Forschungsbereichs im Fall von Demenz. Hier spiele "muttersprachliche Pflege eine wichtige Rolle, da die Betroffenen häufig als erstes ihre Kenntnis der deutschen Sprache einbüßen". Die Integrationsbeauftragte Özoguz fördert aktuell eine türkischsprachige Broschüre zum Thema Demenz, die Familien beim Umgang mit dementen Angehörigen helfen soll. Er wird demnächst auch auf russisch erscheinen.

Insgesamt sehen die Expertinnen beim Sachverständigenrat keine gravierenden Unterschiede der Bedürfnisse von Migranten und Alteingesessenen. Frauen wünschen sich zum Beispiel unabhängig von ihrem Hintergrund häufiger Pflegerinnen, Männern ist das Geschlecht des Personals insgesamt gleichgültiger - wobei das für religiöse muslimische Männer wichtiger ist (40 Prozent). Der SVR betont, dass Diskriminierungserfahrungen für diesen Wunsch ebenso wie für den nach Pflegepersonal des eigenen kulturellen Hintergrunds bedeutsam ist. Der Wunsch, zu Hause bleiben zu können, ist bei allen alten Menschen groß - bei Migranten etwas höher, wobei auch Geld eine Rolle spielen dürfte. 39 Prozent der Befragten mit, aber nur 20 Prozent derjenigen ohne Migrationshintergrund geben an, dass Pflegegeld als zusätzliches Familieneinkommen sehen.

Arbeitschancen für die nächste Generation

"Eine große Herausforderung" sieht auch Ramazan Salman vom Ethno-Medizinischen Zentrum in Hannover speziell in der Pflege für Migranten. Es sei aber ein gutes Zeichen, dass die Angehörigen vornehmlich der Gastarbeitergeneration Deutschland vertrauten und im Alter bleiben wollten. Dies eröffne auch jungen Leuten der nachfolgenden Generationen eine Chance im Gesundheitswesen, es müsse darum gehen, "viele Migrantinnen und Migranten für diese Berufe zu interessieren und auszubilden".

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